Kein Christ darf diese Stadt in der saudischen Wüste betreten, sie ist Geheimnis und Offenbarung zugleich, das Herz des Islams. Mehr als 1,4 Milliarden Muslime verneigen sich gen Mekka, Abertausende Pilger machen sich alljährlich auf den Weg, denn kein anderer Ort, nicht Rom, nicht Jerusalem, scheint heiliger als dieser. Und doch ist Mekka dabei, sich selbst zu vernichten.

Ein Wald von Baukränen erhebt sich über der Stadt, Baumaschinen dröhnen, ein 600 Meter hoher Hotelturm drängt sich dicht an die weltberühmte Große Heilige Moschee. Ihr Mittelpunkt, die schwarze Kaaba, erscheint geradezu verzwergt. Auch sonst tut Mekka alles, sich der eigenen Geschichte zu entledigen. Schon sind die ottomanischen Bögen aus dem 16. bis 18. Jahrhundert, die das Bild der Stadt prägten, zu 80 Prozent abgerissen.

"Schauen Sie nur hier, die neuesten Zerstörungen", sagt Ahmed Mater und zeigt auf die Fotos, mit denen er als Künstler seit drei Jahren den Abbruch Mekkas dokumentiert. "Auf den offiziellen Bildern von Mekka werden die zerstörten Bauten einfach per Photoshop ersetzt, als wäre nichts geschehen." Die Pilger suchen Spuren des Propheten, doch diese Spuren sind so gut wie ausgelöscht.

So wurde das Haus von Chadidscha, Mohammeds erster Ehefrau, abgerissen, um an dessen Stelle eine öffentliche Toilette zu errichten. Dort, wo einst das Haus Abu Bakrs stand, eines Gefährten Mohammeds, erhebt sich heute das Hilton. Benachbarte Häuser wurden planiert, um einem Parkplatz Raum zu schaffen. Über 300 Kulturstätten wurden in den letzten Jahren vernichtet. Seit der chinesischen Kulturrevolution hat es solche massiven Zerstörungen nicht mehr gegeben.

Doch wehrt sich der Klerus nicht etwa gegen die Umwälzungen, er befördert sie noch. Vor allem die Wahhabiten, die einer besonders strengen Variante des Islams anhängen, stecken als treibende Kraft hinter dem Abriss von Kuppeln und Heiligengräbern. Der Wahhabitismus ist eine extrem puritanische Spielart des Islams, er misstraut allen Äußerlichkeiten und der Verehrung sogar der eigenen Kulturstätten, als könnten diese vom reinen Glauben ablenken – aus westlicher Sicht ist das schwer verständlich. Da die Wahhabiten seit dem 18. Jahrhundert mit der Familie des Königshauses verbündet sind, haben sie die Regierung praktisch in der Hand. Widerstand kommt nur von wenigen: von einem Künstler wie Ahmed Mater oder von Sami Angawi, einem angesehenen Architekten, Städteplaner und Philosophen, der eine Doktorarbeit zu islamischer Architektur geschrieben hat. "Man muss sich fragen, was für eine Stadt Mekka sein soll", sagt Angawi. "Soll es aussehen wie Singapur oder New York?"

Zwar nennt sich der saudische König "Hüter der beiden Heiligen Moscheen", gemeint sind Mekka und Medina. Doch er tut nichts dagegen, dass selbst die Hadsch, die Pilgerfahrt, nicht mehr ist, was sie einmal war. Mohammed wollte, dass die Pilger zu Fuß nach Mekka kommen oder aber auf den "einfachsten Reittieren". Inzwischen haben clevere Reisebüros die VIP-Pilgerreise entdeckt: Wohlbetuchte Muslime aus Karatschi, Jakarta oder Beirut reisen per Businessclass nach Dschidda an. Eine Reise, die früher Monate oder gar Jahre dauerte, wird auf zwölf Stunden komprimiert. Vom Internationalen Pilger-Terminal geht es dann mit der Limousine nach Mekka, wo bereits Luxuszimmer reserviert sind. Aus dem Fairmont-Hotel, einem gigantischen Komplex mit vielen Einkaufszonen, haben sie einen direkten Blick auf die Kaaba – nur 80 Meter Luftlinie entfernt.

"Ich habe mir selbst den Auftrag erteilt, die Veränderungen in Mekka für alle offenzulegen", erzählt Ahmed Mater. Seine großformatigen Fotos zeigt er auch in Dubai und Beirut, und stets sorgen sie für Furore. Die Gentrifizierung sei Verrat an der Geschichte und Verrat am Islam. Der Galerist Hamsa Serafi ergänzt: "Der Islam lehrt uns Einfachheit, Bescheidenheit, Reinheit, auch in der Architektur. Von alldem ist hier nichts zu spüren."

Die Stadt braucht Platz für Luxusprojekte

Ahmed Mater hat viele Archive und Bücher durchstöbert, er vergleicht die historischen Aufnahmen mit der Gegenwart. Von einem Hubschrauber der saudischen Nationalgarde aus durfte er Luftaufnahmen machen – die besten Bilder, die es von Mekka aus der Vogelperspektive gibt. Diese Aufnahmen werden nun als großformatige Hochglanzfotos auf dem Kunstmarkt angeboten – sie haben Gursky-Format, sie werden in Düsseldorf produziert, technisch perfekt. Bis zu 50.000 Dollar werden dafür verlangt.

Die Fotos beweisen: Stadtteile, die sich seit dem 7. Jahrhundert um den historischen Kern von Mekka gelegt hatten, chaotische, informelle, oft wild gewachsene Behausungen, in denen sich Pilger aus aller Welt niederließen, weil sie nicht mehr heimkehren wollten, müssen nun weichen, um Platz zu machen für Luxusprojekte. Die Einwohner werden zwangsumgesiedelt – in Viertel außerhalb der Stadt.

Ahmed Mater kramt einen Katalog heraus, den das Bauministerium herausgegeben hat. Lauter architektonische Monstrositäten aus der Schule von Zaha Hadid oder Santiago Calatrava – Allerweltsentwürfe, die mit dem Islam so gut wie nichts zu tun haben. Selbst eine Nachbildung des Londoner Big Ben gibt es bereits, allerdings misst das Zifferblatt 43 Meter Durchmesser und ist fünfmal größer als das Londoner Original. Die Zeit auf dieser Turmuhr kann man noch aus 20 Kilometer Entfernung ablesen. Eine Uhr übrigens, die eine schwäbische Traditionsfirma geliefert hat.