City Guide MünchenMit Rüsch und Fliege

In der Oper herrscht noch der hohe Ton. von Christian Schüle

Besucher vor der Oper in München

Besucher vor der Oper in München  |  © Sebastian Arlt für DIE ZEIT

In München steht ein Hofbräuhaus, und daneben steht ein Opernhaus. Gsuffa und gejauchzet, keine zweihundert Meter voneinander entfernt. München ist die einzige Stadt Deutschlands, in deren Zentrum sich ein Tempel findet – den Musen geweiht. Der Kunst geschenkt. Achtfach korinthisch besäult, königlich hingewuchtet, Anfang des 19. Jahrhunderts eingeweiht. Ein Statement, ein Bekenntnis, eine monumentalistische Hommage an Muse, Hochkultur und den Geist des Festspiels in Zeiten allgemeiner Verfußballerung.

Gelegen am Ende des Prada-Dolce-und-Dior-Boulevards Maximilianstraße, grenzend an die fürstliche Residenz, in Reichweite der soldatischen Feldherrnhalle. Ein Pantheon-Puffer zwischen Politik, Glamourkapital und der Schnödheit des Konsumtheaters. Wo, bitte schön, gibt’s so etwas sonst?

Anzeige

Wer in München auf sich hält, wirft sich in Schale und pilgert zu Apollons bajuwarischem Tempel. Großartiges Trara vor jeder Aufführung. Herrje, man steht da und fasst es nicht, was Menschen unter Schale verstehen! Bisweilen treibt das bildungsbürgerliche Stilempfinden seltsame Blüten, gewiss, aber: Es treibt welche. Hier gibt es noch den Aufmarsch des keineswegs ausrangierten Kunstbürgertums, die Feier der Tradition, den Anstand der Fliege und den Rüsch des Abendkleids, auch wenn die frechen Digital Natives in Chucks und mit Hornbrille sonst schon nahezu alles kolonisiert haben. Einzig in der Oper herrscht noch der hohe Ton, und die äußere Form deckt sich mit dem Versprechen auf innere Erhebung.

City Guide München

Hier finden Sie alle Artikel aus dem City Guide München:

Eine Radtour mit dem Duo  "Hasemanns Töchter"

Sommerglück am Elisabethmarkt von Doris Dörrie

Stammgericht: Der Schweinsbraten

Interview mit dem DJ Mathias Modica

Die besten Adressen im Netz

Unsere Hotel- und Restaurantempfehlungen

In der Münchner Oper herrscht noch der hohe Ton

Die Pension am Englischen Garten

City Guide als E-Book kaufen

DIE ZEIT City Guides stehen Ihnen auch als E-Book nach dem Download jederzeit und überall auf Ihrem digitalen Lesegerät zur Verfügung.

Hier finden Sie eine Übersicht unserer E-Books www.zeit.de/ebooks.

Was hier geschieht, ist meist eine halbe Staatsangelegenheit, mehr Ereignis als Event. Wer nun Zutritt ins Tempelinnere begehrt, muss und darf hinaufsteigen, auf einem guten Dutzend breiter Stufen; und wer sich dann unterm säulengestützten Giebel wieder umdreht, sieht den Korso der Autos, der Busse und Trambahnen, aus denen die Betuchten und Nichtbetuchten zu Puccini und Mozart, zu Wagner und Verdi schreiten. In diesem Moment ist klar: Die Bayerische Staatsoper ist die steingewordene Beschwörung der vergangenen Zeiten inmitten jeder Gegenwart.

Drinnen wurde einst allerlei Wagner uraufgeführt; drinnen dirigieren noch heute die Großen; drinnen sangen und singen die Größten ihres Fachs. Und wenn draußen auf dem Max-Joseph-Platz um das Max-Joseph-Denkmal herum anlässlich der hochsommerlichen Festspiele Open-Air-"Oper für alle" stattfindet, zehntausendfach das Volk wuselt und zur kostenfreien Liveübertragung kein Platz mehr frei bleibt, leuchtet die Stadt, so wie sie es nach Großdichters Meinung tun muss. Ein Tempel im Zentrum: Ach, München, meine Schöne, was auch immer die Kritiker sagen, ich gehe auf die Knie vor deiner Oper!


Legende: Rot = Essen, Grün = Ausgehen, Gelb = Schlafen
Den City Guide München auf einer größeren Karte anzeigen


Zur Startseite
 
Leserkommentare
  1. Und was ist ein Opernhaus wert, dessen Operetten-Indentant gerade einen der weltbesten Dirigenten so mal eben vergrault hat?

    3 Leserempfehlungen
  2. Umgekehrt scheinen die Berührungsängste nicht so groß zu sein.
    Zur Eröffnung der neuen Fußball-Bundesligasaison sang jedenfalls der Münchner Tenor Jonas Kaufmann die deutsche Nationalhymne.

  3. "In der [Münchner] Oper herrscht noch der hohe Ton." – fragen Sie da mal Kent Nagano nach dem dor hersrschenden Ton!

Bitte melden Sie sich an, um zu kommentieren

  • Serie City Guide
  • Schlagworte München | Opernhaus | Staatsoper
Service