August BebelDer große Vorsitzende

Ferdinand August Bebel ist bis heute der Übervater der Sozialdemokraten geblieben. Ein Porträt zum 100. Todestag des Patriarchen von 

Ferdinand August Bebel Sozialdemokrat

Ferdinand August Bebel (1840 - 1913) auf einer Aufnahme von 1905  |  © Barber/Getty Images

Am Abend des 12. August 1913 ist der Dreiundsiebzigjährige ausgesprochen heiter und fidel und unterhält die Gäste im Kurhaus von Bad Passugg im schweizerischen Graubünden mit Schwänken aus seinem Leben. Er hoffe, noch den dritten Band seiner Memoiren vollenden zu können, erklärt er, bevor er sich zur Ruhe begibt. Als die Tochter am anderen Morgen das Zimmer betritt, findet sie ihren Vater tot. August Bebel ist friedlich eingeschlafen.

Der Vorwärts, das Berliner Zentralorgan der SPD, bringt die Nachricht am Nachmittag in einem Extrablatt; sie löst in aller Welt Erschütterung aus. Am 14. August wird der Leichnam nach Zürich, Bebels zweitem Wohnsitz, überführt und im dortigen Volkshaus aufgebahrt. In endloser Reihe defilieren die Menschen am Sarg vorbei. Der Trauerzug, der sich drei Tage später zum Friedhof Sihlfeld bewegt, wird zum größten, den Zürich je erlebt hat.

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Selbst seine erbitterten Gegner von einst zollen dem Verstorbenen Respekt. Er habe "wohl niemals aus seinem Herzen eine Mördergrube gemacht", ruft ihm die Deutsche Arbeitgeber-Zeitung nach. "Und solchen Mut – wie selten trifft man ihn heute! – soll man achten, wo er uns auch entgegentritt." Auch die Londoner Times feiert ihn: als eine historische Gestalt, die fast zwei Generationen lang die Geschicke der "vielleicht bedeutendsten Bewegung unserer Zeit" gelenkt habe.

Verglichen mit dem noblen Ort seines Todes, war der Ort seiner Geburt von entsetzlicher Tristesse: eine dunkle Stube in den Kasematten der Festung Deutz am Rheinufer, vis-à-vis von Köln, wo sein Vater, ein preußischer Unteroffizier, mit seinem Regiment stationiert war. Hier wurde August Bebel am 22. Februar 1840 geboren. Die Mutter kam aus einer Wetzlarer Kleinbürgerfamilie und hatte sich, bevor sie heiratete, als Dienstmädchen verdingt.

Die Familie Bebel – zu dem Erstgeborenen gesellten sich 1841 und 1842 noch zwei weitere Söhne, von denen der jüngere bald starb – lebte in ärmlichsten Verhältnissen. Der Sold sei "mehr als knapp" gewesen, erzählt Bebel in seinen Erinnerungen Aus meinem Leben, und "für Gott, König und Vaterland" habe man hungern müssen.

1844 stirbt der Vater, noch keine 36 Jahre alt, an Schwindsucht; sein Zwillingsbruder, der sich der Familie annimmt und die Witwe heiratet, erliegt nur zwei Jahre später derselben Krankheit. Die Mutter kehrt, da völlig mittellos, zu ihren Verwandten nach Wetzlar zurück. 1853 wird auch sie von der Arme-Leute-Krankheit dahingerafft. Mit 13 Jahren ist August Bebel Vollwaise.

Nach dem Besuch der Volksschule beginnt er eine Lehre als Drechsler. Er legt die Gesellenprüfung ab und geht auf die Walz. Sein Weg führt ihn kreuz und quer durch Süddeutschland, die Schweiz und Österreich. Obwohl getaufter Protestant, schließt er sich katholischen Gesellenvereinen an, weil er hier mit anderen Handwerksburschen debattieren und seinen Lesehunger stillen kann. Im März 1860 kehrt er nach Wetzlar zurück; doch bereits zwei Monate später zieht es ihn nach Leipzig, in die Buchhandels- und Messestadt, die zudem schon über eine bedeutende Industrie verfügt. Dort eröffnen sich dem strebsamen Drechslergesellen allerlei Möglichkeiten.

Die bleierne Reaktionszeit, die auf die niedergeschlagene Revolution von 1848/49 gefolgt ist, geht Anfang der sechziger Jahre zu Ende. Es regt sich wieder ein freieres Leben. Überall entstehen, noch unter der Patronage liberaler Bürger, Arbeitervereine. Im Februar 1861 tritt Bebel dem neu gegründeten Gewerblichen Bildungsverein bei, besucht Vorträge Leipziger Hochschullehrer und belegt Kurse in Buchführung und Stenografie. Schon ein Jahr später wird der 22-Jährige in den leitenden Ausschuss des Vereins gewählt.

Noch geht es um Bildungsarbeit. Der Forderung Ferdinand Lassalles, die Arbeiter sollten sich selbstständig organisieren, begegnet Bebel mit Skepsis. Dem 1863 in Leipzig gegründeten Allgemeinen Deutschen Arbeiterverein (ADAV) hält er sich fern. Die Arbeiter, meint er, seien noch nicht reif für das allgemeine Wahlrecht – eine der Kernforderungen Lassalles. Außerdem stören ihn das autoritäre Gehabe des Salonlöwen und dessen koketter politischer Flirt mit dem reaktionären preußischen Ministerpräsidenten Otto von Bismarck.

Lassalle erliegt bereits im August 1864 den Folgen eines Pistolenduells, aber auch zu Lassalles Nachfolger, Jean Baptist von Schweitzer, hält Bebel Abstand. Stattdessen engagiert er sich in einer Gegengründung zum ADAV, dem Verband der Arbeitervereine Deutschlands.

Freilich – gerade in der Auseinandersetzung mit Lassalles Ideen formt sich auch Bebels Weltbild. "Ich bin", bekennt er später, "wie fast alle, die damals Sozialisten wurden, über Lassalle zu Marx gekommen." Dabei hilft ihm die Bekanntschaft mit dem 14 Jahre älteren Wilhelm Liebknecht. Der radikaldemokratische Achtundvierziger hat während seines langen Exils in London zum Kreis um Karl Marx und Friedrich Engels gehört und sich mit deren Theorien vertraut gemacht.

Leserkommentare
  1. machen wollte, der hat gewonnen, hat seinen Frieden mit den Zuständen gemacht und beschäftigt sich seither unter gestohlener Flagge "SPD" damit, genau das zu übertünchen und sich weiter nützlich, also bezahlt, zu halten.
    Genossen der Bosse, mal deutlicher, mal verkappt.

    2 Leserempfehlungen
  2. indem sie ESM etc. zustimmen:
    S ie
    P lündern
    D eutschland.

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