Scheu blicke ich um mich. Niemand folgt mir. Auch vor mir kein Mensch, nur sanfte Hügel, bis zum Horizont, bedeckt von trockenem Gestrüpp, dazwischen zypressenartige, zerzauste Bäumchen. Würzige Luft, mal ein Lerchengezwitscher, sonst nur Wind im Ohr und Sonne auf dem Kopf. "Valleri, vallera", singe ich leise, "und juchheirassa, und juchheirassa". Und dann etwas lauter: "Bester Schatz, bester Schatz, denn du weißt es weißt es ja."

Auf der Lüneburger Heide, die Heidehymne von Hermann Löns, gehört zu diesem Landstrich wie Heidekraut und Wacholder. Was fehlt? Schwarzer Kopf, graues Fell und dekorativ gedrehte Hörner – die Heidschnucke, das einzige Schaf, das in dieser Gegend genug Fressbares findet, weil es ein Wunder an Genügsamkeit ist. Nach ihm ist der Heidschnuckenweg benannt, der jüngste vom Deutschen Wanderverband zertifizierte "Qualitätswanderweg". Das Gütesiegel erhält ein Wanderweg nur, wenn er kaum Asphaltanteile hat, dafür viel Natur, viel Stille und ausreichend Gasthöfe und Unterkünfte bietet. Soeben wurde der Heidschnuckenweg sogar zu einem der 15 deutschen "Top Trails" ernannt – Goldstandard! Er verbindet die beiden ungleichen Schwestern Nordheide und Südheide. 220 Kilometer misst er von den Harburger Bergen nahe Hamburg bis zur Kreisstadt Celle. Ich bin in Undeloh, mitten in der Nordheide, eingestiegen.

Das 400-Einwohner-Dorf kam im Februar in Verruf, weil im Gemeinderat die Einrichtung einer Unterkunft für syrische Flüchtlinge abgelehnt wurde. Das Argument eines Ratsmitglieds: "Unsere Gäste wollen hier entspannen und nicht Dunkelhäutige oder Frauen mit Kopftuch sehen." Und ebendas ist die Frage, die gerade in der gesamten Heide diskutiert wird: Welche Gäste wollen wir?

Die Studie eines Marktforschungsunternehmens hatte ergeben, dass der klassische Heideurlauber, der röhrende Hirsche an der Wand mag, sich in der Heide am liebsten mit der Pferdekutsche bewegt und drei Wochen lang bleibt, so langsam ausstirbt. Zwei neue Zielgruppen könnten die Zukunft des Heidetourismus sichern: "die Kritischen" und "die Anspruchsvollen". Leute mit Geld, Umweltbewusstsein und Wünschen. Vielleicht hätten die neuen Heidebesucher auch nichts gegen dunkle Haut.

Und vielleicht kämen sie auch einmal außerhalb der Saison. Die beginnt Anfang August, zur Heideblüte. Dann kommen die Besucher in Scharen, fallen genau hier ein, in die Gegend rund um den Wilseder Berg. Denn nirgendwo sonst entspricht die Heide derart dem Klischee – und zur Blüte hat man sie auch noch in Lila! Jetzt allerdings, ein paar Wochen vor Saisonbeginn, ist es so still um mich, dass ich nur mein Blut rauschen höre. Recht hatte Friedrich Hebbel, als er 1844 reimte:

"Und alles so still, und alles so stumm
Man sieht sich umsonst nach Lebendigem um,
Nur hungrige Vögel schießen
Aus Wolken, um Würmer zu spießen."

Zwei Stunden gegangen über sandige Pfade. Eine Kutsche am Horizont gesehen, zwei Radfahrer am Heiderand, ein älteres Spaziergängerpaar. Sonst Leere, Schweigen. Und dann doch noch ein vielstimmiges Mäh: Heidschnucken! 700 Schafe drängen sich in einer Talsenke, umkreist von zwei Schäferhunden. Gehütet von Christian Buttmann. Der 37-Jährige ist seit 2012 Heideschäfer. Buttmann ist es gewohnt, dass ihn die Leute ausfragen, wenn sie ihm begegnen. Doch kaum hat er drei Minuten mit mir geredet, ist die Heidschnuckenbande schon hinter dem nächsten Hügel verschwunden. "Früher habe ich auch mal gedacht, ein Schäfer liegt in der Sonne und liest ein Buch", sagt Buttmann und rennt los. Ich folge zügig, um selbst weiterzufragen. Wie sieht der Arbeitsalltag aus? "Nur ein Fünftel meines Gehaltes kommt vom Verkauf des Schafsfleischs. Den Rest bekomme ich für meine Tätigkeit als Landschaftspfleger", sagt er. Und dann, beinahe poetisch: "Manchmal fühle ich mich wie ein Restaurator mit dem Pinsel in der Hand. Ich muss zum Beispiel die Waldränder so abhüten, dass zwischen Wald und Heide ein weicher Übergang entsteht."