Ein Jahr und drei Tage hat es gedauert, dann war aus Andrea Straub, der einstigen Angestellten eines Pleiteunternehmens, selbst eine Unternehmerin geworden. Es schüttete in Strömen an diesem 29. Juni 2013 in Stetten am kalten Markt auf der Schwäbischen Alb, trotzdem war der halbe Ort gekommen. Der Chor sang, die Kapelle spielte, die Gemeindereferentin segnete die Geschäftsräume. Und nach vielen Reden durchschnitt Andrea Straub, 46 Jahre alt, mittellange braune Haare und ein paar Lachfalten um den Mund, gemeinsam mit dem Bürgermeister das grüne Band vor der Tür. Der neue Laden – hell und geräumig – war eröffnet.

Knapp ein Jahr hat es gedauert, dann wusste Elfriede Wais aus Ostfildern bei Stuttgart, dass aus ihrem Traum von der Selbstständigkeit nichts werden würde. Drei Anläufe waren gescheitert, zweimal spielten die Vermieter nicht mit, beim dritten Mal die Banken. Elfriede Wais, eine resolute 60-Jährige mit silbergrauen Haaren und leiser, aber bestimmter Stimme, nahm ihren Mut zusammen und orientierte sich neu. Anfang August hat sie eine neue Stelle als Altenpflegerin angetreten. "Jammern bringt mich nicht weiter", sagt sie, "ich bin alt, aber nicht tot. Ich will nicht daheim rumsitzen."

Die Metamorphosen von Andrea Straub und Elfriede Wais begannen am selben Tag, am 27. Juni 2012. Nach Monaten des Hoffens und des Bangens, nach Wochen des Ausverkaufs, in denen die Kunden die Waren zu verbilligten Preisen aus den Läden schleppten, schlossen die Schlecker-Märkte, in denen Elfriede Wais seit 13 und Andrea Straub seit 15 Jahren arbeiteten. Beide hatten bis zuletzt geglaubt, dass ihre Filialen eine Zukunft haben könnten, Kundenzahl und Umsatz stimmten. Doch die Drogeriekette war pleite – und wie ihre knapp 23.000 Kolleginnen klebten Wais und Straub als letzte Amtshandlung die Scheiben der Läden mit Folie ab.

Ideen, was die sogenannten Schlecker-Frauen – der Ausdruck landete 2012 bei der Wahl zum Unwort des Jahres auf Platz vier – nun anstellen könnten, hatten viele. Arbeitsministerin Ursula von der Leyen schlug vor, mit ihnen den großen Bedarf an Erzieherinnen zu decken. Wirtschaftsminister Philipp Rösler empfahl den Damen, sich möglichst schnell selbst eine "Anschlussverwendung" zu suchen. Das taten Andrea Straub und Elfriede Wais. Sie, die bisher als Angestellte Drogerieartikel verkauft hatten, wollten das in Zukunft als Selbstständige tun, in ihren alten Filialen, aus denen nun Dorfläden oder Drogerien werden sollten. Viele Stammkunden hatten Petitionen unterschrieben, in denen sie den Erhalt der Läden forderten.

Der erste Schritt in Richtung Selbstständigkeit sollte eine Versammlung in Stuttgart sein. Die Gewerkschaft ver.di hatte im Oktober Wolfgang Gröll eingeladen, einen Unternehmensberater aus Starnberg. Er hat sich auf das Konzept "Dorfladen" spezialisiert, seit er nach der Wende mithalf, die ersten Laden-Projekte nach dem Zusammenbruch des DDR-Einzelhandelsnetzes auf den Weg zu bringen

Aus Stetten am kalten Markt, dessen gepflegte Häuser und aufgeräumte Straßen ein wenig an eine Modelleisenbahnanlage erinnern, setzte sich eine größere Reisegruppe in Bewegung: In drei Autos fuhren Andrea Straub und ihre drei Kolleginnen samt Ehemännern, Bürgermeister und dem Vermieter der Filiale die 110 Kilometer in die württembergische Landeshauptstadt. Sie hatten zuvor andere Drogerieketten angeschrieben, ob sie nicht den Laden in der Lagerstraße weiterbetreiben wollten. Zwei winkten ab, eine dritte antwortete nicht.