In München steht ein Hofbräuhaus, und daneben steht ein Opernhaus. Gsuffa und gejauchzet, keine zweihundert Meter voneinander entfernt. München ist die einzige Stadt Deutschlands, in deren Zentrum sich ein Tempel findet – den Musen geweiht. Der Kunst geschenkt. Achtfach korinthisch besäult, königlich hingewuchtet, Anfang des 19. Jahrhunderts eingeweiht. Ein Statement, ein Bekenntnis, eine monumentalistische Hommage an Muse, Hochkultur und den Geist des Festspiels in Zeiten allgemeiner Verfußballerung.

Gelegen am Ende des Prada-Dolce-und-Dior-Boulevards Maximilianstraße, grenzend an die fürstliche Residenz, in Reichweite der soldatischen Feldherrnhalle. Ein Pantheon-Puffer zwischen Politik, Glamourkapital und der Schnödheit des Konsumtheaters. Wo, bitte schön, gibt’s so etwas sonst?

Wer in München auf sich hält, wirft sich in Schale und pilgert zu Apollons bajuwarischem Tempel. Großartiges Trara vor jeder Aufführung. Herrje, man steht da und fasst es nicht, was Menschen unter Schale verstehen! Bisweilen treibt das bildungsbürgerliche Stilempfinden seltsame Blüten, gewiss, aber: Es treibt welche. Hier gibt es noch den Aufmarsch des keineswegs ausrangierten Kunstbürgertums, die Feier der Tradition, den Anstand der Fliege und den Rüsch des Abendkleids, auch wenn die frechen Digital Natives in Chucks und mit Hornbrille sonst schon nahezu alles kolonisiert haben. Einzig in der Oper herrscht noch der hohe Ton, und die äußere Form deckt sich mit dem Versprechen auf innere Erhebung.

Was hier geschieht, ist meist eine halbe Staatsangelegenheit, mehr Ereignis als Event. Wer nun Zutritt ins Tempelinnere begehrt, muss und darf hinaufsteigen, auf einem guten Dutzend breiter Stufen; und wer sich dann unterm säulengestützten Giebel wieder umdreht, sieht den Korso der Autos, der Busse und Trambahnen, aus denen die Betuchten und Nichtbetuchten zu Puccini und Mozart, zu Wagner und Verdi schreiten. In diesem Moment ist klar: Die Bayerische Staatsoper ist die steingewordene Beschwörung der vergangenen Zeiten inmitten jeder Gegenwart.

Drinnen wurde einst allerlei Wagner uraufgeführt; drinnen dirigieren noch heute die Großen; drinnen sangen und singen die Größten ihres Fachs. Und wenn draußen auf dem Max-Joseph-Platz um das Max-Joseph-Denkmal herum anlässlich der hochsommerlichen Festspiele Open-Air-"Oper für alle" stattfindet, zehntausendfach das Volk wuselt und zur kostenfreien Liveübertragung kein Platz mehr frei bleibt, leuchtet die Stadt, so wie sie es nach Großdichters Meinung tun muss. Ein Tempel im Zentrum: Ach, München, meine Schöne, was auch immer die Kritiker sagen, ich gehe auf die Knie vor deiner Oper!