Thailand : Küche ohne Tabus

Thailänder sind fantasievolle Köche und furchtlose Esser. Eine Expedition in Hua Hin zu Wanzencurry und Stinkfrucht mit dem kulinarischen Ethnologen Marin Trenk
Der Ethnologe Marin Trenk in Hua Hin, der Imbisswagenbesitzer Heng hat 60 verschiedene Speisen im Angebot © Ralf Tooten/laif

Seit sechs Jahren nun schiebt Herr Heng seinen Imbisswagen vom frühen Morgen bis nach Mitternacht durch die staubigen Straßen von Hua Hin, aber ein seltsamerer Kunde ist ihm noch nicht begegnet. Ein "Farang", ein Westler, steht da vor ihm, schlank und zwei Köpfe größer als er selbst, beugt sich über seinen Stand wie ein Kind über einen Geschenkekorb und stellt in makellosem Thai unaufhörlich Fragen. Was ist dies, was ist jenes, wo haben Sie das her, sind das gestampfte Krabben in der Currypaste, gibt es die Reisnudeln auch mit nam yaa , der Fischsoße mit chinesischem Ingwer? Als der Fremde auch noch wissen will, wie viele Speisen er im Angebot hat, wiegt Herr Heng den streng gescheitelten Kopf. Er blickt über sein Sortiment aus ausgebackener Schweinehaut und getrocknetem Tintenfisch, Bananensnacks und Papayasalaten, Shrimps und in Sirup eingelegten Fischbällchen, über die Suppen, Soßen, Currys. Um die sechzig müssten es wohl sein, sagt er schließlich und sieht den Farang beeindruckt nicken.

Während Herr Heng weiter seine Kundschaft bedient, ohne Pause Speisen in Plastikbeutel packt, Wechselgeld aus der Schürze klaubt, erzählt er von seinem Alltag. Zehn Kilometer lege er jeden Tag zurück, ein Zickzacklauf durch die immer gleichen Gassen im Zentrum, irgendwann in der Nacht sei sein Wagen leer. Kurz nach Sonnenaufgang decke er sich dann in einem Dutzend Geschäften mit neuer Ware ein, gleich dort drüben, in den Hallen des Morgenmarkts. "Den müssen wir uns ansehen", sagt der Farang.

Eigentlich ist Marin Trenk ja zum Urlaubmachen nach Hua Hin gekommen, einem Badeort gut 180 Kilometer südwestlich von Bangkok, den gut betuchte Thailänder vor allem seiner vielen Golfplätze wegen aufsuchen. Aber die Arbeit lässt ihn nie ganz los. "Zwei Jahre Feldforschung in Thailand und Laos habe ich jetzt hinter mir", sagt er. "Und noch immer kann mich sogar ein ganz normaler Imbissstand überraschen. Das Essen hier ist unglaublich vielfältig." Seit sieben Jahren lehrt Professor Trenk an der Goethe-Universität Frankfurt kulinarische Ethnologie – als Einziger in Deutschland. Sein bevorzugtes Forschungsgebiet: die Küchen Thailands. "Thais lieben das Essen und sehen in ihrer Esskultur eine große schöpferische Leistung", sagt Trenk. "Sie essen auch ständig, und wenn sie nicht essen, reden sie davon, was sie gegessen haben oder als Nächstes essen werden." Thais seien glühende Patrioten, auch bei Tisch. Die Gerichte der Nachbarvölker fänden sie fade und schlicht furchtbar.

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Kommentare

12 Kommentare Seite 1 von 2 Kommentieren

Der Professor kennt sich aus, ...

... das muss ich ganz neidlos sagen. Ich esse nicht alles, was er isst, aber vieles von dem Genannten habe ich auch schon ausprobiert. Auch in puncto Hygiene bei den "Essenswägelchen" teile ich seine Meinung. Wer sich einmal an die Originalschärfte gewöhnt hat, kann dort problemlos essen. Auch, dass er "Beer Chang" (Elefantenbier) statt des Singha gewählt hat, spricht für seinen Geschmack.

Der Artikelautor hingegen hätte sich doch etwas besser umschauen sollen. Es gibt vielleicht noch eine Handvoll "Villen reicher Thailänder" in Hua Hin. Der Rest ist schon lange mit Resorts zugebaut worden; leider!

Von den "Stelzenterrassen" (Restaurants) gibt es drei oder vier. Das beste ist das "Saeng Thai", das letzte vor der ersten Pier. Das ist immer sehr gut gesucht, an Wochenenden/Feiertagen rappelvoll! Der Rest dieser Restaurants ist "so naja". Es sind aber bei weitem nicht "fast nur Thais". In den letzten Jahren werden es immer mehr Farang, die dort essen.

Im dem Teil des Night Markets, in dem der Autor sich bewegt hat, ist es nur im "Winter" einigermassen (Nov. bis Mitte März) auszuhalten, ansonsten liegen die Temperarturen dort (auch wegen der Enge) auch abends noch so um die 40 bis 45 °C. Es ist Touristengebiet

Sehr schöner Artikel.

Ich bin gerade in Vietnam. Die Essensgewohnheiten unterscheiden sich hier ebenfalls deutlich von Deutschland.
Ein schönes Beispiel.
Ich lebe hier, für ca. zwei Monate, bei einer einheimischen Familie.
Heute morgen gab es eine erfreuliche Überraschung. Der Hund hat sich nützlich gemacht und ein wildes Tier gefangen, irgendeinen Nager, keine Ratte! In Deutschland wäre man wohl ziemlich angewidert und würde sich Gedanken darum machen, wie das erlegte Tier vorschriftsmäßig zu beseitigen ist. Hier ist das nicht so, hier landete das Tier im Topf und später auf dem Tisch. Und wissen sie was, es war lecker.
Eine schöne Abwechslung.
An die Stinkfrucht habe ich mich aber auch noch nicht getraut, genauso wenig wie an die angebrüteten Enteneier die in Vietnam ebenfalls eine Delikatesse sind.
Meine Frau ist Vietnamesin und bei uns in Deutschland sind unsere Essensgewohnheiten mittlerweile auch binational. Da wird alles herrlich gemischt. Spargel mit Chilly, Fischsauce kommt eigentlich überall rein und Kürbisse können auch für vietnamesische Süßspeisen verwendet werden.

Vielfalt

Ich freue mich schon auf meinen naechsten Besuch in Suedostasien - auch wegen des unglaublich leckeren und vielfaeltigen Essens.

Probleme mit dem Magen oder der Hygiene hatte ich dort noch nie, auch weil ich wie hier empfohlen, durchgaengig in einfachen Garkuechen oder Warungs esse, wo das Essen eben viel frischer und besser (und dazu noch viel billiger) ist als in den meist von Auslaendern frequentierten Restaurants.