DIE ZEIT: Herr Baumann, gehört der Buddhismus zu Deutschland?

Martin Baumann: Seit dem 18. und 19. Jahrhundert. Damals interessierten sich viele Gelehrte stark für buddhistische Ethik und Philosophie. Einer der Wegbereiter war Arthur Schopenhauer, der sich intensiv mit dem Buddhismus befasst hat.

ZEIT: Es ging mehr ums Intellektuelle als ums Spirituelle?

Baumann: Die buddhistischen Gesellschaften aus der Zeit um 1900 priesen den Buddhismus als eine "Religion der Vernunft", ganz im Geist der Aufklärung. Er sei eine Lehre, die allein auf Einsicht und Erkenntnis beruhe – wie die modernen Naturwissenschaften.

ZEIT: Heute begreift man den Buddhismus ja meist als Gegenentwurf zur rationalistischen Welt des Westens.

Baumann: Das gab es damals natürlich auch. Viele frühe Buddhisten hierzulande hatten durchaus esoterisch-spiritistische Motive. Viele kamen über die Theosophische Gesellschaft, aus der auch Rudolf Steiners Anthroposophie hervorging, zum Buddhismus. Oder über okkulte Zirkel. Etliche dieser Buddhisten standen in der Tradition der Romantik und ihrer kulturkritischen Haltung. Mithilfe des Buddhismus, der ihrer Meinung nach ältesten und weisesten Religion der Menschheit, werde die europäische Kultur aus dem Dunkel des Fin de Siècle heraustreten und ihre alte Größe und Herrlichkeit wiedererlangen.

ZEIT: Reisten die frühen deutschen Buddhisten auch nach Asien? Oder lasen sie nur?

Baumann: Im 19. Jahrhundert kam der Buddhismus über Schriften und Bilder hierher. Erst von 1900 an begegnen uns erste deutsche Reisende, die Asien mit der Seele suchten. Anton W. F. Gueth etwa, der Frankfurter Geigenvirtuose, lernte den Buddhismus über Schriften und die Theosophische Gesellschaft kennen. 1902 reiste er nach Birma und ließ sich dort als Mönch ordinieren. Oder der Berliner Arzt Paul Dahlke: Nach Reisen in den Südpazifik entdeckte er Ceylon und den Buddhismus als "seine zweite Heimat". Aber das sind Ausnahmen.

ZEIT: Wie standen die frühen Buddhisten zu den christlichen Kirchen?

Baumann: Sie priesen am buddhistischen Glauben all das, was sie als das Gegenteil der christlichen Religion ansahen, die sie abgelegt hatten. Dem christlichen Dogma stellten sie die buddhistische Lehre als empirisch überprüfbare "Erkenntnisreligion" gegenüber. Statt einer Erlösung durch Gottes Gnade, die den Gläubigen zur Passivität verdamme, predigten sie persönliche Verantwortung und autonomes moralisches Handeln.

ZEIT: Und wie standen die Kirchen ihrerseits zur Konkurrenz?

Baumann: Man sollte nicht vergessen: Es war eine sehr kleine Minderheit. Zu Beginn des 20. Jahrhunderts dürfte es im Kaiserreich kaum mehr als 2.000 bis 3.000 Buddhisten gegeben haben. Der Buddhismus spielte daher für die Kirchen keine große Rolle. Dennoch wurde er teils scharf kritisiert, zumeist von protestantischen Pfarrern. Das herrschaftliche, christlich geprägte Establishment stand dem importierten Glauben distanziert bis abweisend gegenüber. Christlicher Glaube und kaiserliches Reich waren untrennbar verbunden, fremde Glaubenssätze wurden als Gefahr gebrandmarkt.

ZEIT: Wie politisch war das Bekenntnis zum Buddhismus? Richtete es sich auch gegen den Militarismus des Kaiserreichs?

Baumann: Einige führende Buddhisten verstanden es durchaus als politischen Akt, Buddhas Lehre zu verbreiten. Sie prangerten allerdings weniger den Militarismus als die "Dekadenz" an, die "Sattheit" und den "Niedergang" der europäischen Kultur. Teilweise kooperierten sie eng mit lebensreformerischen Vereinigungen wie der Vegetarierbewegung. Es ging ihnen darum, anders zu leben, um Selbstkultivierung und Läuterung. Zugleich musste sich mancher von seinen Glaubensgenossen anhören, ein bloßer "Salonbuddhist" zu sein und nur schön daherzureden, statt den Idealen gemäß zu leben.