Das Prager Genscher-Foto symbolisiert das Ende der DDR. Deren Anfang zeigt ein Gegenbild: Margot Feist, wie sie am 7. Oktober 1949 dem Gründungspräsidenten Wilhelm Pieck einen Dahlienstrauß überreicht. Zwei Hallenser als Exponenten der beiden deutschen Staaten und der Teilungsgeschichte. Das muss man darstellen, sagt Frau Feldmann. Leider verwechseln viele Dokumentation mit Huldigung.

Wird gegen Frau Honecker protestiert?

Natürlich. Die lila Hexe! Satansbraut, Mörderin, Verhöhnung der Opfer! Für so was zahlen wir nun Soli! Genscher muss ein Ultimatum stellen – die oder ich!

Auch Cornelia Pieper, die hallesche FDP-Statthalterin, erfuhr von Margot Honeckers drohender Musealität. Sie drang auf ein Gespräch. Dessen museumspädagogischer Verlauf beruhigte auch Genscher. Opfergefühle, DDR-Traumata – das muss aufgefangen werden, sagt Susanne Feldmann. Aber Schwarz-Weiß-Malerei bringt uns nicht weiter.

Natürlich erhellt der Vergleich die Unterschiede: hier eine dogmatische DDR-Ministerin, dort ein Globalpolitiker, der Geschichte als offenen Prozess begriff und behandelte, inklusive der deutschen. Hans-Dietrich Genscher schritt den Weltkreis aus, Margot Honecker stürzte in der Schicksalskehre. Eine menschenkundige Erzählung ihres Lebens bietet Ed Stuhlers Biografie von 2003. Bereits 1995 veröffentlichte Genscher seine voluminösen Erinnerungen: tausend Seiten im unnachahmlichen Genschman-Sound der detaillierten Vagheit. Schon eingangs liest man jene freiheitlichen Gründe, die den jungen Juristen Genscher gen Westen treiben mussten. Doch mit keiner Silbe erwähnt der Memorant seine Mitgliedschaft in der NSDAP. Als die 1994 öffentlich wurde, verlautbarte Genscher, er sei ohne sein Wissen in die Nazipartei geraten – eine gängige Schutzlegende, wie Malte Herwigs jüngst erschienenes Buch Die Flakhelfer belegt. Es offenbart auch, wie die Bundesregierungen, nicht zuletzt Genschers Auswärtiges Amt, die Rückführung der seit Kriegsende unter US-amerikanischer Hoheit befindlichen NSDAP-Mitgliederkartei verschleppten. Zu viele BRD-Politiker fürchteten die Publikation. Bevor es dazu endlich dazu kam, trat Außenminister Genscher 1992 überraschend zurück.

Was erinnert in Halle 2013 an Hans-Dietrich Genscher? Die Kneipe Genschman in der Philipp-Müller-Straße. Das Reideburger Geburtshaus besuchen wir später. Zunächst erkunden wir Margot Honeckers Glaucha. Der räudige Stadtbezirk döst zwischen Gestern und einer Zukunft, die nicht einzutreffen scheint. Gründerzeitfassaden, vernagelte Ruinen, Bröckelgrau und Wuchergrün. Sonnenstudio, Hotel (ab 26 Euro), Pizzeria ("Heiße Ware auf Bestellung!"). Margot Honeckers Kindheitshaus Torstraße 36 diente zur Nazizeit als Kurierzentrale der KPD. 2006 riss man es ab. Proteste? Nicht bekannt. Das Grundstück liegt brach, daneben ein Getränkemarkt. Ein wohlversorgtes Pärchen schlappt heraus.

Wisst ihr, dass hier Margot Honecker gewohnt hat?

Wer warn das?

Die First Lady der DDR.

Kennwer nich.

Die soll jetzt ins Stadtmuseum, mit Hans-Dietrich Genscher.

Kennwer och nich. Sorry, fragense mal weiter, hier jibt’s bestimmt ooch Schlaue.

Ein akademischer Herr, zugezogen aus Hannover: Hier wohne man ruhig und gut. Jawohl, Frau Honecker gehöre ebenso zur Geschichte wie Herr Genscher.

Unweit am Böllberger Weg steht Margot Honeckers Weingärtenschule. Schon 1985 wurde sie geschlossen. Heute birgt der backsteingelbe Bau das Künstlerhaus 188 und steht unter Denkmalschutz. Dennoch droht Abriss, wegen Straßenausbau. Nebenan zecht ein Kollektiv von Nachmittagsvernichtern: Glauchscher Adel pur. Wir fragen nach Genscher.

Der hat jesacht: De Mauer is uff! Weiter hatter hier nüscht jemacht.

Und Margot Honecker?

Der hat hier ooch nüscht jemacht.

Ich meine eigentlich Frau Honecker.

Die hat hier ooch nüscht jemacht. Doch, die war immer mit der Kürche janz dicke, mit den Pfaffen.

Dieser unschlagbar absurden Auskunft folgt eine seriöse Seniorin, ehedem Krankenschwester. Frau Honecker? Wissen Sie, das polytechnische Schulsystem der DDR war in Ordnung, sonst hätten die Skandinavier das wohl kaum übernommen. Aber der Staat konnte ja wirtschaftlich nicht überleben. Das Geklaue in den Betrieben! Und die Versorgungslage! Unsere Chefärztin hat mit dem Rezeptblock eingekauft.

Meiner, sagt der nächste Interviewpassant, Meiner, deine Zeitung koof ich nich. Höchstens mal das Lüjenblatt, das allerjrößte.

Sport by Wosz, das Sportzentrum da drüben, hat das was mit Dariusz Wosz zu tun? Dem Bundesliga-Fußballer?

Freilich! Dariusz, den kennch von kleen uff. Bolzplatz, hinten am Jaswerk, ährlich, is keen Hut. Bin hier jroß jeworn. Awer nüscht mehr, wies mal war. Die janz Alten kenntste noch, da is Emma noch berühmt.