Kurz nach der Geburt unserer Tochter erfuhren meine Frau und ich, dass unser Kind an einer Hirnerkrankung litt. Meine Frau begann, sich mit dem Buddhismus zu beschäftigen. Sie brachte auch mich dazu, nicht um meiner selbst, sondern um unserer Tochter willen. Die starb 1986, mit 14 Jahren, nach einem epileptischen Anfall. Zehn Jahre später verlor ich meine Frau durch einen Flugzeugabsturz.

In tragischen Momenten erleben wir, dass der Körper vergänglich ist. Jeder trauert und weint beim Verlust eines geliebten Menschen, aber diese schmerzhaften Erfahrungen sind temporär. Jeden Menschen, den du verloren hast, wirst du wiedersehen, irgendwo in der Konstante deines Lebens. Diese Konstante existiert. Wenn wir sie nicht erkennen, kann es sein, dass wir Gedanken und Taten, an die wir uns jetzt klammern, endlos wiederholen.

Als Kind träumte ich davon, das Universum zu erkunden, andere Welten und Galaxien zu sehen. Dann stellte ich fest, dass man das wohl nur auf dem Planeten tun kann, auf dem man lebt. Auch dieser Planet wartet auf Erkundung. Es beginnt schon mit der Erkundung des eigenen Selbst. Früher einmal dachte ich, Buddha sei eine Person oder eine Gottheit. Aber die existiert nicht. Es ist ein Zustand, der in menschlichen Wesen vorkommt. Es ist unsere Essenz, unser wahres Selbst. Es existiert in jedem Menschen, ob er es weiß oder nicht. Es schläft, weil die meisten von uns direkt aus der Wiege entführt werden. Wir halten uns an das, was man uns beibringt. Manche Menschen sterben für die Ideen anderer und glauben, es seien ihre eigenen.

Bewahre dir deine Träume! Besonders jene, die du als Kind hattest, in der Morgendämmerung deines Lebens. Es ist so schwer, an ihnen festzuhalten, dass viele Leute sie wegwerfen. Was übrig bleibt, ist ein Roboter, der die Träume anderer erfüllt.

Wir müssen um Selbsterkenntnis kämpfen. Es ist wie mit den kleinen Schildkröten, die ins offene Meer wollen: Viele schaffen es, manche nicht. Aber auch für diejenigen, die es nicht schaffen, muss das noch nicht das Ende sein. Begriffe wie Anfang und Ende existieren für mich nicht. Es gibt den Moment, und es gibt Potenzial.

Ein Moment ist eine Miniatur der Ewigkeit. Ewigkeit kann nicht existieren ohne Momente. Wie es ist, im Moment zu sein, kannst du erleben, wenn du ein Instrument spielst oder einen Roman schreibst. Oder stell dir vor, du hast ein Date mit einer schönen Frau: Ihr fangt an zu reden, ohne Probe, ohne Manuskript. Wenn du aus deinem Inneren sprichst, aus dem sogenannten Herzen, bist du vollkommen im Moment. Hinterher sagst du vielleicht: Wir hatten eine gute Zeit, und ich weiß gar nicht, warum. Vielleicht, weil du dich nicht hinter einer Maske versteckt hast, weil du einfach du selbst warst, anstatt Dinge zu sagen, die du in Filmen gehört oder in Büchern gelesen hast.

Ich sage nicht: Ich bin Buddhist. Ich sage: Ich übe, um einer zu werden. Ich versuche den Menschen in mir zu wecken, der noch schläft.

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