Das Schlimmste, was einem beim Fernsehen zustoßen kann, ist jemand, der sich direkt vor dem Bildschirm aufbaut, um dumme Kommentare von sich zu geben. Noch schlimmer, wenn dort gleich sechs Leute stehen, gekommen, um zu bleiben, weil das ihr Job ist: am laufenden Band ungefiltert herauszuquasseln, was ihnen durch den Kopf geht.

Man möchte das ZDF nicht mit RTL vergleichen. Man muss es aber tun, wenn das Öffentlich-Rechtliche beginnt, sich der Logik von Privatsender-Schlagern anzugleichen, in denen C-Promis, gemischt mit selbstversuchsbereiten Durchschnittsbürgern, in ferne Länder entsandt werden, um dabei gefilmt zu werden, was das so mit ihnen "macht".

Natürlich führt Auf der Flucht, die neue vierteilige Doku-Reihe des jungen Digitalsenders ZDFneo (vom 8. August an donnerstags um 22.15 Uhr, am 3. und 4. September um 23.45 Uhr im ZDF) nicht in ein "Dschungelcamp". Dieses "Experiment" hätte aber ein mutiges Projekt werden können. Das Thema von Flüchtlingen in Europa aufzugreifen, indem man Orte wie Lampedusa, die zur medialen Schablone verkommen sind, einfach besucht, von dort aus weiterreist, rückwärts, nach Äthiopien, Eritrea, in den IrakAuf der Flucht hätte eine Perle des öffentlich-rechtlichen Fernsehens werden können, voller subtiler Beobachtungen, Einzelbiografien aufgreifend und sie zu einem großen Ganzen zusammenführend.

Doch hier darf, ja, hier muss man nicht ertragen, dass die nackte Realität zu einem spricht. Schließlich fährt kein Reporter die Routen ab, sondern sechs gecastete, in "Teams" eingeteilte "Flüchtlinge auf Zeit". Ein ehemaliger Bundeswehrsoldat, eine Streetworkerin, ein Model, ein ehemaliger Rocksänger, ein Nazi-Aussteiger, eine glühende Verehrerin Thilo Sarrazins – die Belegschaft ist nicht uninteressant. Vielleicht hätten sich diese Menschen etwas zu sagen, vielleicht wären sie selbst ein Biotop für eine Dokumentation. Das ZDF aber verschickt sie, um – wohl stellvertretend für "uns" – am eigenen Leib zu erleben, wie sich das anfühlt, auf der Kehrseite unserer europäischen Zivilisation zu leben, verfolgt, heimatlos, arm, seiner Rechte beraubt zu sein.

Dieses kühne, überfrachtete Format geht ordentlich in die Hose, da helfen auch die lobenswerten informativen Passagen nicht, die wie Durchsagen aus der Zentrale für politische Bildung aus dem Off ertönen, um Statistiken zur Lage der Flüchtlinge zu liefern. Sie, so scheint man sich gedacht zu haben, erfüllen den Bildungsauftrag. Der Rest kann dafür ruhig ein bisschen unkonventioneller sein. Und deshalb gibt es noch die andere Stimme, eine, die im rauen Tonfall der Abenteuerlust, wie man sie von Jeanswerbungen kennt, ankündigt, dass "diese Reise das Leben der Kandidaten für immer verändern wird".