Wenn Máté Kerényi seine gelbe Warnweste anzieht und damit auf die Straße geht, tut er das, weil er an die Demokratie in Ungarn glaubt. Noch jedenfalls. Seit mehreren Stunden ist Máté, 21, Student der Filmwissenschaften, an diesem Frühsommertag auf den Straßen Budapests unterwegs, er ist Mitorganisator einer Demonstration gegen die Bildungspolitik Viktor Orbáns. Auf dem Rücken seiner Weste steht "Rendezö", das heißt Regisseur, und als solcher versteht er sich auch. Durch sein graues Megafon ruft er immer wieder, was alles falsch läuft, in den Schulen und Universitäten des Landes. Jedes Mal motiviert er die anderen Demonstranten, Studenten, Anfang zwanzig.

Zwischendurch setzt sich Máté auf eine Bordsteinkante, nimmt seinen Laptop auf den Schoß und verbreitet Demo-Fotos und Forderungen via Facebook und Twitter. Wenn er so dasitzt, kann jeder, der an ihm vorbeiläuft, den Aufkleber auf seinem Laptop sehen: "I love Alkotmánybírósága", übersetzt: "Ich liebe das Verfassungsgericht".

Im März dieses Jahres hatte das ungarische Parlament für eine Verfassungsreform gestimmt und damit das Verfassungsgericht entmachtet. Eine der Folgen: Diejenigen, die seit 2011 an einer ungarischen Hochschule eingeschrieben sind, müssen nach dem Abschluss in Ungarn arbeiten, je nachdem, wie viele Semester sie studiert haben. Dafür übernimmt der Staat die Studiengebühren. Wer den Vertrag nicht unterzeichnet, muss zahlen. "Wir sind doch keine Vasallen!", sagt Máté. Je nach Studiengang sind die Gebühren unterschiedlich hoch: Germanisten zahlen umgerechnet rund 700 Euro pro Semester, Juristen etwa 850 Euro, Mediziner dagegen rund 5000 Euro. Die meisten Familien können solche Summen nicht stemmen, mehr als ein Drittel der Ungarn lebt unter der Armutsgrenze.

Seit Viktor Orbán 2010 zum Ministerpräsidenten gewählt worden ist, verändert sich Ungarn. Kaum ein Monat vergeht, ohne dass die Regierung irgendein krudes Gesetz oder eine neue Maßnahme vorstellt: Kriminalisierung von Obdachlosen, Ausgrenzung der Roma, eine Wettersteuer für ungarische Medien – und eben die Bevormundung der Studenten im Land.

Petra Láncos, Juristin an der Universität Pázmány Péter in Budapest, hat sich die Verfassungsänderung genauer angesehen. Und sie kommt zu dem Schluss, dass sie gegen europäisches Recht verstößt: "Die Arbeitnehmerfreizügigkeit wird auf eine Weise eingeschränkt, die unverhältnismäßig ist." Verlassen zu viele gut Ausgebildete das Land, kann solch eine Einschränkung sogar legitim sein. Allerdings muss ein Land statistisch nachweisen, dass zu viele abwandern. "In Ungarn ist das nicht der Fall", sagt Láncos. Auch Marton Varju, Jurist an der Universität im britischen Hull, hat sich mit dem Fall beschäftigt, er sagt: "Das Gesetz hat einen sehr generellen Charakter, es könnte auch sein, dass die Regierung Orbán ein ganz anderes politisches Ziel verfolgt, quasi als Symbol, dass frei Denkende vom Staat kontrolliert werden können."

Auf Nachfrage der ZEIT bestätigte die Europäische Kommission, dass sie wegen des Gesetzes in Kontakt mit der ungarischen Regierung stehe. Noch sei allerdings nicht geklärt, ob es wirklich gegen das EU-Recht verstößt. Juristin Láncos ist davon überzeugt.