In mehreren Kommentaren äußern sich Journalistenkollegen besorgt über den Geisteszustand der deutschen Bevölkerung. Es gibt diesen Abhörskandal, NSA. Wir werden von den Amis beobachtet. Die Bevölkerung regt sich aber kaum auf. Es gibt keine nennenswerten Demonstrationen, die Umfragewerte der Opposition steigen nicht. Obama ist immer noch viel beliebter als Putin. Es handelt sich um Empörungsverweigerung in einem besonders schweren Fall.

Ich als Populist kann das erklären. Erstens kann man sich nicht unbegrenzt oft aufregen. Alle Medien sollten berücksichtigen, dass zwischen zwei Skandalen eine Karenzzeit von mehreren Monaten liegen muss und dass kein Mensch unbegrenzt viele Skandale gleichzeitig verarbeiten kann. Unser Gehirn ist dafür nicht ausgelegt. Wer sich, wie ich, über die Drohnen, über Uli Hoeneß, über die Textilfabriken in Asien, über die Euro-Krise und über den Fall Gustl Mollath aufregt, der ist mental für den NSA-Skandal praktisch verloren. Allen Kommentatoren empfehle ich, bei neuen Skandalen gleichzeitig einen anderen Skandal für beendet zu erklären. Schreibt: "Der Euro ist jetzt sicher. Die USA sind die neue Euro-Krise." Und schon kommt die Erregung fast von alleine.

Zweitens muss es sich personalisieren lassen. Wenn der italienische Kapitän Schettino alle deutschen E-Mails lesen würde, dann ginge es gleich ganz anders ab. Es muss auch Fotos geben. Ich denke mal, ein Bild, auf dem Barack Obama beim Betrachten der privaten Facebook-Seite einer Claudia Schmidt, 44, Berufsschullehrerin aus Höxter, zu sehen ist, würde vieles ändern. Außerdem regt man sich nicht so sehr auf über Sachen, von denen man ohnehin vermutete, dass sie passieren. Ein Skandal muss ein bisschen was Überraschendes haben. Margot Käßmann überprüft im Auftrag der Bischofskonferenz alle deutschen E-Mails auf Gotteslästerung: Das wäre ein Skandal, der die Menschen dort abholt, wo sie stehen.

Der Spiegel Online-Kolumnist Jakob Augstein befasst sich seit sechs Kolumnen ununterbrochen nur mit dem NSA-Skandal. Alle, die denken, ich sei auf bestimmte Themen fixiert, sollten Jakob Augstein lesen. Er klingt aber immer verzweifelter. Die NSA sei "das totalste Kontrollsystem, das je von Menschen erfunden wurde". Das ist sehr ungerecht Nordkorea gegenüber. Außerdem hat Jakob Augstein geschrieben, die USA seien "der einzige souveräne Staat, den es auf diesem Planeten gibt. Bei allen anderen handelt es sich um Abhängige." Da werden die Russen ziemlich sauer sein auf Jakob Augstein.

Dann schrieb er, der Umfang der Überwachung beweise, dass es den USA überhaupt nicht um den Anti-Terror-Kampf gehen kann. Es gibt nämlich, zum Glück, nicht Millionen von Terroristen. Deshalb muss man, logischerweise, auch nicht Millionen von E-Mails checken, um Terroristen zu jagen. Es reicht doch völlig, die Terroristen zu bitten, sich zu melden, damit man deren E-Mails dann überwachen kann. Am 8. Juli schrieb Augstein, Heinrich Mann zitierend, die USA seien die Macht, "deren Hufe wir küssen", also höchstwahrscheinlich der Teufel. Am 15. Juli deutete er an, das Problem "Terrorismus" werde in den USA überschätzt. Seit 2005 würden jährlich nur 23 Amerikaner durch Terroranschläge sterben, viel mehr Menschen kämen dort durch herabstürzende Fernseher ums Leben. Fernseher aber überwacht kein Mensch. Das ist ein sehr gefährliches Argument. Obama könnte jetzt sagen, daran, dass so viele Amis von ihren unüberwachten Fernsehern erschlagen werden, merkt man ja, wie wichtig Überwachung ist. Wenn jetzt aber für Fernsehzuschauer die Helmpflicht eingeführt wird, bin ich echt sauer auf Jakob Augstein.

Harald Martenstein ist Redakteur des Tagesspiegels

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