Brasilien : Späte Rache

Die Rückkehr der Inflation in Brasilien ist ein Lehrstück: Geldpolitik allein kann es nicht richten.

Was soll man eigentlich davon halten, dass es Brasilien, dem kürzlich noch gefeierten Schwellen-Wachstums-Wunderland, neuerdings so schlecht geht? Die führenden Ökonomen des Landes trauen ihrer eigenen Volkswirtschaft für 2013 höchstens noch ein Wachstum von 2,7 Prozent zu, außerdem ist ein alter Schrecken zurückgekehrt: die Inflation. Zuletzt betrug sie 6,4 Prozent. Das ist noch keine Hyperinflation, aber gesund ist die Rate nicht. Stabilitätsfanatiker runzeln üblicherweise ab zwei Prozent die Stirn, locker gestimmte Keynesianer geben ab vier Prozent Alarm, und alles, was darüber liegt, gilt bloß noch als wachstumsschädlich, unsozial und riskant.

Eine Reihe von Kommentatoren hat in den vergangenen Wochen bereits beschlossen, was davon zu halten ist: Man schimpft auf die brasilianische Notenbank. Ihre Geldpolitik sei zu locker – unverantwortlich! Man habe dem Druck der Politik nicht standgehalten! Jetzt komme die Quittung für den Mangel an Disziplin!

Diese Parolen sind nur leider viel zu oberflächlich. Lehrreicher ist es, gerade für Europäer, die Sache mal aus dem Blickwinkel der brasilianischen Notenbank zu betrachten. Die steckte nämlich zuletzt in einer Situation, in der Geldpolitiker nur das Falsche tun können – egal, wofür sie sich entscheiden. Für gewöhnlich neigen Brasiliens Notenbanker nicht zu einer besonders lockeren Zinspolitik: Bei Bedarf wurde der Satz gerne mal auf 25 Prozent oder mehr festgelegt, und in den heutigen gemäßigten Zeiten liegt er immerhin bei 8,5 Prozent – Tendenz steigend. Zum Vergleich: In Euroland sind es 0,5 Prozent.

Leider wurden aber genau diese hohen Zinsen für Brasilien zum Problem. Einige Jahre lang gab es keinen beliebteren Sport am internationalen Finanzmarkt, als sich irgendwo in Europa, in den USA oder Japan billig Geld zu leihen – um es kurzzeitig in die brasilianische Währung Real zu stecken, der Zinsen wegen.

Für die brasilianischen Notenbanker war es zum Haareraufen: Weil sie die Zinsen so hoch hielten, um der Inflation vorzubeugen, lockten sie zugleich das Raubtierkapital der ganzen Welt an. Das wertete ihre Währung, den Real, über alle Maßen auf. Die Folgen: erschwerte brasilianische Exporte, während die hohen Zinsen an sich ohnehin schon die Wirtschaft ausbremsten – und zugleich strömten billige Importe von Autos, Computern und anderen Konsumartikeln ins Land, was heimische Hersteller ein weiteres Mal schädigte, bei vielen Privatleuten aber einen Kaufrausch auslöste. Sprich: Was als Stabilitätspolitik gedacht war, brachte erst recht die ganze Wirtschaft in Unordnung.

Jetzt läuft es andersherum. Seit Monaten fällt die brasilianische Währung: teils wegen des geplatzten Traums vom rasanten Wachstum, teils wegen der abziehenden Finanzinvestoren, die anderswo lukrativere Anlagemöglichkeiten entdecken. Problem gelöst? Schwächeres Wachstum plus fallende Währung gleich Normalität?

Von wegen. Weil viele Endprodukte und Industrievorprodukte importiert werden, steigen ihre Preise in Real gerade besonders schnell – die sogenannte importierte Inflation legt zu. Die heimische Wirtschaft aber hält auch nicht etwa mit niedrigen Preisen dagegen – kann sie nicht, aus einem anderen Grund. Selbst bei mäßigem Wachstum gelten wichtige Bereiche der brasilianischen Wirtschaft gerade als "überhitzt": Die Preise für die heimische Produktion steigen, qualifizierte Arbeitskräfte verlangen hohe Gehälter für wenig Arbeit, die Infrastruktur ist verkommen, byzantinische Behördenapparate lähmen die Wirtschaft.

Mit anderen Worten: Mit Geldpolitik sind Brasiliens Inflationsprobleme gar nicht in den Griff zu bekommen. Da hätte die Regierung vor zehn, zwanzig Jahren anfangen müssen, massiv in die Ausbildung von Fachkräften zu investieren, in den Ausbau der Straßen und Häfen, in die Korruptionsbekämpfung und in Verwaltungsreformen. Stattdessen hat sie etwas gemacht, das man auch aus Europa kennt: Realwirtschaftliche Probleme ignoriert, in der Hoffnung, sie auf die Notenbanker abladen zu können. Das rächt sich irgendwann. In Brasilien passiert es gerade.

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