Der "E-Markt", wie ihn die Schwabinger nennen, besteht aus einer Ansammlung von Obst- und Gemüseständen, kleinen Cafés und schickeren Imbissbuden, Fischläden, Blumenläden, einer Tierhandlung, einem Käseladen. Das Einkaufen wird hier eher zelebriert, als dass es aus Notwendigkeit geschieht. Vieles ist überteuert und noch nicht mal besonders gut, aber kaum ist endlich Sommer, renne ich zum E-Markt, wann immer es geht, und hoffe, dass mein Liegestuhl frei ist. Es gibt nur einen, einen klassischen orangefarbenen Holzliegestuhl. Er gehört zu einer Suppenküche, deren Besitzerin aus der Medienbranche kommt, was wie eine Aufforderung an ehemalige Kollegen klingen könnte: Klappe halten, Suppe kochen.

Diese risikofreudige Dame jedenfalls stellt im Sommer meinen vor ihren Laden. Wenn ich Glück habe, ist er frei, selig werfe ich mich für ein halbes Stündchen hinein und erlebe mein Schwabinger Sommerglück. Perfekt choreografiert, gibt das Leben eine Sondervorstellung: Ein chinesischer Tourist beißt misstrauisch in eine Leberkässemmel, zwei Damen in Kaschmirjäckchen diskutieren die Bärensaison, dieses Jahr zwar dick, aber doch recht geschmacklos. Ich sehe sie in ihren schönen Altbauwohnungen mit dicken, geschmacklosen Bären auf der Couch sitzen, wie schade, dass es sich wohl nur um Blaubeeren handelt.

Große Pause: Die Berufsschüler der Kfz-Mechanik in ihren Lederjacken umschwirren die Gymnasiumsmädel in weißen Spitzenkleidchen oder andersherum. Auf der Bank gegenüber sitzt ein weißbärtiger Mann mit dem Krückstock, der in einem alten Schuh steckt. Neben ihm der Rumäne, der sich Tag für Tag schwer hinkend durchs Viertel bettelt – und ab neunzehn Uhr nicht mehr hinkt. Er isst Pizza. Die Schauspielerin Christine Kaufmann fährt in königlicher Haltung auf ihrem Hollandrad vorbei. Eine sehr dünne Frau schöpft Wasser für ihren Windhund aus dem kleinen Brunnen, auf dem ein Bär auf einer Steinkugel balanciert. Darunter steht: Alles Leben fließt.

Die Schüler müssen zurück in ihre Schulen. Es beginnt die Mittagspause der Tauben und Krähen, die sich um die Krümel zanken. Der alte Mann mit dem Krückstock im Schuh steht auf und geht zu einer Mutter. Laut und langsam sagt er zu ihr: "Ich hatte auch mal ein Baby, das ist auf meinen Schultern geritten, und ich war das Pferd." Die junge Mutter nickt freundlich. Der Rumäne hält einen Mittagsschlaf. Die Blumenfrau gießt ihre Sommerblumen. Hummeln summen. Vom Spielplatz dringen Kinderstimmen.

Er ist gebaut wie eine kleine Stierkampfarena, ein Holzrondell, in dem innen die Eltern und die Kinder im Sand sitzen, von außen sehen die Älteren zu, nostalgisch oder auch schadenfroh. Über dem Spielplatz ein Lindenbaum. Ein Baby liegt auf einer Decke und schläft. Ein Junge findet 10 Cent im Sand, der Vater sagt: Such mehr. Wenn ein Kind laut heult, halten die anderen kurz inne. Zwei kleine Mädchen unterhalten sich: "Kennst du die magischen Flügel?" – "Na, klar. Wo wurdest du geboren?" – "Im Rotkreuz. Und du?" – "Rechts der Isar. Ich bewerf dich jetzt mit Feenstaub." Die beiden bewerfen sich mit Sand. Der Junge findet tatsächlich mehr Geld. Ein Lindenblütenblatt fällt auf das Baby.

Im Biergarten gleich neben dem Spielplatz werden Maßkrüge aneinandergeknallt. Klock, klock, klock. Die Kastanie breitet ihre Blätter über den Gästen aus wie ein großes Gefieder. Der alte Mann bugsiert mit seinem Krückenschuh einen Kronkorken bis zum Gully und versenkt ihn. Er sieht zufrieden aus. Die Fischverkäuferin hält ihre Beine in die Sonne und checkt ihr Telefon. Der Rumäne wacht auf und macht sich humpelnd wieder an die Arbeit. Ich hieve mich aus meinem Liegestuhl und verlasse mein Wohnzimmer. Beschenkt. Gesättigt. Glücklich.