Papst Franziskus in BrasilienEcht einer von uns?

Franziskus fordert die Jugend auf, mit ihm Revolution zu machen. von Astrid Prange

Es war Liebe auf den ersten Blick. Schon eine halbe Stunde nach seiner Ankunft schloss Rios Bevölkerung den Argentinier ins Herz. Als Franziskus im Stau stecken blieb und das alles andere als tragisch fand, da wussten sie: Dieser Mann ist einer von uns. Als Franziskus fünf Jugendlichen auf der Straße die Beichte abnahm und sich nicht hinter den extra für ihn aufgebauten Altar setzte, sondern wie andere Priester mitten in die Menge auf eine einfache Holzbank, brachen die Dämme der Zurückhaltung. Und als er im Stadttheater bei einem Treffen mit Vertretern sozialer Bewegungen spontan den schwarz-weißen Federschmuck, den ihm ein Pataxó-Indianer überreichte, über sein Scheitelkäppchen stülpte, lag ihm das Publikum endgültig zu Füßen.

Es war ein katholisches Woodstock: sechs Tage lang Strandparty, sechs Tage lang Verbrüderung der weltweiten katholischen Community. Konservative Priester mit hochgeknöpften Gewändern knieten neben argentinischen Pilgerinnen, die ihre neuen brasilianischen Bikinis vorführten; Ordensschwestern und barbusige Demonstrantinnen hauchten einander Küsse zu, Teenager inszenierten Flashmobs zu katholischer House-Musik. Und mittendrin Franziskus, der kein Bad in der Menge ausließ.

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"Mehr Franziskus für die Kirche, mehr brauchen wir nicht", sagte Jonas Luiz de Pádua, freiwilliger Helfer aus dem brasilianischen Bundesstaat Minas Gerais, "seine bescheidene, herzliche Art ist unser Ideal." Das Franziskus-Fieber ist ansteckend, in Rio haben sich nicht nur Pilger infiziert. "Für mich ist der Papst ein Hoffnungsträger", erklärte Walmyr Junior, freiwilliger Helfer aus einer Favela in Rio, "viele nennen ihn konservativ, aber für mich ist es alles andere als konservativ, wenn ein Papst Jugendliche zum Demonstrieren aufruft."

Als im Juni Massendemonstrationen gegen Korruption und teure Fußballstadien die politische Klasse Brasiliens aufscheuchten, war Walmyr Junior dabei. Auf seiner Facebook-Seite postete er Aufrufe der katholischen Jugendpastoral, die Politik und Glauben miteinander zu verbinden sucht. Seit dem Weltjugendtag in Rio ist der 28-jährige Student landesweit bekannt: Vor laufenden Kameras erzählte er dem Papst, wie sein Glaube ihn aus dem Teufelskreis von Drogen und Gewalt befreite. Die Worte Walmyrs elektrisierten den Papst. Diese Jugendlichen, das betonte er in jeder Ansprache, seien seine Verbündeten.

Doch braucht ein Pontifex junge Laien, um seine Kirche zu verändern? Sind nicht die geweihten Priester, Bischöfe und Kardinäle die Säulen der Kirche? Warum sollen ausgerechnet junge Gläubige die Kirche reformieren und nicht deren geweihte Vertreter? Franziskus ließ an der Wahl seiner Verbündeten keine Zweifel. "Ihr seid die Zukunft der Kirche. Die Jugend hat die Verantwortung, die Kirche am Leben zu halten!", flüsterte er einer jungen Pilgerin aus Venezuela ins Ohr, dann erhob sich die 21-jährige Estefani Lescano aus dem Beichtstuhl. Sie gehörte zu den fünf Auserwählten, denen der Papst persönlich die Absolution erteilte. Eigentlich waren nur fünf Minuten für das Gespräch vorgesehen. Doch für die wichtige Botschaft nahm er sich mehr Zeit.

Die Botschaft ist revolutionär: Franziskus will die Pilger zu Vorreitern beim Umbau des Vatikans machen. Er will in dem noch einzigen absolutistischen Staat der Welt die Macht der Laien stärken, er will kollegialer und weniger monarchisch regieren. Er will die Kirche öffnen für Gläubige, die nicht nach katholischen Moralvorstellungen leben, er will, dass Bischöfe und Priester Gläubige aufsuchen, statt auf ihr Kommen zu warten. Und er will, dass alle Amtsträger bewusst auf Luxus und Prestige verzichten und stattdessen Barmherzigkeit und Bescheidenheit an den Tag legen.

Aber Franziskus will die Jugendlichen auch für traditionelle Werte gewinnen. Ehe und Familie seien nicht aus der Mode gekommen. Es gebe menschlichere Lebensziele als Geld und Macht. Die Botschaft kam an bei den jungen Katholiken, die großenteils nicht zu den Gewinnern der Globalisierung gehören. "Viele glauben, heute sei alles nur vorübergehend und relativ, es sei wichtiger, den Augenblick zu genießen, als sich festzulegen", sagte der Papst. "Ich bitte ich euch, stellt euch gegen diesen Trend! Seid revolutionär!"

Franziskus hat den Rückhalt junger Pilger bitter nötig. Denn schon jetzt ist klar, dass seine Reformvorstellungen im Vatikan nicht überall auf Zustimmung stoßen, im Gegenteil. Im Kirchenstaat grassiert bereits die Angst vor dem Ende des Petrusamtes. Böse Zungen behaupten, dass Franziskus keinen Nachfolger haben werde, weil seine Pläne langfristig zur Abschaffung des Papsttums führten.

Der brasilianische Befreiungstheologe Leonardo Boff hingegen fiebert dem Umbruch entgegen. "Dieser Papst ist ein Papst der Zäsur", erklärte er bei einem Gespräch in seinem Haus in Petrópolis in der Nähe von Rio. Franziskus werde eine Dynastie von Päpsten aus der Dritten Welt gründen, damit sie dem Christentum neues Leben einhauchten. Tatsächlich hat Lateinamerika schon einmal seine Erneuerungskraft bewiesen. In den sechziger und siebziger Jahren inspirierten Befreiungstheologen wie Gustavo Gutiérrez und Óscar Romero Geistliche und Gläubige auf der ganzen Welt, darunter auch den heutigen Vorsitzenden der Glaubenskongregation im Vatikan, Ludwig Gerhard Müller. 2004 veröffentlichte dieser gemeinsam mit Gutiérrez das Buch An der Seite der Armen: Theologie der Befreiung .

Doch wie weit geht eine päpstliche Revolution? Die Streitthemen Frauenordination, Zölibat, Homosexualität ließ der Papst auf lateinamerikanische Art zunächst beiseite. Erst die Party, dann die Probleme: Während er in Rio die katholische Seele der Jugendlichen streichelte, erläuterte er auf dem Rückflug nach Rom einem kleinen Kreis von Journalisten seine Haltung zu den brisanten Fragen.

Hinter verschlossenen Türen hatte sich der Papst bereits in Rio den Klerus zur Brust genommen. Er machte die lateinamerikanischen Bischöfe mitverantwortlich für den Verlust von Millionen von Gläubigen, die in den letzten zehn Jahren der katholischen Kirche den Rücken kehrten und zu evangelikalen Freikirchen überliefen. Er tadelte sie für die mangelnde Einbeziehung von Laien ins Gemeindeleben und forderte sie auf, ihre "Komfortzonen" zu verlassen.

Zurück in Rom, könnte es auch für Franziskus unbequem werden: Wenn er mit jungen Laien die Kirche erneuern will, lässt er auch zu, dass sie die Kirche verändern? Wird er Zugeständnisse machen? An Selbstbewusstsein mangelt es den jungen Lateinamerikanern nicht. "Die Kirche kann nicht mehr zurück. Denn auch Leute wie ich sind Kirche und sprechen für sie!", sagte Walmyr Junior. Er weiß: Eine echte Revolution kommt nicht von oben, sondern von unten.

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Leserkommentare
  1. diese Revolution soll eine Um- oder Rückkehr zum untertänigen Katholizismus werden. So wie früher, als alles besser war, besonders für die Kirchenfürsten. Schöne Gesten sind schön, aber nicht gut, wenn keine passenden Taten folgen; und diesbezüglich wird ja offensichtlich schon zurück gerudert.

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  • Schlagworte Papst | Katholische Kirche | Bischof | Jugendliche | Leonardo Boff | Vatikan
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