ReligionsgeschichteBuddha in Berlin

Um 1900, im Kaiserreich, eine Provokation – heute ein Lifestyle-Produkt: Wie die Deutschen zum Buddhismus fanden. Ein Gespräch mit dem Religionswissenschaftler Martin Baumann von 

Ende der zwanziger Jahre in London: Die Schauspielerin Irene Russell vor einer Buddha-Statue.

Ende der zwanziger Jahre in London: Die Schauspielerin Irene Russell vor einer Buddha-Statue.  |  © Sasha/Getty Images

DIE ZEIT: Herr Baumann, gehört der Buddhismus zu Deutschland?

Martin Baumann: Seit dem 18. und 19. Jahrhundert. Damals interessierten sich viele Gelehrte stark für buddhistische Ethik und Philosophie. Einer der Wegbereiter war Arthur Schopenhauer, der sich intensiv mit dem Buddhismus befasst hat.

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ZEIT: Es ging mehr ums Intellektuelle als ums Spirituelle?

Baumann: Die buddhistischen Gesellschaften aus der Zeit um 1900 priesen den Buddhismus als eine "Religion der Vernunft", ganz im Geist der Aufklärung. Er sei eine Lehre, die allein auf Einsicht und Erkenntnis beruhe – wie die modernen Naturwissenschaften.

ZEIT: Heute begreift man den Buddhismus ja meist als Gegenentwurf zur rationalistischen Welt des Westens.

Martin Baumann
Martin Baumann

lehrt und forscht an der Universität Luzern zu buddhistischen und hinduistischen Religionen in Europa.

Baumann: Das gab es damals natürlich auch. Viele frühe Buddhisten hierzulande hatten durchaus esoterisch-spiritistische Motive. Viele kamen über die Theosophische Gesellschaft, aus der auch Rudolf Steiners Anthroposophie hervorging, zum Buddhismus. Oder über okkulte Zirkel. Etliche dieser Buddhisten standen in der Tradition der Romantik und ihrer kulturkritischen Haltung. Mithilfe des Buddhismus, der ihrer Meinung nach ältesten und weisesten Religion der Menschheit, werde die europäische Kultur aus dem Dunkel des Fin de Siècle heraustreten und ihre alte Größe und Herrlichkeit wiedererlangen.

ZEIT: Reisten die frühen deutschen Buddhisten auch nach Asien? Oder lasen sie nur?

Baumann: Im 19. Jahrhundert kam der Buddhismus über Schriften und Bilder hierher. Erst von 1900 an begegnen uns erste deutsche Reisende, die Asien mit der Seele suchten. Anton W. F. Gueth etwa, der Frankfurter Geigenvirtuose, lernte den Buddhismus über Schriften und die Theosophische Gesellschaft kennen. 1902 reiste er nach Birma und ließ sich dort als Mönch ordinieren. Oder der Berliner Arzt Paul Dahlke: Nach Reisen in den Südpazifik entdeckte er Ceylon und den Buddhismus als "seine zweite Heimat". Aber das sind Ausnahmen.

ZEIT: Wie standen die frühen Buddhisten zu den christlichen Kirchen?

Baumann: Sie priesen am buddhistischen Glauben all das, was sie als das Gegenteil der christlichen Religion ansahen, die sie abgelegt hatten. Dem christlichen Dogma stellten sie die buddhistische Lehre als empirisch überprüfbare "Erkenntnisreligion" gegenüber. Statt einer Erlösung durch Gottes Gnade, die den Gläubigen zur Passivität verdamme, predigten sie persönliche Verantwortung und autonomes moralisches Handeln.

ZEIT: Und wie standen die Kirchen ihrerseits zur Konkurrenz?

Baumann: Man sollte nicht vergessen: Es war eine sehr kleine Minderheit. Zu Beginn des 20. Jahrhunderts dürfte es im Kaiserreich kaum mehr als 2.000 bis 3.000 Buddhisten gegeben haben. Der Buddhismus spielte daher für die Kirchen keine große Rolle. Dennoch wurde er teils scharf kritisiert, zumeist von protestantischen Pfarrern. Das herrschaftliche, christlich geprägte Establishment stand dem importierten Glauben distanziert bis abweisend gegenüber. Christlicher Glaube und kaiserliches Reich waren untrennbar verbunden, fremde Glaubenssätze wurden als Gefahr gebrandmarkt.

ZEIT: Wie politisch war das Bekenntnis zum Buddhismus? Richtete es sich auch gegen den Militarismus des Kaiserreichs?

Baumann: Einige führende Buddhisten verstanden es durchaus als politischen Akt, Buddhas Lehre zu verbreiten. Sie prangerten allerdings weniger den Militarismus als die "Dekadenz" an, die "Sattheit" und den "Niedergang" der europäischen Kultur. Teilweise kooperierten sie eng mit lebensreformerischen Vereinigungen wie der Vegetarierbewegung. Es ging ihnen darum, anders zu leben, um Selbstkultivierung und Läuterung. Zugleich musste sich mancher von seinen Glaubensgenossen anhören, ein bloßer "Salonbuddhist" zu sein und nur schön daherzureden, statt den Idealen gemäß zu leben.

Leserkommentare
  1. Zu einem Buddhisten kann ich sagen: "Es gibt und gab keinen Buddha"- und nichts passiert. Sagen sie doch mal, es gäbe keinen Allah und sie wären schwul. Einfach mal ausprobieren.

    13 Leserempfehlungen
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    • Arrian
    • 18. August 2013 20:48 Uhr

    Als Feindbild und Synonym für das Fremde hat der Buddhismus damals aber auch getaugt, vgl.

    http://de.wikipedia.org/w...

    Parallelen mit dem heutigen Feindbild "Islam" sind nicht ganz zufällig.

    • NeoZech
    • 19. August 2013 11:14 Uhr

    geht das. In Asien ist das aber eine normale Religion - mit tw. recht brutalen Auswirkungen. Vor kurzen gab es Pogrome von Buddhisten in Burma gegen Muslime dort.

  2. Ich halte Buddhismus für reine Spiritualität weniger für eine Religion.

    Thesen T. Metzingers zum Thema Spiritualität:
    1. das Gegenteil von Religion ist nicht Wissenschaft, sondern Spiritualität

    2. Intellektuelle Redlichkeit ist ein Sonderfall der spirituellen Einstellung

    3. Die wissenschaftliche und die spirituelle Einstellung entstehen in ihren Reinformen aus derselben normativen Grundidee

    Ja und deswegen darf man auch sagen, Buddha hätte es nie gegeben. ;)

    Eine Leserempfehlung
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    ...das Bewusstsein und das Universum. Alles hängt miteinander zusammen und ist voneinander abhängig :-)

    "We are a way for the Cosmos to know itself"

    Carl Sagan

    BTW Buddhismus ist nicht einfach

  3. ...das Bewusstsein und das Universum. Alles hängt miteinander zusammen und ist voneinander abhängig :-)

    "We are a way for the Cosmos to know itself"

    Carl Sagan

    BTW Buddhismus ist nicht einfach

    Eine Leserempfehlung
    • Arrian
    • 18. August 2013 20:48 Uhr

    Als Feindbild und Synonym für das Fremde hat der Buddhismus damals aber auch getaugt, vgl.

    http://de.wikipedia.org/w...

    Parallelen mit dem heutigen Feindbild "Islam" sind nicht ganz zufällig.

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    • YaelS
    • 19. August 2013 0:00 Uhr

    Schwul, Jüdisch, ...... Alles was fremd war/ist wird gerne abgelehnt.

    Wenn das Ganze noch mit einer inhärenten Intoleranz zusammentrifft, wie man sie in Deutschland oder in der Kirche oder im Islam gerne mal antriffen kann, ergibt das eine perfekte Mischung.

    Und es geht ein Stückerl tiefer:

    Viele nennen heute Religionen unreflektiert einen Machtapperat und lieben dabei gar nicht so falsch, denn darin sind die Wurzeln unserer Gesellschafts- und Sozialordnungen verdrahtet und legitimiert.
    Im Christentum ist das streng hierarchisch:
    Jesus->Papst->Kaiser->Aristokratie->'n paar Bürger->der Rest

    Wer Jesus nicht zweifelsfrei anerkannte, dem wurde unterstellt, daß er die Legitimation des jeweiligen Herrschers bezweifelte.
    Darin gründen tiefgreifende Resentiments gegen alles was nicht so ist, wie wir's gerne hätten. Eine ungute Mischung aus eigener Unsicherheit und Xenophobie machte Jagd auf alles, was anders ist.
    So hatte auch der Buddhismus wenig Platz, um sich in Deutschland der Kaiserzeit auszubreiten.

    • stic
    • 18. August 2013 20:52 Uhr

    Für mich weder Religion, noch Philosophie. Reine Praxis. Und schon gar kein Lifestyle, den man vermarkten kann. Oder doch?

    • YaelS
    • 19. August 2013 0:00 Uhr

    Schwul, Jüdisch, ...... Alles was fremd war/ist wird gerne abgelehnt.

    Wenn das Ganze noch mit einer inhärenten Intoleranz zusammentrifft, wie man sie in Deutschland oder in der Kirche oder im Islam gerne mal antriffen kann, ergibt das eine perfekte Mischung.

    Und es geht ein Stückerl tiefer:

    Viele nennen heute Religionen unreflektiert einen Machtapperat und lieben dabei gar nicht so falsch, denn darin sind die Wurzeln unserer Gesellschafts- und Sozialordnungen verdrahtet und legitimiert.
    Im Christentum ist das streng hierarchisch:
    Jesus->Papst->Kaiser->Aristokratie->'n paar Bürger->der Rest

    Wer Jesus nicht zweifelsfrei anerkannte, dem wurde unterstellt, daß er die Legitimation des jeweiligen Herrschers bezweifelte.
    Darin gründen tiefgreifende Resentiments gegen alles was nicht so ist, wie wir's gerne hätten. Eine ungute Mischung aus eigener Unsicherheit und Xenophobie machte Jagd auf alles, was anders ist.
    So hatte auch der Buddhismus wenig Platz, um sich in Deutschland der Kaiserzeit auszubreiten.

    Antwort auf "Feindbild"
    • NeoZech
    • 19. August 2013 11:14 Uhr

    geht das. In Asien ist das aber eine normale Religion - mit tw. recht brutalen Auswirkungen. Vor kurzen gab es Pogrome von Buddhisten in Burma gegen Muslime dort.

  4. "Der Buddhismus spielte daher für die Kirchen keine große Rolle. Dennoch wurde er teils scharf kritisiert, zumeist von protestantischen Pfarrern."

    Diese Vorgehensweise gibt es heute auch noch.
    Man distanziere sich heute mal vom Euro
    oder von der real existierenden EU.

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  • Schlagworte Buddhismus | Geschichte | Kaiserreich | Religion | Asien | Berlin
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