Denkt man zurück an die Sportereignisse der sechziger und siebziger Jahre, dann sind die Erinnerungen nicht zu trennen von der Konfrontation der politischen Blöcke: hier der Ostblock, in dem die Athleten von Kindesbeinen an im Kollektiv zu Sportmaschinen herangezogen wurden, dort der Westen mit seinen individuellen Leistungsträgern, deren Erfolge auf Talent, hartem Training und starkem Willen beruhten. Der Westen gegen den Osten, Gut gegen Böse – die Rollen waren klar verteilt.

Diese Vorstellung ist die Lebenslüge des deutschen Sports, und spätestens seit der vergangenen Woche ist sie nicht mehr aufrechtzuerhalten. Durch die Studie von Forschern der Berliner Humboldt-Universität und der Westfälischen Wilhelms-Universität Münster (siehe oben) wird nun jedem klar: Auch die einstige BRD war Dopingland. Auch hier wurde systemisch zu Doping geforscht. Koordiniert und finanziert durch das Bundesinstitut für Sportwissenschaft (BISp) und das Bundesinnenministerium – also durch den Staat.

Nur ging man im Westen vorsichtiger mit dem Thema um als im sozialistischen Nachbarstaat. Das hässliche Wort "Doping" versteckte man hinter Euphemismen und Phrasen. So hieß eine der wichtigsten Dopingstudien aus dem Jahr 1985 Regeneration und Testosteron. Offizielles Ziel der Forschung war es, "Überlastungsschäden" zu vermeiden.

Auch einer, der als entschiedener Kämpfer gegen das Doping galt, wird durch die Studie der Humboldt-Uni in ein anderes Licht gerückt: Manfred Donike, Doping-Fahnder und Pionier der Dopinganalyse. Zeitzeugen berichten im Anhang der Studie, Donike habe gewusst, dass positive Doping-Proben von US-Sprintern 1987 verschwanden, um die Attraktivität der Olympischen Spiele 1988 in Seoul nicht zu gefährden. Donike empfing außerdem zweimal im Jahr in seinem Institut Manfred Höppner, den stellvertretenden Direktor des Sportmedizinischen Dienstes der DDR, "der guckte sich beim Donike bis ins Detail an, was analytisch möglich war", sagt heute der Sportmediziner Heinz Liesen gegenüber der ZEIT. "Es war klar, dass deren Ziel war, analytisch so auf dem neuesten Stand zu sein, dass ihre eigenen Athleten nicht positiv getestet werden."

Ende des Glaubens an die saubere Leistung

Liesen arbeitete damals mit Donike zusammen und betreute zeitweise die Fußballnationalmannschaft. Er berichtet, dass er bei einem Besuch in Moskau Geräte aus dem Institut von Donike entdeckt habe. "Das war ein Geben und Nehmen", sagt er, "wenn Sie auf internationaler Ebene weiterkommen wollten, im IOC zum Beispiel, dann mussten Sie sich auch mit dem Ostblock einigen." In der aktuellen Studie finden sich außerdem Hinweise, dass Donike 1984 Vorkontrollen durchführte, mit denen sich Athleten absicherten, dass bei ihnen nichts zu finden sei.

In der langen Version der Studie, die nicht veröffentlicht wurde, findet sich das Fazit: "Ob Donikes Funktion bis 1988 tatsächlich darin bestanden hat, dem deutschen Sport bis 1988 lediglich als Schutzschild zu dienen, um so Anwürfe der Dopingkritiker zu begegnen und auch gegenüber den Geldgebern eine wirksame Dopingbekämpfung vorzugaukeln, scheint zwar nach den vorhandenen Quellen und nach den Aussagen mehrerer Zeitzeugen nicht völlig abwegig: Diese Frage ist aber so zentral für die Geschichte des Dopings in der Bundesrepublik Deutschland, dass sie in einer gesonderten Studie beantwortet werden sollte."

Spätestens seit den jüngsten Veröffentlichungen ist klar, dass das westdeutsche dem ostdeutschen Sportsystem nicht unähnlich war. Auch der Westen hatte pharmakologisch aufgerüstet. Die vorliegende Arbeit ist nicht die erste, die die enge Verzahnung von Spitzensport und Doping enthüllt. Seit Jahrzehnten beschreibt etwa die ehemalige Diskuswerferin und Kugelstoßerin Brigitte Berendonk deutsche Missstände. 1969 fragte sie in der ZEIT: Züchten wir Monstren?, 1992 nahm sie einige der heutigen Enthüllungen vorweg in ihrem Buch Doping. Von der Forschung zum Betrug. Auch der Heidelberger Zell- und Molekularbiologe Werner Franke veröffentlichte früh ähnliche Ergebnisse. Und der Pädagoge Gerhard Treutlein und der Sportwissenschaftler Andreas Singler diagnostizierten schon 2000 in Doping im Spitzensport eine Mentalität, die systematischen Betrug akzeptierte und förderte. Doch erst heute scheint sich in Deutschland die Erkenntnis durchzusetzen: Doping gehört zum Spitzensport. Vielleicht ist die Berliner Studie der Anfang vom Ende des Glaubens an die "saubere" Leistung.

Oder zumindest daran, dass man mit sauberen Leistungen den Anschluss an die Weltspitze halten kann. Bei der Schwimm-WM schwammen jüngst Teenager Fabelzeiten. Da war es für manche ein gutes Zeichen, dass die deutschen Athleten nicht mithalten konnten – Bilanz: eine Medaille. Lutz Buschkow, Sportdirektor des Deutschen Schwimmverbandes (DSV), fürchtet jedoch finanzielle Konsequenzen: "Es ist eine bestimmte Leistungsbilanz auf den Tisch zu legen, und die haben wir nicht erfüllt." Der DSV hat die "Zielvereinbarung", die jeder Verband mit dem Deutschen Olympischen Sportbund abschließt, nicht erfüllt. Folge: Mittel können gekürzt werden.