Energiewende : "Knapp vorbei am Stromausfall"

Die Energiewende ist übereilt, jetzt zahlen die Deutschen schon für die Vernichtung von Strom: Der Fachmann Frank Umbach im Gespräch
Netzausbau in der Nähe von Bützow, in Mecklenburg-Vorpommern (Archivbild) © Sean Gallup/Getty Images

DIE ZEIT: Wie sicher ist die Energieversorgung Deutschlands? Wie sicher ist es, dass wir auch in Zukunft genügend Öl, Gas oder Kohle haben und dass der Strom fließt?

Frank Umbach: Die Lage ist deutlich schlechter geworden. Dabei geht es nicht nur um die Frage, ob es künftig genügend Rohstoffe gibt. Es geht auch um deren Preise, um die Sicherheit der Lieferbeziehungen und um die politische Stabilität in unseren Lieferländern. Und es geht um die Frage, wie diversifiziert unsere Rohstoffquellen sind. Alle Risikobewertungen zur Versorgungssicherheit zeigen eine Verschlechterung an.

ZEIT: Warum?

Umbach: Stichwort Diversifizierung. Da kommt es darauf an, zum Beispiel zur Stromerzeugung möglichst viele Energieträger zu haben. Je mehr, desto unabhängiger ist man. Insofern verschlechtert der Atomausstieg unsere Versorgungssicherheit.

ZEIT: Das müssen Sie erklären.

Frank Umbach

ist Politologe und arbeitet bei mehreren internationalen Organisationen, unter anderem bei EUCERS in London, CESS in München und dem Atlantic Council in Washington

Umbach: Wir haben die Kernenergie auch deshalb gefördert, weil Deutschland unabhängiger vom Öl werden sollte. Gerade bei der Stromerzeugung. Unser ganzes Leben ist abhängig vom Strom. Ohne ihn bricht alles zusammen ...

ZEIT: ... nach dem Atomausstieg ist in Deutschland überhaupt nichts zusammengebrochen!

Umbach: Falsch. Wir sind seither dreimal gerade noch an einem großflächigen Stromausfall vorbeigeschrammt. Eingriffe zur Netzstabilisierung sind die Regel geworden. Überdies war Deutschland bis zur Energiewende das Land in Europa, das am meisten Strom exportierte. Jetzt sind wir temporär zum Nettoimporteur geworden.

ZEIT: Das stimmt doch nicht: Noch im Frühjahr hat Deutschland massenweise Strom in das Kernkraftland Frankreich exportiert.

Umbach: Das gab es auch in der Vergangenheit. Bei Trockenheit muss Frankreich AKWs abschalten und Strom importieren ...

ZEIT: ... was ja nicht gerade für die hohe Versorgungssicherheit durch Kernkraftwerke spricht ...

Umbach: ... schon richtig, aber nach der Abschaltung von acht Atommeilern gibt es bei uns keine Reservekapazitäten für die Grundlast mehr, also für die kontinuierliche, sichere Versorgung gerade der Industrie. Zugleich gefährdet die mitunter übermäßige Einspeisung von Sonnen- und Windstrom die Stabilität der Netze und damit wiederum die Versorgungssicherheit. Derzeit exportieren wir diese Probleme, indem wir Strom über die Grenzen schicken. Damit bürden wir unsere Schwierigkeiten unseren Nachbarn auf.

ZEIT: Sie reden die Energiewende systematisch schlecht. Macht nicht im Gegenteil die verstärkte Nutzung von Sonne und Wind Deutschland unabhängiger vom Import teurer fossiler Energieträger wie Öl und Gas? Wird damit nicht die Versorgungssicherheit erhöht?

Umbach: Verstehen Sie mich bitte nicht falsch! Langfristig halte ich den Ausbau der erneuerbaren Energien für die absolut richtige Strategie. Aber es ist unverantwortlich, aus der Kernenergie auszusteigen, ohne zuvor zu prüfen, welche Konsequenzen das für die Versorgungssicherheit in Deutschland hat. Diese Entscheidung betrifft schließlich uns alle. Dennoch hat sich die Politik kaum Gedanken darüber gemacht, welche Auswirkungen und Kosten zu erwarten sind!

ZEIT: Aber der Umstieg zu den Erneuerbaren bleibt trotzdem richtig?

Umbach: Ja, und natürlich nicht zuletzt aus Gründen der Versorgungssicherheit. Man muss nur zugleich versuchen, 20 oder 30 Jahre in die Zukunft schauen. Lassen Sie mich das an einem anderen Beispiel erläutern: Mitte der 1990er Jahre hatten viele deutsche Mittelständler in aller Welt direkte Beteiligungen an Bergwerken, in denen für Deutschland wichtige Rohstoffe gefördert wurden. Dann gingen die Rohstoffpreise in den Keller. Nicht zuletzt auf Anraten von Banken und Analysten wurden daraufhin diese Beteiligungen abgestoßen. Niemand hat sich damals die Frage gestellt, wie die Rohstoffversorgung in 10 oder 20 Jahren aussehen könnte. Jetzt wissen wir es: Rohstoffe sind teuer und knapp, und deutsche Mittelständler konkurrieren mit Chinesen auf den Weltmärkten. Heute ist also klar, dass die Entscheidungen von damals strategisch falsch waren. Aber jetzt sind wir kaum noch in der Lage, uns anzupassen.

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Kommentare

83 Kommentare Seite 1 von 10 Kommentieren

Den Tunnelblick haben leider Sie

Es geht nicht um Monate. Um den Strom aus Sonne und Wind zu verstetigen, benötigt man Speicherkapazität von ca. 20 Tagen der durchschnittlichen Einspeisung. Die in der Studie angegebenen 60.000 Pumpspeicherwerke beziehen sich vermutlich auf 100% Wind und PV. Bei angenommenen 80% Anteil bei einer 100% Versorgung mit EE wären aber immer noch 48.000 Pumpspeicherwerke nötig. Abgesehen von den irrsinnigen Kosten ist der Platz dafür nicht vorhanden.

Das einzige mir bekannte Konzept, das die Speicherproblematik lösen könnte, ist der Lageenergiespeicher von Prof. Heindl. Ist bisher allerdings nur ein Konzept. Demnächst soll wohl ein Prototyp gebaut werden.