Jesus-BiografieStaatsfeind Nr. 1

Eine Jesus-Biografie erklärt den Friedensfürst zum Gotteskrieger. Und provoziert ein halbes Land. Was ist der Grund? von Walter Homolka

Darf ein Muslim über Jesus schreiben? Seit die Moderatorin Lauren Green bei Fox News ihre verständnislose Frage stellte und der Autor Reza Aslan lapidar antwortete: "Warum nicht?" – seither schlagen die Wellen hoch in den USA.

Lauren Greens Albtraum ist der des konservativen Amerikas: Durch islamistische Gotteskrieger wurden unsere christlichen Grundfesten erschüttert. Und nun bemächtigt sich ein Muslim auch noch der Gründergestalt des Christentums. Jesus wird vom Erlöser und Friedefürsten zum "Zeloten" verzerrt, zum Eiferer für die Sache des Herrn, ja zum Gotteskrieger. Aslans Buch heißt Zealot – Life and Times of Jesus Christ. Aber kann man Jesus wirklich als Zeloten bezeichnen? Aslan behauptet nicht, dass Jesus ein früher Anhänger der Zelotenpartei war, einer radikalen Gruppierung, die erst nach dem Aufstand des Jahres 66 Wirkmacht entfaltete, sondern spielt an auf das Wort Eiferer. Der Religionssoziologe zeichnet das Bild eines Revolutionärs aus dem armen Galiläa, dessen Ziel nicht so sehr ein himmlisches Königreich war als ein Palästina ohne römische Besatzungsmacht.

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Aslans Jesus ist ganz und gar Jude, beseelt vom messianischen Gedanken, dass König Davids Israel wiedererstehen müsse als Staat unter Gottes Autorität. Für manche Zeitgenossen war diese Erwartung realistisch, für andere Utopie. So gab es eine Reihe von Predigern, die wie Jesus Anhänger zu gewinnen suchten für Israels Unabhängigkeit. Aslan zeichnet Jesus als einen Mann, der bereit war, Gewalt auszuüben, und der Judäas priesterliche Oberschicht kritisierte, weil sie mit den Römern kollaborierte.

Die Vorstellung vom eifernden Jesus hat viel mit innerjüdischen Erwartungen jener Zeit zu tun, aber nichts mit den Lehren des Islams über den Propheten Jesus. Trotzdem trifft Reza Aslan mit seiner eigenen Religionszugehörigkeit einen wunden Punkt, das zeigen die vielen islamophoben Reaktionen. So behauptete der Pastor John S. Dickerson aus Arizona, ein Wortführer der Evangelikalen, Aslan verbreite entstellende Lehren über Jesus, wie der Islam als Gegner des Christentums es schon seit Hunderten von Jahren tue, um die Kirche zu zerstören.

Walter Homolka

ist Rabbiner, Professor für Jüdische Studien an der Universität Potsdam und Rektor des Abraham Geiger Kollegs. Von ihm stammt: Jesus von Nazareth im Spiegel jüdischer Forschung (2011)

Nein, Aslans Interesse an Jesus ist nicht bloß akademischer Natur. Als Flüchtlingskind vor der iranischen Revolution in Kalifornien groß geworden, nimmt ihn dort als 15-Jähriger das evangelikale Christentum ein. Später überzeugt ihn die Christologie der Kirche nicht mehr. Die wissenschaftliche Betrachtung des Neuen Testaments durch seine jesuitischen Lehrer an der Santa Clara University weckt sein Interesse. Kurz vorm Magisterstudium an der Harvard Divinity School kehrt Aslan zum Islam zurück. Ein bekehrter Muslim, der Christus ablehnt? Zur vermeintlichen Herabwürdigung Jesu kommt in den Augen frommer Christen noch die Apostasie.

Der Autor, verheiratet mit einer Christin und Schwager eines evangelikalen Pastors, freut sich über die Debatte. War es sein Ziel zu provozieren? Der Titel Zealot spräche dafür, der Inhalt dagegen. Die Fakten sind solide, aber keineswegs neu. Das Buch gehört zum Genre der Leben-Jesu-Forschung, die auf Hermann Samuel Reimarus im 18. Jahrhundert zurückgeht. Sie erlebte bis in die neunziger Jahre des 20. Jahrhunderts drei große Wellen. Wahrscheinlich ist Aslan aber der erste muslimische Autor.

"Ein Bibelwissenschaftler wird nicht viel Neues in meinem Buch finden. Ich mache die Debatte der Forscher für eine breite Öffentlichkeit zugänglich." Tatsächlich gelingt es Aslan, die historisch-kritische Methode dem Leser nahezubringen. Dabei bezieht er sich ausdrücklich auf den Marburger evangelischen Neutestamentler Rudolf Bultmann und dessen "Entmythologisierung als existentiale Interpretation" und zeichnet ein ziemlich akkurates Bild davon, was wir über den historischen Jesus wissen.

Leserkommentare
  1. lange bevor das Christentum römische Staatsreligion wurde.

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  • Schlagworte Biografie | Jesus | Christentum | Islam | Judentum | Israel
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