Seit sechs Jahren nun schiebt Herr Heng seinen Imbisswagen vom frühen Morgen bis nach Mitternacht durch die staubigen Straßen von Hua Hin, aber ein seltsamerer Kunde ist ihm noch nicht begegnet. Ein "Farang", ein Westler, steht da vor ihm, schlank und zwei Köpfe größer als er selbst, beugt sich über seinen Stand wie ein Kind über einen Geschenkekorb und stellt in makellosem Thai unaufhörlich Fragen. Was ist dies, was ist jenes, wo haben Sie das her, sind das gestampfte Krabben in der Currypaste, gibt es die Reisnudeln auch mit nam yaa , der Fischsoße mit chinesischem Ingwer? Als der Fremde auch noch wissen will, wie viele Speisen er im Angebot hat, wiegt Herr Heng den streng gescheitelten Kopf. Er blickt über sein Sortiment aus ausgebackener Schweinehaut und getrocknetem Tintenfisch, Bananensnacks und Papayasalaten, Shrimps und in Sirup eingelegten Fischbällchen, über die Suppen, Soßen, Currys. Um die sechzig müssten es wohl sein, sagt er schließlich und sieht den Farang beeindruckt nicken.

Während Herr Heng weiter seine Kundschaft bedient, ohne Pause Speisen in Plastikbeutel packt, Wechselgeld aus der Schürze klaubt, erzählt er von seinem Alltag. Zehn Kilometer lege er jeden Tag zurück, ein Zickzacklauf durch die immer gleichen Gassen im Zentrum, irgendwann in der Nacht sei sein Wagen leer. Kurz nach Sonnenaufgang decke er sich dann in einem Dutzend Geschäften mit neuer Ware ein, gleich dort drüben, in den Hallen des Morgenmarkts. "Den müssen wir uns ansehen", sagt der Farang.

Eigentlich ist Marin Trenk ja zum Urlaubmachen nach Hua Hin gekommen, einem Badeort gut 180 Kilometer südwestlich von Bangkok, den gut betuchte Thailänder vor allem seiner vielen Golfplätze wegen aufsuchen. Aber die Arbeit lässt ihn nie ganz los. "Zwei Jahre Feldforschung in Thailand und Laos habe ich jetzt hinter mir", sagt er. "Und noch immer kann mich sogar ein ganz normaler Imbissstand überraschen. Das Essen hier ist unglaublich vielfältig." Seit sieben Jahren lehrt Professor Trenk an der Goethe-Universität Frankfurt kulinarische Ethnologie – als Einziger in Deutschland. Sein bevorzugtes Forschungsgebiet: die Küchen Thailands. "Thais lieben das Essen und sehen in ihrer Esskultur eine große schöpferische Leistung", sagt Trenk. "Sie essen auch ständig, und wenn sie nicht essen, reden sie davon, was sie gegessen haben oder als Nächstes essen werden." Thais seien glühende Patrioten, auch bei Tisch. Die Gerichte der Nachbarvölker fänden sie fade und schlicht furchtbar.