1. Eine Fotografie

Sogar die Betroffenen haben mittlerweile den Überblick verloren. Atemlos oder auch schon etwas resigniert verfolgen sie die Pressemeldungen über Urteile und einstweilige Verfügungen. Suhrkamp ist ein endloses Drama, mal mehr, mal weniger unterhaltsam. Doch die entscheidende Frage: Wie konnte der wichtigste Verlag des deutschen Geisteslebens nur so dicht an den Rand des Abgrunds geraten? Diese Frage wird nicht mehr gestellt.

Es scheint in diesem Drama nur zwei Hauptfiguren zu geben: den Hamburger Kaufmann Hans Barlach und die Verlegerin Ulla Unseld-Berkéwicz, vereint im ewigen Streit. In Wahrheit ist die Besetzungsliste des Schauspiels länger: Sogenannte Berater spielen wichtige Rollen, unglückliche Erben und Rechtsanwälte. Schauplätze gibt es in dieser Geschichte zuhauf: Verlagssitze und Villen, Gerichtssäle, Zeitungsseiten – und sogar ein Urlaubsparadies.

In diesen Wochen treibt der Konflikt zwischen Barlach und seiner Medienholding, die heute 39 Prozent am Verlag hält, und Berkéwicz’ Familienstiftung, die 61 Prozent besitzt, auf den Punkt der Entscheidung zu: Der Verlag ist derzeit in ein Insolvenzverfahren verwickelt, in dessen Folge Barlach seinen Einfluss auf den Verlag verlieren könnte. Sollte dies nicht geschehen, würde der Verlag von Walter Benjamin und Bertolt Brecht, von Max Frisch und Hermann Hesse, von Durs Grünbein und Sibylle Lewitscharoff wohl kaum eine neue Runde mit Prozessen und begleitender psychologischer Kriegsführung verkraften.

Es ist an der Zeit darzustellen, wie dieser mittlerweile sieben Jahre währende Krieg eigentlich zustande kam, wie er sich entfaltete und was ihn noch heute antreibt. Wie sich zeigen wird, kann die turbulente Geschichte von Suhrkamp auf der Grundlage von neuen Dokumenten und Aussagen von Zeitzeugen neu erzählt werden. Es ist eine Geschichte, die um Vertrauen und Vertrauensbruch, um Geld und um Macht kreist. Sie handelt von bislang unbekannten waghalsigen Manövern vor Gericht, und sie führt sogar nach Mallorca, wo es zu vertraulichen Unterredungen mit Hans Barlach kommt, ohne dass seine Kontrahentin davon wusste. Das jedoch hatte Folgen...

Beginnen wir aber mit einer denkwürdigen Fotografie. Sie erscheint im November 2006 in der Frankfurter Allgemeinen Zeitungund zeigt vier Herren mittleren Alters vor einer Villa an der Elbchaussee in Hamburg. Selbstgewiss blicken sie in die Kamera, sie bilden eine Quadriga. Die vier verfolgen einen Plan, der kurz vor der Veröffentlichung des Bildes bekannt wurde und die Kulturwelt zu regen Debatten veranlasste: Drei von ihnen besitzen jetzt eine Beteiligung am Frankfurter Suhrkamp Verlag, und sie wollen alle zusammen diesen Verlag der Mehrheitsgesellschafterin Ulla Unseld-Berkéwicz aus den Händen winden.

Die beiden Herren auf der linken Seite der Fotografie sind die neuen Investoren. Im Kulturleben des Landes sind sie zu dieser Zeit kaum bekannt. Hans Barlach, damals 51, ist der Enkel des Bildhauers Ernst Barlach. Von sich reden macht er erstmals kurz nach der Wende, als seinem Bruder und ihm das großväterliche Erbe in Güstrow zufällt. Seither ist Hans Barlach als Unternehmer tätig. Seine Geschäftstätigkeit wird als sportlich beschrieben. Er betreibt in den Achtzigern eine Galerie, kauft später Immobilien, eine Lokalzeitung sowie eine Fernsehzeitschrift, und er realisiert seine Gewinne nach jeweils kurzer Zeit. Von den Hamburger Medien werden Barlachs Geschäfte argwöhnisch verfolgt, vor allem seit er von den Osmani-Brüdern, die als wichtige Köpfe im organisierten Verbrechen der Hansestadt gelten, ein Haus am Hafen erwirbt. Dort wird es bis heute als schlimmes Gentrifizierungsobjekt mit Parolen beschmiert. Barlach ist gut verbunden, auch ins journalistische Milieu hinein: Im Beirat der Verlagsleitung sitzt für Barlach beispielsweise der ehemalige Focus-Chefredakteur Helmut Markwort.

Neben Hans Barlach steht, groß gewachsen und grauhaarig, Claus Grossner. Der 65-Jährige geht zu jener Zeit vielerlei Tätigkeiten nach. Er schreibt Artikel, auch für die ZEIT, und führt in seiner Villa, vor der auch das Foto entstand, Begegnungen zwischen Unternehmern, Künstlern und Journalisten herbei. Heute würde man ihn wohl einen Netzwerker nennen. Er betreibt, was er "Großforschungs- und Informationsbureau" nennt, und verfolgt ein Projekt namens Wissen Weltethos Weltzukunftsrat (WWW). Er ist Junggeselle, lebt allein. Nur ab und an, so wird die Welt Jahre später über Grossner schreiben, kommen "Praktikanten, zuweilen auch Schüler des Christianeums, jener traditionellen Lehranstalt, deren Schüler er einst auch selbst war", bei ihm vorbei.

Die rechte Hand am Jackettknopf, steht der 53-jährige Joachim Unseld ihm zur Linken. Joachim ist der Sohn aus der ersten Ehe des 2002 verstorbenen Verlegers Siegfried Unseld. Der Senior hatte den Verlag über Jahrzehnte geführt, er prägte ihn grundlegend und wurde ein barocker Übervater des deutschen Verlagswesens. Joachim Unseld, der 20 Prozent am Verlag hält, sollte seinem Vater im Verlag nachfolgen. Doch kam es zu einem Zerwürfnis, das sich nicht wieder kitten ließ. Im Streit um die Nachfolge setzte sich am Ende Ulla Unseld-Berkéwicz durch, seit 1990 Siegfried Unselds zweite Frau und somit Joachims Stiefmutter. Sie stieg am Ende nicht nur zur Vorsitzenden der Familienstiftung auf, sondern auch zur Geschäftsführerin des Verlages.

Das Verhältnis zwischen ihr und ihrem Stiefsohn ist von lebhafter Abneigung geprägt. Ein allzu klassisches Familiendrama hatte sich über Jahre kraftvoll entfaltet, über das damals bis in Details hinein rege in den Medien berichtet wurde. Joachim Unseld leitet seit 1994 einen eigenen Verlag, die Frankfurter Verlagsanstalt. Das Fest, das er alljährlich auf der Buchmesse in Frankfurt veranstaltet, zählt zu den muntersten und ist unter Literaturkritikern ausgesprochen beliebt. Rechnet man Joachim Unselds 20 Prozent den neuen Investoren zu, hat die Quadriga rechnerisch Zugriff auf 49 Prozent der Verlagsanteile.

Ganz rechts, die Hände in den Hosentaschen vergraben, taucht auch noch der 62-jährige Verleger Arnulf Conradi auf. Gemeinsam mit Siegfried Unseld hatte er in den Neunzigern den Berlin Verlag gegründet, danach ist er zeitweise für die American Academy in Berlin tätig. Er soll als ein im Verlagsgeschäft versierter Berater die Neueinsteiger unterstützen und mit seinem Renommee veredeln. Auch er war für eine Weile als Nachfolger von Unseld senior im Gespräch gewesen. Joachim Unseld und Arnulf Conradi werden sich zum Zeitpunkt der Fotografie beide als verhinderte Kronprinzen gefühlt haben, die in einem letzten Anlauf um verloren gegangene Macht kämpften.