Harald MartensteinÜber den Mangel an Empörung nach einem Riesenskandal

Eigentlich sollte man sich über die NSA-Überwachung aufregen. Doch in der deutschen Bevölkerung herrscht Tiefschlaf. Harald Martenstein über selektive Wut von 

Alle Kolumnen von Harald Martenstein aus dem ZEITmagazin zum Nachlesen

Alle Kolumnen von Harald Martenstein aus dem ZEITmagazin zum Nachlesen  |  © Nicole Sturz

In mehreren Kommentaren äußern sich Journalistenkollegen besorgt über den Geisteszustand der deutschen Bevölkerung. Es gibt diesen Abhörskandal, NSA. Wir werden von den Amis beobachtet. Die Bevölkerung regt sich aber kaum auf. Es gibt keine nennenswerten Demonstrationen, die Umfragewerte der Opposition steigen nicht. Obama ist immer noch viel beliebter als Putin. Es handelt sich um Empörungsverweigerung in einem besonders schweren Fall.

Ich als Populist kann das erklären. Erstens kann man sich nicht unbegrenzt oft aufregen. Alle Medien sollten berücksichtigen, dass zwischen zwei Skandalen eine Karenzzeit von mehreren Monaten liegen muss und dass kein Mensch unbegrenzt viele Skandale gleichzeitig verarbeiten kann. Unser Gehirn ist dafür nicht ausgelegt. Wer sich, wie ich, über die Drohnen, über Uli Hoeneß, über die Textilfabriken in Asien, über die Euro-Krise und über den Fall Gustl Mollath aufregt, der ist mental für den NSA-Skandal praktisch verloren. Allen Kommentatoren empfehle ich, bei neuen Skandalen gleichzeitig einen anderen Skandal für beendet zu erklären. Schreibt: "Der Euro ist jetzt sicher. Die USA sind die neue Euro-Krise." Und schon kommt die Erregung fast von alleine.

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Zweitens muss es sich personalisieren lassen. Wenn der italienische Kapitän Schettino alle deutschen E-Mails lesen würde, dann ginge es gleich ganz anders ab. Es muss auch Fotos geben. Ich denke mal, ein Bild, auf dem Barack Obama beim Betrachten der privaten Facebook-Seite einer Claudia Schmidt, 44, Berufsschullehrerin aus Höxter, zu sehen ist, würde vieles ändern. Außerdem regt man sich nicht so sehr auf über Sachen, von denen man ohnehin vermutete, dass sie passieren. Ein Skandal muss ein bisschen was Überraschendes haben. Margot Käßmann überprüft im Auftrag der Bischofskonferenz alle deutschen E-Mails auf Gotteslästerung: Das wäre ein Skandal, der die Menschen dort abholt, wo sie stehen.

Der Spiegel Online-Kolumnist Jakob Augstein befasst sich seit sechs Kolumnen ununterbrochen nur mit dem NSA-Skandal. Alle, die denken, ich sei auf bestimmte Themen fixiert, sollten Jakob Augstein lesen. Er klingt aber immer verzweifelter. Die NSA sei "das totalste Kontrollsystem, das je von Menschen erfunden wurde". Das ist sehr ungerecht Nordkorea gegenüber. Außerdem hat Jakob Augstein geschrieben, die USA seien "der einzige souveräne Staat, den es auf diesem Planeten gibt. Bei allen anderen handelt es sich um Abhängige." Da werden die Russen ziemlich sauer sein auf Jakob Augstein.

Dann schrieb er, der Umfang der Überwachung beweise, dass es den USA überhaupt nicht um den Anti-Terror-Kampf gehen kann. Es gibt nämlich, zum Glück, nicht Millionen von Terroristen. Deshalb muss man, logischerweise, auch nicht Millionen von E-Mails checken, um Terroristen zu jagen. Es reicht doch völlig, die Terroristen zu bitten, sich zu melden, damit man deren E-Mails dann überwachen kann. Am 8. Juli schrieb Augstein, Heinrich Mann zitierend, die USA seien die Macht, "deren Hufe wir küssen", also höchstwahrscheinlich der Teufel. Am 15. Juli deutete er an, das Problem "Terrorismus" werde in den USA überschätzt. Seit 2005 würden jährlich nur 23 Amerikaner durch Terroranschläge sterben, viel mehr Menschen kämen dort durch herabstürzende Fernseher ums Leben. Fernseher aber überwacht kein Mensch. Das ist ein sehr gefährliches Argument. Obama könnte jetzt sagen, daran, dass so viele Amis von ihren unüberwachten Fernsehern erschlagen werden, merkt man ja, wie wichtig Überwachung ist. Wenn jetzt aber für Fernsehzuschauer die Helmpflicht eingeführt wird, bin ich echt sauer auf Jakob Augstein.

Harald Martenstein ist Redakteur des Tagesspiegels

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Leserkommentare
    • Dr.Um
    • 08. August 2013 10:54 Uhr

    aber möglicherweise sind die Berichte dazu für viele Leute zu abstrakt. Diese "ich habe nichts zu verbergen"- Mentalität stößt mir mehrmals pro Woche sauer auf. "Wenn meine Mails einer liest, schläft der nach fünf Minuten ein." Ich kann das nicht mehr hören. Dass auch Kommunikation der Ärzte, Psychologen, Rechtsanwälte und sonstiger Geheimnisträger wie selbstverständlich abgehört wird, bleibt völlig unreflektiert. Auch die telefonieren beispielsweise über Termine, Befunde, Therepieansätze usw. Vielleicht erleben irgenwann auch die Veröffentlichung der Inhalte solcher Kommunikation ganz konkret, was da abläuft. Eventuell gibt es dann einen Aufschrei, vielleicht ist auch das egal. Scheinbar lassen die Geheimdienste aktuell nicht jeden "Gefreiten" die Unterlagen durchwühlen.

    13 Leserempfehlungen
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    • welll
    • 08. August 2013 19:20 Uhr

    dass es mitunter gar nicht mehr in ihrer Hand liegt ob sie etwas zu verbergen haben oder nicht, oder ob etwas für jemanden anderen Interessant ist oder nicht.

    Wenn die Daten schon eimal erhoben sind, oder die Technik dafür vorhanden, will man damit ja auch was machen.

    Spinnt man den Strang des Veggie-days etwas weiter so könnte die simple, unverfängliche Verabredung zum Grillen oder Steakhouse-Besuch für Krankenkassen oder bestimmte Lobbygruppen durchaus interessant sein.

    Das Ende der Überwachung und Bevormundung ist noch nicht erreicht, und mich würde es nicht wundern, wenn auch der "uninteressante" Bürger dies früher später zu spüren bekommt.

    Ansonsten; stimmt schon zu viele Skandale und zu wenig Einflussmöglichkeiten der Bürger stumpfen ab.
    Die Politik ist mittlerweile Meister im Aussitzen. Demos oder Unmutsbekundungen schrecken niemanden mehr auf.

  1. 2. Ha!!!

    Die Deutschen befinden sich im Tiefschlaf? Es ist ein selektiver Tiefschlaf. NSA? Schnarch! Veggie day? Schnaub! Alles soll so bleiben, wie es ist. Na dann: Gute Nacht, Deutschland

    Wolf Niese; Berlin; 46 Jahre

    11 Leserempfehlungen
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    Das aber, was man uns so aufddrängen will, kann wahre Angstzustände
    erzeugen. Die NSA-Ausspähung ist für 99,9% der Leutchen verdammt
    abstrakt. "Was machen die da und wozu? Habe ich dadurch weniger Geld
    zur Verfügung, bedroht diese Ausspähung mein Leben?" 99,9% hören und sehen nichts davon und spüren keine Folgen. Wenn aber glaubt, mir an einem Tag in der Woche vorschreiben zu müssen, was ich essen soll, dann ist das konkret. Es ist ein direkter realer Eingriff in meine Freiheit.
    Wenn diese Datenweitergabe -welche eigentlich? (wissen die Amis jetzt z.B. wie alt ich bin,aua?) auch noch von zunächst Rot-Grün und später von
    Schwarz-Rot abgesegnet worden ist, kann sie so schlimm doch nicht sein.Oder? Naja und die restlichen 0,1% der Leutchen, die von sich in Anspruch nehmen, denken zu können, machen eben Theater und regen sich
    furchtbar auf. Ich hoffe mal, dass die wenigstens wissen worüber!

    • Mari o
    • 08. August 2013 12:06 Uhr

    Es gibt z.Zt.7,2 Milliarden Menschen auf der Erde und alle wollen leben wie
    die US Amerikaner.und finden es wahrscheinlich toll dass die Amis sich für sie interessieren.usw.und die Deutschen?
    [bis auf ein paar sogenannte Intellektuelle,
    also Leute die lesen können(die haben sich schon seinerzeit über Gestapo und Stasi aufgeregt)] sind wie der Rest der Welt.usw.
    Snowden ist noch zu jung um zu wissen,daß sein Einsatz zu nichts führt.

    4 Leserempfehlungen
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    ... die uns die Welt erklären, wie sie wirklich ist.

    • Mortain
    • 08. August 2013 12:53 Uhr

    Es wird ein bischen geschimpft, man nimmt Misstände zur Kenntnis und kehrt zurück in seine eigene Welt, da man sowieso nichts dagegen machen kann.

    9 Leserempfehlungen
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    Entfernt, bitte beteiligen Sie sich mit Argumenten. Danke, die Redaktion/se

    ... Martenstein ist der Spitzweg unter den Kolumnen-Schreibern.

    "Das ganze nennt sich Neobiedermeier"

    ... als Merkel-Bürger. Warum? Ein Merkel-Bürger findet es vielleicht gar nicht so schlimm, so bezeichnet zu werden. Aber Neobiedermeier? So will doch keiner gescholten sein.

    Wolf Niese; Berlin; 46 Jahre
    Stahlbauschlosser

    Eine Alternative zum Begriff "Neobiedermeier" wäre vielleicht "Nischengesellschaft" - man zieht sich in die kleine private Nische und ins kleine private Glück zurück, weil man langsam akzeptiert, daß sich im großen nichts ändert (und andererseits auf den großen Knall wartet).

    Schon bedenklich, wenn man wieder DDR-Vokabular sinnvoll einsetzen kann.

  2. Entfernt, bitte beteiligen Sie sich mit Argumenten. Danke, die Redaktion/se

    Eine Leserempfehlung
  3. Stimmt eigentlich. Hier gibt es entweder eine Ueberreaktion oder
    keine Reaktion. Das ist meiner Meinung typisch Deutsch. Die haben
    Schwierigkeit den richtigen Ton zu finden.

    4 Leserempfehlungen
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    Ich glaube nicht, dass im Allgemeinen überreagiert wird (Woran zeigt sich das für Sie?). Es ist die ganze Palette dabei, vom NSA-Unterstützer, der sich durch die Überwachung sicher wähnt und ein anderes Verständnis von Freiheit hat, als die meisten Menschen, bis zum Paranoiker der sich ein Hütchen aus Aluminiumfolie bastelt.

    „Unser Gehirn ist dafür nicht ausgelegt.“

    Das gilt für die 24-Stunden-live und in Echtzeit immer und überall informierte Gesellschaft. Die Zeit zum Reflektieren und Verarbeiten bleibt zunehmend auf der Strecke. Was vor 3 Minuten aktuell war, hat schon wieder ein Update erhalten – und ich bin dabei.

    Schauten wir nur 1 oder 2 Mal am Tag die Nachrichten bzw. läsen im Internet, wären wir wahrscheinlich nicht so viel schlechter informiert. Worte wie Hype, Hysterie oder auch nationale Zuschreibungen kämen uns, so vermute ich, nicht so schnell über die Lippen.

    Schneller, höher, weiter – auf den Journalismus bezogen, ist m. M. nach kein deutsches Phänomen, sondern eine Erscheinung des digitalen Zeitalters.

    In Sachen Reaktion: Machen Sie mit und fordern Sie eine!
    https://www.change.org/de...

    ... gegen die sen Überwachungswahn, z. B. auch noch die von Juli Zeh: https://www.change.org/de...

  4. ... Martenstein ist der Spitzweg unter den Kolumnen-Schreibern.

    3 Leserempfehlungen
    • Keys
    • 08. August 2013 15:07 Uhr

    ...muss man heut zu tage sein. Wie kann man bei diesem Thema so überrascht sein. Wer glaubt heute noch daran, dass sich Geheimdienste nicht an den Daten des Normalbürgers vergreifen. Das tun sie schon seit Jahrzehnten und jeder der sich jetzt empört und überrascht gibt, kann bis jetzt nur blind durch die Welt gelaufen sein.

    3 Leserempfehlungen
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    ... ist meine Sicht wohl trübe. Ich habe bis jetzt noch nicht die Ausmaße begriffen, die sich mit Prism & Co ergeben. Die Enthüllungen von Edward Snowden machen mich aber dann doch beklommener. Ich wäre nie auf das vermeintlich schmale Brett gekommen, dass die Überwachung der Geheimdienste wirklich so all umfassend ist. Ich frage mich nur halb ironisch, ob mir die NSA in Echtzeit beim Nasebohren vor dem PC zuschauen kann, wenn sie will und wenn ich eine Webcam habe.

    ich verstehe ihren ansatz nicht!

    lässt ihre empörung nach wenn sich herausstellt dass ihr nachbar tatsächlich regelmäßig seinen partner schlägt?

    legen sie dann auch selbstzufrieden die hände in den schoß und stänkern dass man das auch früher schon hätte wissen bzw.ahnen können?

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  • Serie Martenstein
  • Schlagworte Jakob Augstein | NSA | Skandal | Tagesspiegel | Überwachung
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