Ein Montagabend in Berlin, Anfang Juli, es ist einer der ersten heißen Tage des Jahres. Die Filmregisseurin Sofia Coppola steigt langsam die breite Wendeltreppe eines Hotels hinauf, da sieht sie durch eines der großen Fenster im Treppenhaus, wie auf einer Terrasse des Hotels ein Dutzend junge Frauen, alle in Weiß gekleidet, gemeinsam Yoga machen. Sofia Coppola bleibt stehen, geht ganz nah ans Fenster und beobachtet die Frauen bei ihren synchronen Bewegungen. Die fremde Frau am Fenster, es ist eine Szene wie aus einem Sofia-Coppola-Film, wie in Lost in Translation, nur diesmal nicht im Park-Hyatt-Hotel in Tokio, sondern im Hotel Stue in Berlin-Tiergarten.

Dann gibt sich Sofia Coppola einen Ruck, geht die restlichen Stufen hoch zum Bibliothekszimmer, begrüßt den Interviewer und setzt sich an einen Couchtisch. "Entschuldigen Sie", sagt sie, "ich bin noch etwas unkonzentriert, ich komme direkt aus den Ferien." Drei Wochen lang war sie in Südfrankreich mit der Familie ihres Ehemanns Thomas Mars, des Sängers der Band Phoenix, heute übernachtet sie in Berlin, morgen geht es weiter nach Paris.

Klein ist sie, etwa 1,65 Meter, und schmal, ihr Gesicht wird dominiert von den dunklen Augen und den vollen, geschwungenen Lippen. Sie trägt eine dunkle, dreiviertellange Hose, eine dunkle Bluse mit weißen Punkten, ein goldenes Kettchen am Handgelenk, die dunklen Haare haben blonde Strähnen.

Sofia Coppola hat einen neuen Film gedreht, The Bling Ring, am 15. August kommt er in die deutschen Kinos. Er erzählt die wahre Geschichte einer Gruppe von Teenagern in Hollywood, die 2009 nachts in Häuser von Prominenten wie Paris Hilton, Orlando Bloom und Lindsay Lohan einbrechen und Kleider, Schmuck und Kunstwerke erbeuten, insgesamt im Wert von drei Millionen Dollar. In den Medien werden sie The Bling Ring genannt. Das Einbrechen ist nicht schwer: Die Teenager googeln, wo die Prominenten leben, sie googeln, ob sie gerade einen Auftritt irgendwo anders haben, und Paris Hilton hat meistens vergessen, irgendeine Tür in ihrem Bungalow abzuschließen. Das Internet macht es den Teenagern möglich, auf "Shoppingtour" zu gehen, wie sie es selbst nennen. Das Internet sorgt auch dafür, dass sie festgenommen werden: Sie fangen an, sich für Facebook mit ihren neuen Kleidern zu fotografieren und damit anzugeben, wo sie letzte Nacht gewesen sind.

Eine Reporterin von Vanity Fair schreibt eine ausführliche Reportage über den Fall, und als Sofia Coppola die Geschichte liest, denkt sie sofort: "Jemand sollte einen Film darüber machen." Sie meldet sich bei der Reporterin.

Warum? "Nach meinem Film Marie Antoinette habe ich eine Zeit lang in Paris gelebt", sagt sie, "ich hatte also eine lange Pause von Amerika. Als ich dann zurück nach Los Angeles kam, bin ich richtig erschrocken. Ich habe plötzlich gemerkt, dass eine ganze Generation in einer Kultur aufwächst, die geprägt ist von Klatschmagazinen, Promi-Internetseiten wie TMZ und Sozialen Netzwerken wie Facebook. Und überall in der Stadt waren auf Plakatwänden Menschen wie Paris Hilton zu sehen, die für nichts anderes berühmt waren als dafür, berühmt zu sein." Sie macht eine kurze Pause, trinkt etwas Wasser. "Ich habe mich die ganze Zeit gefragt, wie einen das prägt, wenn man so aufwächst, wenn man die Welt auf diese Weise kennenlernt. Als ich aufgewachsen bin, gab es diese Klatschmagazine noch nicht, es gab kein Reality-TV. Ich vermisse die Unschuld, in der meine Generation aufgewachsen ist." Sofia Coppola ist 1971 geboren. "Wir hatten nicht mal einen Fernseher zu Hause", sagt sie und lächelt.

Sie hat selbst zwei kleine Töchter, die sechsjährige Romy und die dreijährige Cosima. "Meine Kinder wachsen in diese Trashkultur-Welt hinein, damit muss ich zurechtkommen. Ich werde versuchen, auf sie aufzupassen. Mir gefällt einfach nicht, dass sich Mädchen heutzutage im Stil von Prostituierten anziehen und dass das auch noch zunehmend akzeptiert wird."

Hat ihre Kritik auch damit zu tun, dass sie selbst älter geworden ist? So wie jede Generation über die nächstjüngere den Kopf schüttelt? "Bestimmt", sagt sie, "mir ist klar, dass jede Generation über die nächste denkt: Wenn die so weitermachen, geht die Welt bald unter. Und es gibt ja auch eine Seite an den Kids von heute, die ich mag, ihre Kreativität im Umgang mit den Medien, ihren Mut und ihre Art, verrückte Ideen zu leben. Ich glaube nur: Wenn du dich ausschließlich in dieser Trashkultur bewegst, ist es, wie den ganzen Tag Bonbons zu essen."

Was hat sie dann, bei all der Distanz, dazu gebracht, einen Film über diese Welt zu drehen? "Mich hat interessiert, wie sich die Vorstellung davon, was es bedeutet, berühmt zu sein, verändert hat. Als ich jung war, ging es darum, etwas Spannendes zu machen, wofür man dann auch berühmt sein kann. Heute geht es nur noch darum, berühmt zu sein." So wie bei den Teenagern aus The Bling Ring: Ihnen reicht es, die Kleider und Schuhe von Paris Hilton zu tragen, ihr Badezimmer zu kennen, an ihrem Alltag teilzuhaben und der Welt davon auf Facebook zu erzählen. Dann fühlen sie sich einen Moment lang wie Paris Hilton oder zumindest wie ihre beste Freundin. Oder wie Emma Watson, die selbst im Kindesalter berühmt geworden ist durch ihre Rolle in den Harry Potter-Filmen – und die nun in The Bling Ring mitspielt. "Ich habe mich mit Emma auch darüber unterhalten, wie sie damit kämpft, dass sie so früh so berühmt geworden ist." Das Teenie-Idol Emma Watson spielt in The Bling Ring einen Teenie, der Idole anhimmelt.