City Guide MünchenWer war wohl der Holländer?

Die Pension am Englischen Garten ist eine Wunderkammer – mit großem Garten. von Barbara Baumgartner

Pension Englischer Garten

Pension Englischer Garten  |  © Sebastian Arlt für DIE ZEIT

Zum Haus gehört ein stattlicher Kater, der den Gästen auf der Terrasse um die Beine streicht. "Mauzerl", stellt Frau Zankl, die Herrin des Hauses, ihn vor. "Aber eigentlich ist der gar nicht unsrer. Er hat einfach entschieden hierzubleiben." Worauf eine zierliche Dame aus Baden-Baden, die mit Buch, Rotwein und Nüssen an einem der Tische unterm alten Birnbaum sitzt, verständnisvoll nickt.

Die Dame ist seit vielen Jahren Stammgast; wenig später sitze ich bei ihr am Tisch, ein paar Meter weiter fließt zwischen dichtem Laub der Schwabinger Bach vorbei, man spürt seinen kühlen Hauch. Während es langsam dunkel wird und über uns in der efeuüberwucherten Fassade ein paar Fenster aufleuchten, erzählt uns Frau Zankl, was sich in den letzten Jahren in dieser Postkartenecke Münchens getan hat: Wo alte Gebäude neuen wichen und Veronica Ferres jetzt ein Haus besitzt.

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Auch das Gästehaus umschleichen die Investoren. Immer wieder bekommt Roselinde Zankl fantastischste Offerten, die sie dann an den Besitzer weiterleitet. Dass der darauf eingeht, fürchtet die Pächterin nicht: Er sei von ganz anderem Schlag, außerdem wohlhabend. So blieb das Haus so gut wie unverändert, seit Frau Zankl es vor 18 Jahren übernahm. Was für ein Glück!

Der Garten ist groß und unmanikürt, um die Terrasse zeugen ein paar Säulen und steinerne Amphoren vom Geschmack früherer Bewohner, in einem Schuppen stehen die Mietfahrräder bereit, die an dieser Adresse ein Himmelsgeschenk sind. In mein Zimmer hinauf geht es vorbei an einer Marienstatue, an Ölgemälden, Stadtansichten, historischen Postkarten, Keramikkrügen und orientalisch anmutenden Gefäßen. Auf Sekretären und Tischchen stapeln sich Bücher, die andere Gäste zurückgelassen haben. Kaum ein Fleck Boden, den nicht Teppiche bedecken, überall Kissen und Deckchen.


Legende: Rot = Essen, Grün = Ausgehen, Gelb = Schlafen
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Es ist hier wie in der Wohnung einer Großmutter, deren Geschmack man nicht teilen muss, in der man sich aber sofort geborgen fühlt. In solchen Wohnungen sind über die Jahrzehnte eine Menge Dinge zusammengekommen. Manche wurden mit Bedacht gewählt, andere hat der Zufall zurückgelassen. Da ist zum Beispiel genau vor meiner Tür der wohlhabende Holländer in Öl, der selbstgewiss aus dunklem Rahmen blickt, und seine schöne Gattin ein Stockwerk höher.

Die Bilder hingen in einem Schwabinger Jugendstilhaus. Als dessen Erbinnen von auswärts anreisten, um den Haushalt aufzulösen, wohnten sie bei Frau Zankl. Hier, fanden sie, würden die Gemälde doch wunderbar passen! Frau Zankl fand das auch. Jetzt schaue ich dem Holländer, wann immer ich meine Kammer verlasse, ins Gesicht und frage mich, wer er wohl war.

Ich sage Kammer, weil es eine Kammer ist: unter die Dachschräge geduckt, mit kleinen Fenstern, durch die einschläferndes Stimmengewirr vom Biergarten auf der anderen Straßenseite hereindringt; das Bett ist bequem, die Einrichtung zusammengewürfelt ohne Rücksicht auf die Verträglichkeit von Stilen oder Mustern. Es gibt ein Waschbecken im Zimmer, die Toilette ist nebenan auf dem Flur, duschen kann ich drei Treppen tiefer.

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