GastarbeiterinnenGekommen und geblieben

In Südeuropa, China und auf den Philippinen – weltweit sucht die Arbeitsagentur nach Personal für deutsche Krankenhäuser. Schon vor 50 Jahren wurden 10.000 Krankenschwestern aus Korea angeworben. Wie ist es ihnen ergangen? von 

"Keine Minute überlegt"

Joung-Sook Autenrieth kam 1972 nach Bad Oeynhausen

Ich habe immer davon geträumt, Ärztin zu werden. Aber in Südkorea war das in der damaligen Zeit undenkbar. Das Land war sehr arm, viele meiner Klassenkameraden hatten noch nicht einmal Geld für ein Pausenbrot. Ich hatte das Glück, dass mein Vater Arbeit fand. Er war Militärarzt, und wir hatten eine sehr enge Beziehung. Doch er starb, als ich 15 Jahre alt war. Danach musste meine Mutter arbeiten, so hart, wie es kaum mit Worten zu beschreiben ist. Ich habe in Korea einfach überhaupt keine Möglichkeit gesehen, meinen Weg zu gehen. Meine Mutter wollte, dass ich bleibe. Wir schaffen das schon, du wirst auch hier studieren können, hat sie immer gesagt. Für Mädchen war das eigentlich nicht üblich, die hatten damals nicht viel zu sagen. Wie also sollte das funktionieren? Meine Mutter hatte es ja gerade mal geschafft, mich und meine drei Brüder zu ernähren. Ich habe keine Minute überlegt, mich als Krankenschwester für Deutschland zu bewerben. Plötzlich saß ich also mit vielen anderen koreanischen Mädchen im Flieger in ein fremdes Land. Wir waren alle schrecklich aufgeregt, keine von uns war jemals davor geflogen. Es war Dezember, in Deutschland war es dunkel und kalt. Ich war am Anfang oft traurig und niedergeschlagen. Ich glaube, ich habe die erste Zeit in Deutschland nur ausgehalten, weil ich so gerne Käse mag. Holländischen Käse zum Schmieren, den gab es in Korea bloß an Feiertagen. Der hat mir Kraft gegeben. Ich arbeitete in Bad Oeynhausen in einem Krankenhaus. Aber nach anderthalb Jahren wollte ich nur noch nach Hause. Ich habe mich so alleine gefühlt. 60 Stunden Arbeit in der Woche waren die Regel, daneben gab es gar kein Leben mehr. Und die Arbeit war nicht das, was ich mir vorgestellt hatte: Patienten waschen, Urintöpfe leeren, einfache Pflegearbeiten halt, die man auch ohne große Sprachkenntnisse erledigen konnte. Als ich kündigen wollte, sagte man mir, dass ich einen Vertrag für drei Jahre unterschrieben hätte, was nicht rückgängig zu machen sei. Also bin ich geblieben. Bei meiner Arbeit habe ich mich mit einer Studentin aus Berlin angefreundet. Ich habe sie besucht und mich sofort so wohl in Berlin gefühlt. Es war klar, sobald die Zeit in Bad Oeynhausen vorbei ist, gehe ich dorthin und studiere Medizin. Das habe ich dann auch gemacht. Heute bin ich sehr glücklich in Deutschland. Ich habe eine Praxis für Allgemeinmedizin, und mein Mann, ein Deutscher, ist auch Arzt. Sogar unsere Tochter studiert Medizin. Die deutschen Tugenden liegen mir: Pünktlichkeit, Zuverlässigkeit, Ehrlichkeit. Und mir imponieren die deutschen Frauen: Sie sind sehr stark.

"Ich hatte immer ein Wörterbuch dabei"

Ahn-Sun Kim begann 1971 in Verden als Krankenpflegerin zu arbeiten

Ich bin auf dem Land aufgewachsen, unser Dorf hatte vielleicht 60 Häuser. Wir haben immer nur von dem gelebt, was mein Vater angebaut hat, Reis und Gemüse. Geld sparen konnte er nicht. Um das Schulgeld für mich zu bezahlen, hat meine Mutter angefangen, in einem kleinen Hotel in der nächstgrößeren Stadt zu arbeiten. Ihr war es sehr wichtig, dass ich etwas lerne. Eine Stunde hin und eine Stunde zurück musste ich immer zur Schule laufen. Noch nicht einmal einen Bus gab es. Nach meinem Schulabschluss habe ich eine Ausbildung als Pflegerin gemacht – und danach in einer staatlichen Vorsorgeeinrichtung gearbeitet. Ich habe dort Frauen die Pille verschrieben, die war gerade auf den Markt gekommen. Aber ich war jung und neugierig auf die Welt, wirklich Spaß gemacht hat mir die Arbeit nicht. Irgendwie habe ich dann mitbekommen, dass in Deutschland Krankenschwestern gesucht werden. Von Deutschland wusste ich nicht viel, außer wo es ungefähr liegt – und dass es dort einige Kriege gegeben hatte. Aber ich wollte raus aus Korea. Bis zu diesem Zeitpunkt hatte ich nicht viel gesehen außer meinem Dorf. Ich kannte Seoul und die Nachbarstädte natürlich. Aber Europa? Ich hatte wirklich keine Ahnung, was mich dort erwarten würde. Aber eigentlich hat das Einleben dann ganz gut geklappt. Das lag bestimmt auch daran, dass ich nicht alleine nach Deutschland gekommen bin. Wir waren insgesamt sieben koreanische Krankenschwestern im Krankenhaus in Verden, und wir haben auch zusammen in einem Schwesternwohnheim gewohnt. Wenn eine von uns Heimweh hatte, war immer jemand da, der trösten konnte. Abends haben wir oft zusammen gekocht, Reis, etwas Koreanisches. Ich konnte allerdings auch von Anfang an Brot essen, andere hatten mehr Probleme damit.

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Ich habe auf einer Neugeborenenstation gearbeitet. Mein Deutsch war ziemlich schlecht. Mit Händen und Füßen habe ich mich verständigt. Ich hatte immer ein kleines Wörterbuch in der Tasche. Wenn ich etwas nicht verstanden habe, habe ich nachgeschlagen.

Mein Mann kommt auch aus Korea, wir haben später zusammen in Essen gewohnt. Er war als Bergarbeiter angeworben worden. Heute leben wir in München, nach über 20 Jahren in Essen wollte ich wieder eine neue Stadt kennenlernen. Und ich mag München, hier gefällt es mir. Nach Korea Kontakt zu halten ist immer noch schwierig. Früher hatten wir noch nicht einmal ein Telefon. Meine Geschwister schreiben mir vielleicht einmal im Monat. Als ich das erste Mal nach drei Jahren wieder nach Korea geflogen bin, war niemand da, um mich abzuholen. Das war schon traurig. Heute überlegen wir, vielleicht im Alter zurückzukehren. Aber so ganz wohl fühle ich mich nicht bei dem Gedanken.

Leserkommentare
  1. Anfang der 70 er Jahre kennen und fand es ziemlich absurd, dass ihnen vom DRK deutsche Vornamen verpasst wurden. Ich begann sie dann mit ihren richtigen Namen zu nennen, bis sich das im ganzen Haus verbreitete. Natürlich lernte ich auch das koreanische Essen kennen, was mir immer sehr gut schmeckte.

    4 Leserempfehlungen
  2. und dafür meinen großen Respekt an die Beteiligten.

    Eine Leserempfehlung
    • postit
    • 13. September 2013 17:45 Uhr

    Lebensläufe!

    Was mich am meisten beeindruckt hat, ist der beharrliche Willen, dazuzulernen, der auch gleich in die nächste Generation weiter gegeben wurde. Alle Achtung.

    Schönes Wochenende
    postit

    8 Leserempfehlungen
  3. Wie schon erwähnt, so geht Integration auch. Ich habe nie gelesen, daß koreanische Migranten durch unsere Gerichte gezogen sind, um Forderungen durchzusetzen, sie waren und sind immer gern gesehen und anerkannt.
    Zuzug von koreanischen oder phillipinischen, auch vietnamesischen Migranten,
    jederzeit willkommen. Was die anfänglichen Sprachschwierigkeiten betrifft, gilt hier der Satz: "Besser jemand der will, aber nicht kann, als jemand der könnte, aber nicht will".

    9 Leserempfehlungen
  4. Das ist der Unterschied! Wir haben geglaubt bei den späteren Zuwanderern
    liefe das genauso. Dazwischen gab es noch die "Gastarbeiter", von denen man
    glaubte, sie gingen wieder nach Hause. Diejenigen, die blieben, integrierten sich
    meist. Und dann ging die Rechnung nicht mehr auf. Ich höre immer noch den Satz einer eingewanderten Türkin im ÖR-Fernsehen, die empört ausrief:"Die
    wollen uns ja germanisieren!" Ich war geschockt und fragte mich:"Was läuft denn da?" Von anderen Gruppenh vorher und nachher haben wir solche Sprüche nicht vernommen.Ich glaube auch nicht, dass Einwanderer - auch türkische - in den
    USA solche Parolen skandieren. Da ist etwas entsetzlich schief gelaufen.

    6 Leserempfehlungen
    • brazzy
    • 14. September 2013 1:42 Uhr

    ...ist ja dass die Koreaner sich so gut integriert haben, die Türken das aber nicht können. Letztendlich ist das unterschwelliger Rassismus gemischt mit etwas dass sich "Attributionsfehler" nennt: bei anderen Menschen werden äußere Umstände nicht beachtet, sondern man sagt "die sind halt so".

    Erstmal war die Zahl der Koreaner viel kleiner - sie mussten sich anpassen um nicht völlig isoliert zu sein. Und sie haben deswegen unter furchtbarem Heimweh gelitten, das wird in allen drei Geschichten erwähnt. Wenn sie die Möglichkeit gehabt hätten, "Parallelgesellschaften" zu bilden hätten sie es wohl getan. Die Türken wurden in solchen Massen geholt dass sie es konnten - ausserdem galten sie ja als "Gast"arbeiter die sowieso nur ein paar Jahre bleiben würden. Niemand erwartete von ihnen Integration, die Ghettobildung wurde gefördert damit diese komischen Leute unter sich bleiben.

    Zweitens ist Krankenpflege ein kommunikationsintensiver Beruf. Sie mussten Deutsch lernen um die Arbeit machen zu können. Und sie hatten bereits eine Ausbildung abgeschlossen, stammten also zwangsläufig aus Familien in denen die Bildung der Kinder wichtig war (siehe Berichte). Aus der Türkei wurden hingegen v.a. ungelernte Industriearbeiter geholt.

    Und was die USA angeht: dort wird von Einwanderern eben *nicht* erwartet, dass sie ihre eigene zugunsten einer "Leitkultur" aufgeben, geschweige denn die Staatsbürgerschaft. Stadtviertel die von Immigranten dominiert werden sind dort völlig normal.

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    Nehmen wir an, sie (als Mann) haben eine türkische und eine koreanische Arbeitskollegin
    und laden diese zu ihrer Grillfeier ein, natürlich bitten sie, die Partner mitzubringen. Ich könnte mir schon vorstellen, daß es Nuancen unterschiedlicher Reaktionen geben könnte. Ich hatte persönliche Erfahrungen
    mit beiden Gruppen, Mit einer phillipinischen Kollegin, verheiratet, hatte ich lange persönliche, sehr nette Gespräche in der Kantine und am Arbeitsplatz.

    Da ist ein dicker Fehler in Ihrem Beitrag: die Türken wurden nicht in Massen geholt. Sie haben sich gegenseitig "geholt".

  5. Nehmen wir an, sie (als Mann) haben eine türkische und eine koreanische Arbeitskollegin
    und laden diese zu ihrer Grillfeier ein, natürlich bitten sie, die Partner mitzubringen. Ich könnte mir schon vorstellen, daß es Nuancen unterschiedlicher Reaktionen geben könnte. Ich hatte persönliche Erfahrungen
    mit beiden Gruppen, Mit einer phillipinischen Kollegin, verheiratet, hatte ich lange persönliche, sehr nette Gespräche in der Kantine und am Arbeitsplatz.

    2 Leserempfehlungen
  6. "Letztendlich ist das unterschwelliger Rassismus gemischt mit etwas dass sich "Attributionsfehler" nennt: bei anderen Menschen werden äußere Umstände nicht.."
    Keule rausgeholt, Rassismusvorwurf( verschwurbelt: letztendlich, unterschwelliger) mit pseudowissenschaftlichen Termini gespickt, Aussagen mal eben steilvorlagengerecht verallgemeinert und schon glaubt man sich moralisch wieder auf der sicheren Seite.
    Damit erreicht man zweierlei: 1.) man muss nicht mehr objektiv argumentieren
    2.)Man hat den anderen mal so eben kräftig beleidigt, ohne dass er wagen würde sich "richtig" zu wehren.
    Ne, Leutchen so einfach könnt und dürft Ihr es Euch nicht machen. Wer solche Vorwürfed erhebt, ist kräftig in der intellektuellen Pflicht, d.h.er hat
    micht sichlicher geistiger Arbeit zu argumentieren.
    Sie sind in meinen Augen nichts als ein Flegel.

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