DIE ZEIT: Herr Professor Theisohn, stellen Sie sich vor, einer Ihrer Studenten reicht eine Dissertation ein, und Sie finden heraus, dass er eine Vielzahl der zitierten Bücher und Aufsätze nicht selbst in der Hand gehabt hat: Wie reagieren Sie darauf?

Philipp Theisohn: Der Student würde sicherlich nicht promoviert werden. Gerade als Philologe bin ich den Primärquellen verpflichtet. Deshalb verlange ich von meinen Doktoranden natürlich, dass sie alles, worüber sie schreiben, auch selbst im Original lesen.

ZEIT: Legt man diesen Maßstab an, hat Bundestagspräsident Lammert seinen Doktortitel vor 40 Jahren zu Unrecht bekommen.

Theisohn: Nein, denn die Frage ist, ob man diesen strengen Maßstab überall so anlegen darf. Ich bin der Meinung, dass man die heutigen Qualitätsstandards nicht eins zu eins auf frühere Zeiten übertragen darf.

ZEIT: Waren Plagiate früher erlaubt?

Theisohn: Sicher nicht. Aber die Einschätzung, was ein Plagiat ist beziehungsweise wie man zitiert, hängt nicht nur von der jeweiligen Fachkultur ab, sondern auch von der Zeit. Wohlgemerkt, wir reden hier nicht von Übernahmen von Sätzen, Absätzen oder ganzen Seiten, wie man es in der Guttenbergschen Doktorarbeit nachweisen konnte. Die waren immer verboten. Um ein solches Großplagiat geht es bei Herrn Lammert nicht. Ihm wird vielmehr vorgeworfen, er habe Argumente übernommen und Primärquellen nach Sekundärliteratur zitiert. Das scheint jedoch in bestimmten Zeiten und Fächern nicht unüblich gewesen zu sein.

ZEIT: Wie kommen Sie darauf?

ZEIT: Im Rahmen eines Vortrags, den ich auf einer Tagung des Wissenschaftsrates gehalten habe, habe ich mir wahllos eine Reihe von pädagogischen Doktorarbeiten aus den Jahren 1975 bis 1982 etwas näher angeschaut. Da finden Sie solche Sekundärlektüren, wie sie Lammert jetzt zur Last gelegt werden, immer wieder: von Mischparaphrasen, in denen Reformulierung und wörtliche Zitate verschwimmen, mal ganz abgesehen. Es würde mich überhaupt nicht wundern, wenn das in den Sozialwissenschaften, in denen Norbert Lammert promoviert wurde, damals genauso gewesen wäre.

ZEIT: Warum nicht?

Theisohn: Eben weil das wissenschaftliche Schreiben sich verändert und viele Entscheidungen, die wissenschaftliche Normen betreffen, standortabhängig sind: Welche Bedeutung haben Quellen für einen Text? Wie oft muss ich einen Text in den Fußnoten erwähnen? Muss ich das überhaupt, wenn es um vermeintliches Allgemeingut geht? In einer der von mir angelesenen Dissertationen gibt es zum Beispiel ein dreizehnseitiges Kapitel zu Darwin, in dem dieser kein einziges Mal direkt zitiert wird. In einem Kapitel zu Auguste Comte werden dessen Positionen anhand eines Lexikonartikels wiedergegeben – und eines Funkkollegs...

ZEIT: ...also einer Radiosendung.

Theisohn: Richtig. Und in einer anderen Arbeit heißt es: "Ich halte mich bei diesen Ausführungen wesentlich an die Aufzeichnungen von XYZ." Ob damit der folgende Satz oder Absatz gemeint war, bleibt völlig offen. Ich habe dann verglichen und festgestellt, dass es sich um eine mehrere Seiten lange Paraphrase handelt.

ZEIT: Aber ein solch schludriges Vorgehen hätte den Doktorvätern damals doch auffallen müssen?

Theisohn: Vielleicht ist es das ja, aber sie fanden es nicht wichtig. Ich wäre mir auch nicht sicher, ob ein Gutachter in den 1970ern in einem sozialwissenschaftlichen Fach zwingend davon ausging, dass der Kandidat alle zitierten Texte ganz gelesen hat. Vielleicht war ihm aus seiner eigenen wissenschaftlichen Praxis ganz bewusst, dass er nur eine Aufbereitung des Forschungsstands aus Sekundärquellen vor sich hatte. Wenn sich in einem Fach solche Standards etablieren, kann man in diesen Fächern kein wissenschaftliches Fehlverhalten entdecken.