MittelalterBauzeit: Vier Jahrzehnte

Im schwäbischen Meßkirch wird mit den Mitteln des 9. Jahrhunderts eine karolingische Klosterstadt errichtet. Ein Gespräch über ungelernte Ochsen und den richtigen Weg zurück ins Mittelalter. von 

DIE ZEIT: Sie haben Telefon, Fax und sogar einen Computer. Herrscht bei Ihnen nicht strengstes Mittelalter?

Bert M. Geurten: Im Büro unseres Trägervereins leben wir natürlich im 21. Jahrhundert. Aber auf der Baustelle, in unserem "heiligen Bezirk", da veranstalten wir so viel 9. Jahrhundert wie möglich.

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ZEIT: Eine karolingische Klosterstadt im 21. Jahrhundert mit den Mitteln des 9. Jahrhunderts zu bauen, das klingt ein wenig versponnen...

Bert M. Geurten

63, hatte die Idee zur Klosterstadt Meßkirch.

Geurten: Das dachte der Bürgermeister von Meßkirch auch, als ich ihm die Idee zum ersten Mal vorstellte. Dann packte er die Abgeordneten des Stadtparlamentes in einen Bus und fuhr nach Guédelon ins Burgund, wo seit 1996 eine mittelalterliche Burg gebaut wird – mit den Methoden der damaligen Zeit. Die Stadträte waren fasziniert von der Atmosphäre dort. Außerdem zieht Guédelon jedes Jahr mehr als 300.000 Besucher an, was ebenfalls ein gutes Argument war. Seit Juni ist unsere lebende Baustelle für alle Interessierten geöffnet.

ZEIT: Sie sind ja nicht vom Fach, also kein Archäologe, sondern studierter Betriebswirt und Radiojournalist. Wie kamen Sie darauf, eine ganze Klosterstadt aus dem Boden zu stampfen?

Geurten: Ich bin aus Aachen und hatte dort im Stadtmuseum schon als Kind ein Modell des berühmten St. Galler Klosterplans gesehen. Der Plan zeigt die mustergültige Anlage eines karolingischen Klosters. Historiker vermuten, dass er im Scriptorium Karls des Großen in Aachen angefertigt worden ist, es existiert aber heute nur eine Kopie von der Bodenseeinsel Reichenau, die um 830 nach Christus entstanden ist. Der Plan hat mich fasziniert. Vor ein paar Jahren dann sah ich eine Reportage über Guédelon und dachte, so etwas will ich auch machen. Doch die sogenannte Ritterzeit, die im 13. und 14. Jahrhundert ihre Blüte hatte, scheint mir, mit Verlaub, etwas ausgelutscht zu sein. Dazu gibt es sehr viele Quellen, das meiste ist uns bekannt. Im 9. Jahrhundert hingegen kann man noch etwas entdecken. Außerdem verehre ich als Aachener Karl den Großen sehr.

ZEIT: Und warum gerade in Meßkirch?

Geurten: Reiner Zufall. Eigentlich wollte ich das Projekt in der Nähe von Aachen realisieren, fand aber keine Politiker, die sich dafür begeistern konnten. In Meßkirch hat der Bürgermeister Feuer gefangen und seinen Stadtrat ins Boot geholt.

ZEIT: Auf der Baustelle gibt es wirklich keine Maschinen, keinen Strom, keinen Kran?

Geurten: Nichts dergleichen. Da sind wir konsequent. Unsere derzeit 25 Mitarbeiter machen alles mit ihren eigenen Händen. Alle unsere Handwerker sind mittelalterlich gekleidet, mit Lederschürzen, Leinenhemden, Beinwickeln und Holzschuhen. Für die Transporte benutzen wir Ochsenkarren. Vier Ochsen werden gerade von uns angelernt. Ochsen als Zugtiere gibt es ja bei uns nicht mehr. Die müssen das erst trainieren.

ZEIT: Gab es Probleme mit dem Tierschutz?

Geurten: Ein heikles Thema! Wir durften nämlich kein Joch benutzen, das den Ochsen früher vor die Stirn gehängt wurde. Erlaubt ist nur ein um den Hals gehängtes Kummet, aber das war im 9. Jahrhundert noch nicht bekannt. Um eins klarzustellen: Wir müssen natürlich die gesetzlichen Bestimmungen einhalten. Das gilt auch für den Arbeitsschutz. Unsere Steinmetze tragen alle moderne Schutzbrillen, da lässt sich gar nichts machen. Eigentlich sind auch speziell verstärkte Arbeitsschuhe Pflicht auf einer Baustelle. Zum Glück gibt es aber in Baden-Württemberg eine Regelung, wonach auch Holzschuhe als Arbeitsschuhe verwendet werden dürfen.

Leserkommentare
    • ManRai
    • 14. August 2013 15:58 Uhr

    In USA (Mitte) gibt es ein Museum der Gruenderjahre in einem Bereich der Land between the lakes genannt wird, absolut sehenswert und total weg vom dem traurigen Rest der USA. Dort arbeiten Menschen in der Kleidung und mit den Werkzeugen dieser Gründerjahre, trotzdem haben wir ueber Probleme der modernen Schweinezucht gesprochen. Wer dort vorbeikommet (am A.... der Welt) - ein Genuss und meine Hochachtung der Leute die dort arbeiten und denen die in Deutschland und Frankreich in aehnlichen Projekte taetig sind - ihr seid einfach super und wir lernen viel daraus

  1. als das Eintrittspreiszahlen und Zuschauen wäre aus meiner Sicht wünschenswert. Das würde in unserer überregulierten Welt aber wohl leider reichlich problematisch.
    Allerdings kommt bei so einem Projekt die harsche Distanzierung von "Mittelalterfreaks" reichlich komisch rüber.
    Da muss man schon fast aufpassen, dass man nicht ganz seriös aber allein und dauerhaft zuschussbedürftig im Eck steht (zumal wenn man eh ganz schön weitab sitzt)

    • welll
    • 15. August 2013 3:12 Uhr

    Die Distanzierung von "Mittelalterfreaks" mutet in der Tat reichlich merkwürdig und Oberlehrerhaft an. Das spricht nicht für das Projekt.

    Bei den ambitionierten Besucherzahlen wird man auch auf alle Mittelalterinterssierten angewiesen sein. Schulklassen sind zumeist nicht sehr zahlungskräftig.

    Ansonsten ein netter, eskapistischer Gegenentwurf zu Disney-Land & Co.

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  2. ... und freuen uns auf Meßkirch. Alles Gute und viel Durchhaltevermögen!

    Bonne Chance!

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  3. ... übrigens seit längerem aus den Eintrittgeldern ganz gut. Wichtig ist entsprechend gute PR-Arbeit und – so leid es mir tut – aktive und attraktive Vermarktung. Mal genau den Souvenir- und Buchladen in Guédelon anschauen. Wie ich mir habe sagen lassen, geht die Video-DVD vom Bau der Bergfried-Gewölbe sehr gut. Also: Von Anfang an alles akribisch und attraktiv ganz unmittelalterlich von Könnern aufzeichnen und aufbereiten lassen! Da lassen sich sehr wohl engagierte Mittelalterfreaks finden, die sowas a) können und b) in den Dienst dieser guten Sache stellen. Man staunt manchmal, was da an ungeschliffenen Steinen im Verborgenen auf Entdeckung wartet.

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