GuatemalaSäufer vor dem Herrn

Am Atitlán-See in Guatemala kümmern sich die ansässigen Maya jetzt selbst um die Touristen. Eine Reise mit viel Magie, kleinen Fischen und etwas Alkohol. von Wolf Alexander Hanisch

Geht es hier wirklich um mich? Kaum zu glauben. Die Asociación Ijatz hat sich herausgeputzt wie für einen Staatsbesuch. Fähnchen hängen von der Decke, auf der Tafel stehen Wimpel, frittierte Bananen und Kuchen mit Zuckerguss. Eine Armada von Kannen ist auch da. Aus ihnen fließt starker Kaffee, der so beflissen nachgeschenkt wird, dass ich mir langsam Sorgen um meine Nachtruhe mache. Ablehnen geht nicht, das ist klar. Denn der Mokka ist der Stolz der Kooperative von Kaffeebauern in San Lucas Tolimán, einem Dorf am Ufer des Atitlán-Sees im Hochland von Guatemala.

In konfettibunt prunkenden Trachten sitzen die Indianer um den Tisch, wer etwas sagen will, hebt die Hand wie ein Schulkind. Schnell ist das Thema gefunden, von dem sie mir erzählen wollen: der Kaffeerost, der ihren Sträuchern mit seinem orangeroten Ausschlag den Garaus macht. Nur wie der Krankheit beizukommen wäre, das wissen sie nicht. Die einen sind für Chemie, die anderen für noch aufwendigere Mayarituale. Als alles gesagt ist, wird es plötzlich still, und der Präsident sieht mich fragend an. Sein Gesicht wirkt jetzt noch melancholischer und schwerer, sein winziges Panamahütchen noch grotesker. Es dauert etwas, dann begreife ich: Die Kaffeebauern warten auf den weisen Rat ihres Gastes aus Deutschland. Ich aber nippe nur verlegen an meiner fünften Tasse. Da erlöst mich Marlons flammender Appell. Die Rituale sollen es richten, was denn sonst!

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Marlon Calderón ist ein Mittdreißiger mit hehren Gesten und Geschäftsführer von Viva Atitlán, dem kürzlich gegründeten ersten indianischen Touranbieter Guatemalas. Der Verbund aus elf lokalen Vereinen will Touristen mit Ausflügen zu Kaffeepflückern, Fischern oder Kunsthandwerkern das Leben der Maya zeigen, die in den zwölf Orten rund um den Atitlán-See zu Hause sind. Während etwa die Hälfte der Guatemalteken indianischen Ursprungs ist, gehören hier fast alle zu einem der knapp zwei Dutzend Mayavölker des Landes. Und nirgendwo scheint ihre mystische Welt besser aufgehoben zu sein als an diesem See: Wie ein stahlblauer Spiegel liegt er inmitten einer Landschaft, die wohl den Hauptgewinn zog, als einst der Lostopf mit den Panoramen herumging. Drei von Lavafurchen geäderte Vulkane wachen mehr als 3.000 Meter hoch über Wasserfälle und die maßlose Vegetation von Regenwäldern. Ihre Kegel sind so emblematisch geformt, dass man meint, im Bühnenbild eines naiven Malers gelandet zu sein. Und auch der See selbst liegt im Krater eines Vulkans: Vor 85.000 Jahren schleuderte der Berg so viel Magma in die Luft, dass er zusammenbrach und sich mit Wasser füllte.

Kein Wunder, dass der Atitlán-See zu den bedeutendsten Zielen des nationalen Tourismus zählt. Der Region scheint das allerdings nicht zugutezukommen – sie ist die viertärmste von Guatemalas 22 departamentos . "Das Geld bleibt bei großen Reiseveranstaltern und ein paar Hotels hängen", sagt Marlon auf dem Weg zu unserem Boot mit Außenbordmotor. "Das wollen wir ändern, indem wir Besucher viel mehr mit Einheimischen zusammenbringen." Marlon reckt das bärtige Kinn und schaut kämpferisch unter dem Schirm einer Drillichkappe hervor. Er gleicht jetzt noch mehr als sonst einem etwas fülligen Wiedergänger Che Guevaras.

Auf unserer Überfahrt nach San Juan am Ostufer tanzen Licht und Schatten so kunstvoll über die froschgrünen Kraterwände, dass man glaubt, eine gigantische Projektion sei im Gang. Doch plötzlich verdunkeln Wolken die Show, und kurz darauf geht es auf dem See zu wie in einem brodelnden Kochtopf. Der Xocomil ist da. So heißt ein feuchter Fallwind, der vom Pazifik kommt, über dem Hochland abkühlt und am Nachmittag in den Kessel hinabfährt. Während Regen auf das Boot einpeitscht und brettharte Wellen uns den Hintern versohlen, ist es Zeit für eine von vielen Legenden, die Marlon auf Lager hat. Im Xocomil lebe der Geist eines Kriegers, der seine Geliebte verzweifelt suche, seit sie das Opfer der Fluten geworden sei, ruft er mir ins Ohr.

© ZEIT-Grafik

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Als ich mich schon frage, ob er denn demnächst auch uns im See suchen wird, taucht der Anlegesteg auf. Klatschnass erklimmen wir das Häusergewürfel von San Juan, das amphitheaterhaft steil am Hang klebt. Irgendwo ganz oben stehen Victoria und Clemente im Türrahmen und bitten uns in einen Innenhof. Kinder krabbeln zwischen Hühnern, ein Großvater grüßt zahnlos. Die beiden führen eine Posada Maya, eine Privatunterkunft, mit einem einzigen Gästezimmer. Sie ist Teil eines Herbergsnetzwerks, das mit Viva Atitlán zusammenarbeitet. Stolz zeigen die beiden ein Buch mit Danksagungen ihrer Kundschaft. Ob die auch hier zu Abend aß? Victoria serviert handtellergroße Fische voller Gräten. Um sie zu vertilgen, braucht man die stoische Sorgfalt eines Chirurgen. Dass Touristen heikle Esser sein können, hat ihr wohl noch niemand gesagt.

Gefangen hat die Fische Bernardino. Auch den kann man besuchen, man muss nur früh genug aufstehen. Kurz nach dem Morgengrauen steige ich ins Kanu des immerzu lächelnden Präsidenten der Asociación Chazjil Chupup, einer Vereinigung von Fischern. Lautlos gleiten wir durch asphaltgraues Wasser. Bernardinos nackte Füße sehen so klobig aus, als habe sie jemand mit wenigen Meißelhieben aus Teakholz geschnitzt. Immer wieder seufzt er genüsslich und hebt gravitätisch die Hand, wenn uns einer seiner Kollegen entgegenpaddelt. Sie tragen Taucheranzüge und haben mit der Harpune Jagd auf die sofakissendicken Bass-Fische gemacht. Wir aber verzichten beim Angeln unserer Brujil-Fischchen sogar auf eine Rute. Nur mit Schnur und Haken holt Bernardino einen nach dem anderen so zuverlässig heraus, als ziehe er Schokoriegel aus einem Automaten. "Vor drei Jahren gab es hier praktisch nichts zu fangen", erzählt er. "Der See war krank. Braun wie Milchkaffee sah er aus. Das lag an der Erde und den Bakterien, die durch schwere Regenfälle von den Kaffeeplantagen in den See gespült worden waren." Damals begannen die Fischer das bedrohte Tul-Schilf nachzusäen. "Tul filtert das Wasser", sagt Bernardino. "Wir helfen der Natur dabei, sich selbst zu helfen." Er seufzt wieder und schaut über den See, als habe er Fernweh. Wie weit hat es ihn im Leben denn schon aus seinem Heimatdorf hinausgetragen? Bernardino zeigt auf den übernächsten Ort im Dunst: "Bis dorthin, nach San Marcos. Da haben mir aber ganz schön die Arme wehgetan von der Paddelei."

Leserkommentare
  1. Vielen Dank für den Artikel. Ich freue mich immer, etwas über Guatemala zu lesen.
    Einen Hinweis habe ich jedoch: Es ist oft von "Indianern" die Rede. Dieses Wort (span. "indios") betrachten die Maya als Schimpfwort, da es eine kolonialistische Fremdbezeichnung ist. "Indigene" oder "Ureinwohner" wäre passender. Oder noch genauer "Tz'utujil", so lautet, glaube ich, der Mayastamm in San Juan.

  2. Was ist denn eigentlich aus Ihrem Tinnitus geworden? Hat der Zauber geholfen?

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