Punkrocker Richard HellÜberwiegend heiter

Was ist vom Punk noch übrig? Richard Hell muss es wissen, er gehört zu den ersten Punkrockern überhaupt und legt jetzt seine Autobiografie vor. Ein Hausbesuch in New York von Marie Schmidt

© Harper Collins

Mal wieder zu früh für eine Verabredung und zu spät in der Geschichte. Bleibt also Zeit, Cappuccino zu trinken und darüber zu brüten, ob an diesem tropfnassen Mittwoch irgendwo unter dem Pflaster der Avenue A noch das frühere New York liegt, in dem sich an dieser Ecke keiner die idiotischen Mengen geschäumter Milch hätte träumen lassen, die man hier verzehrt. Heute träumen die, die zu spät geboren sind wie ich, von charismatischeren Zeiten, als es hier wild und gefährlich war und billig und Kunst und Subkulturen aus dem dreckigen Boden schossen wie nie mehr.

"Ganze Blocks verwandelten sich in ein, zwei Jahren von Behausungen in dunkle Löcher, dann in Drogenhöhlen", schreibt der Ur-Punk Richard Hell in der Autobiografie I Dreamed I Was A Very Clean Tramp, die gerade erschienen ist. Hell ist mit seinen Bands Neon Boys und Television, The Heartbreakers und The Voidoids so etwas wie die Matrize eines Punkrockstars. Vielleicht gerade weil er im entscheidenden Moment einer galoppierenden Sucht wegen aus der Spur geriet und nie so ikonisch wurde wie, sagen wir, Dee Dee Ramone oder Patti Smith. Seit 1975 lebt er hier, also klettert man ein paar Stockwerke rauf in eine dieser legendären Arbeiterwohnungen, die man durch eine Küche betritt, in der auch die Badewanne steht, um sich von Mr. Hell ein bisschen auslachen zu lassen für den nostalgischen Eifer, mit dem man ihm kommt. Ein imposantes Erlebnis, weil in seinem lachenden 63-jährigen Gesicht der Vorhang des Misstrauens aufgeht und man den messerscharfen milchgesichtigen Typ wiedererkennt, der er auf den Plattencovern ist.

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Für jemanden, der, das steht in der Biografie, immer wegrennen wollte, hält er es schon lange aus, in genau dieser Wohnung an genau dieser Ecke. "Es gibt viele Wege, wegzulaufen", sagt Mr. Hell. "Man muss nur alles neu erfinden. Wieder fremd werden. Die reinste Art ist, dein ganzes Leben und alle, die du kanntest, hinter dir zu lassen und irgendwohin zu gehen, wo dich keiner kennt, wo du aus dir machen kannst, was du willst. Man kriegt aber fast das Gleiche, wenn man seine Arbeit wechselt, zum Beispiel. Oder Drogen nimmt. Oder sich verliebt." Um so etwas zu hören, ist man natürlich gekommen.

Der so redet, fürchtet die immer gleichen Fragen über die Siebziger und die Ursprünge des Punk im CBGB’s an der Bowery. Die werden nicht gerade weniger, wenn sich jetzt die ergrauten Zeitgenossen regelmäßig zu Podiumsdiskussionen und in Museen treffen, um Retrospektive zu betreiben. Hells großes Thema ist sein Unwillen, für einen Konsens vereinnahmt zu werden. "Jeder hat sein eigenes Bild von der Vergangenheit, und meines hat mit dem dieser Leute nicht viel gemein", sagt er.

Richard Hell 2009 während einer Konferenz in New York

Richard Hell 2009 während einer Konferenz in New York  |  © Astrid Stawiarz/Getty Images

Zugleich ist eine Autobiografie ein seltsam wirklichkeitsgläubiges Genre für jemanden, der immer mit Rollen und Identitäten experimentiert hat. Das Kapitel über die "Erfindung" wesentlicher Punk-Symbole für Television enthält unverblümte Sätze wie "Auf den Haarschnitt kam ich durch Analyse". Es geht um "systematisch erfundene oder entdeckte Mittel, nach außen zu zeigen, was in uns war". Einmal in der Welt, wurde die planvoll authentische Geste sofort konsensfähig. So viele konnten sich identifizieren: provokante Kids an den Bushaltestellen oberbayerischer Kleinstädte nicht weniger als mondäne Modeprofis. Hell entlockt das kaum ein Schulterzucken: "Ich habe es für mich gemacht. Ich dachte, die Leute würden selbst etwas für sich tun, aber sie haben das irgendwie aufgegriffen."

Auf der anderen Seite hat sich diese Bewegung als Letzte ihrer Art erfunden und sich selbst die Zukunft gestrichen. Lässig unerbittlich schreibt Hell: "Das Fehlen einer Zukunft ist die uneingestandene Grundlage des Rock ’n’ Roll. Jung zu sein hat keine Zukunft, und Rock ist die Musik der Jungen."

Mr. Hell, bürgerlich Meyers, heute barfuß und überwiegend heiter, pausiert vor wichtigen Worten, wie jemand, der gewohnt ist, seiner Erinnerung zu misstrauen. Anfang der Achtziger, nachdem er mit den Drogen aufgehört hatte, ist er aus dem Rockstar-Business ausgestiegen: "Ich habe einen Weg da rausgefunden. Ich hatte das Glück, lange genug zu leben." Da endet die Autobiografie, sein neues Leben als Schriftsteller sei ziemlich ereignislos.

Ein letzter Versuch, sich in der klammen Gegenwart der Retrotrends und virtuellen Versprechungen von Hell trösten zu lassen: Finden Sie es nicht manchmal tragisch, was aus Punk wurde, die Nachmacher, die Nietengürtel, die man bei H&M kaufen kann, die Industrie, die von Ihnen gelernt hat, Jugendbewegungen im Paket zu entwerfen, Musik, Kleidungsstil und Attitüden inklusive? Hells Augen glimmen: "Tragisch ist ein zu dramatisches Wort. Eher leise ironisch. So würde ich das nennen."

Diesen Artikel finden Sie als Audiodatei im Premiumbereich unter www.zeit.de/audio

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Leserkommentare
  1. Punk war und ist reinster Kommerz

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    • ZPH
    • 10. August 2013 17:07 Uhr

    mehr als Malcolm McLaren.

    • ZPH
    • 10. August 2013 17:07 Uhr

    mehr als Malcolm McLaren.

  2. Genau so spießig wie ABBA. Nur schneller gespielt.

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    Eine Leserempfehlung
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    • 29C3
    • 11. August 2013 20:52 Uhr

    seien also auch spießig?

    O.K. Was wäre dann Ihrer geschätzten Meinung nach "nicht spießig"?

    • 29C3
    • 11. August 2013 20:52 Uhr

    seien also auch spießig?

    O.K. Was wäre dann Ihrer geschätzten Meinung nach "nicht spießig"?

    Antwort auf "Punk war und ist"
  3. zwingend in Ihre Plattensammlung hinein gehören. Moon over Marin oder Nazi Punks fuck off? Jello B. und DK haben noch mehr produziert. Mann, die Erde hat sich weiter gedreht und die Musik sich weiter entwickelt. Punk als Bewegung war und ist kompletter Kommerz. DK, Ramones und andere sind Künstler und möglicherweise die Ausnahme, aber keine Regel.

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    • 29C3
    • 13. August 2013 11:14 Uhr

    wenn man´s kann.

    • 29C3
    • 13. August 2013 11:14 Uhr

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  • Schlagworte New York | Autobiografie | Biografie | Punk | Musiker
  • Der Autor Diedrich Diederichsen

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