JournalismusPresse und Profit

Wenn Zeitungsverlage zu digitalen Warenhäusern werden, zahlen die Leser einen hohen Preis: Ihre Daten. von 

Amazon, äh, falsch, noch mal: Jeff Bezos, Gründer, Eigentümer und Chef der weltgrößten Big-Data-Shopping-Mall Amazon, hat die Washington Post, eine der größten und einflussreichsten Zeitungen der USA, gekauft, "als Privatperson". Die Frage, was Bezos mit dem Traditionsblatt vorhat, bleibt einstweilen unbeantwortet. An die Belegschaft schrieb der neue Eigentümer lediglich: "Die Werte der Post müssen sich nicht ändern."

Mit besonderem Interesse wird dies Mathias Döpfner zur Kenntnis genommen haben. Er hat sich vor Kurzem von allen Regionalzeitungen und Magazinen getrennt, nicht als Privatperson, sondern als Vorstandschef der Axel Springer AG, die, wenn wir ihn richtig verstanden haben, auch eine Art Online-Shopping-Mall werden soll. Damit wurde nichts Geringeres als das Ende des Journalismus heraufbeschworen. Nach dem Bezos-Deal stellt sich noch dringender die Frage: Was hat Springer mit jenen Titeln vor, die bleiben, mit der Welt, vor allem aber mit der hoch profitablen Bild-Zeitung?

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Eine vergleichsweise unbeachtete Antwort hat der Springer-Verlag selbst gegeben: Die Deutsche Telekom vertreibt in Zukunft die Digitalangebote, wohlgemerkt, die journalistischen. Telekom-Kunden können das redaktionelle Angebot von Bild und Welt aufs Handy laden, zu ihren Mobilfunktarifen hinzubuchen und über ihre Handyrechnung bezahlen.

Lesermenschen werden von Menschenlesern durchleuchtet

Evgeny Morozov, ein intimer Kenner der Netzwelten, hat in einem brillanten Essay in der FAZ skizziert, wie sich künftig in der digitalen Wirtschaft das Verhältnis zwischen Angebot und Nachfrage gestalten könnte: als symbiotische Beziehung zwischen dem Menschen und dem, was in der digitalen Welt mit dem Begriff Content (Inhalt) beschrieben wird. Die Menschen liefern ihre Daten, allumfassend, individuell und vor allem – freiwillig. Diese Daten wären die harte Währung in dieser freien digitalen Marktwirtschaft. In schönster Wechselwirkung zwischen Datenlieferant (Kunde) und Datennutzer (Unternehmer) würde ein gigantischer Markt entstehen: Wer möglichst viele Daten liefert, erhält auf seine individuellen Bedürfnisse zugeschnittenen Content, obendrein noch stark rabattiert. Wer nicht oder wenig liefert, wird weniger individuell beraten und bezahlt mehr. Die logische, menschliche Folge: Alle liefern! Alles!

Auf den Journalismus bezogen, bedeutet Morozovs Modell: Nur wer sein Angebot möglichst genau auf die Interessen der Leser ausrichtet, wird diese in Zukunft noch erreichen. Geliefert wird bedürfnisorientiert, Behaglichkeit geht vor Relevanz. Wer jedoch den Leser kennen will, muss den Menschen dahinter durchleuchten, ihn dazu bringen, möglichst viele Details von sich zur Lektüre freizugeben, auf dass er entsprechend seinen Neigungen bedient werde: dem Fußballfreund die Bundesliga, dem Literaten die wichtigsten Romane, dem Börsenfreak die Kursdaten. Lesermenschen würden so zum Zielobjekt von Menschenlesern. Und irgendwann, fasziniert von den algorithmusgesteuerten Angeboten und Vorschlägen, würden die Lesermenschen dann fasziniert zur Kenntnis nehmen, dass die Menschenleser sie besser kennen als sie sich selbst.

Leserkommentare
  1. Oder verkauft der Zeit-Verlag seine Kundendaten nicht?

    Eine Leserempfehlung
  2. #Was folgt daraus? Erstens: Wenn Springer sein Ziel erreicht, die Zeitungen vor allem auf digitalen Endgeräten profitabel an den Leser zu bringen, wird Bild bald nicht nur die Zeitung mit den meisten Lesern, sondern, perspektivisch, auch die Zeitung mit den meisten Leserdaten sein. #

    Was folgt daraus?

    Ich glaube, das es sich bei diesem Artikel um eine Form der Technologiefeindlichkeit handelt. Haben wir nicht erlebt, wie eben dieses noch neue "Neuland"-Medium ganze Diktaturen ins wanken, vielleicht zum Einsturz brachte? #iranelection - Was war das noch mal?

    Das was wir hier erleben ist, dass diese neue "Neuland"-Technologie sich Stück für Stück in unser aller Leben einschleicht, so wie einst der Buchdruck, mit allen guten und schlimmen Folgen. Die Welt ändert sich und wenn sich die Form der übermittelten Worte, wie die "Neuland"-Technologie sie ist, ändert, dann eben auch Zeitungen, wie Washington Post, das gedruckte Buch, die Bildzeitung oder auch die Zeit(-online).

    • zappp
    • 08. August 2013 16:24 Uhr

    Chefredakteur und Verlagsleitung wissen, welche Artikel online wie oft, wie lange und ob bis zum Schluss gelesen werden. Ergebniskontrolle für jede Sparte, jedes Thema, jeden einzeln Schreiber. Über die IP-Adressen sind auch die Leser, ihr Verhalten und ihre Interessen transparent. Und wenn Inhalte nur von registierten, zahlenden Kunden gelesen werden können, dann sind auch die Realnamen, Adressen und so ziemlich alles andere auch transparent.

    Eine Leserempfehlung
  3. Eine Zeitung, egal ob Papier oder digital, die kein Geld verdient, ist das Ende der Journalisten. Was hätten Sie dann lieber?

    Mehr Daten als Die Zeit für ein Papierabo haben will, will auch kein Digitalverlag;

    siehe hier: https://www.zeitabo.de/di...

    Die Digitalen holen sich den Rest mit Sicherheit über die Cookies?! Ooops, warum habe ich derzeit über 20 Zeit-Cookies auf meinem Rechner? Einige davon mit "Gültigkeitsdatum" 2023? Jetzt bin ich aber platt.

    2 Leserempfehlungen

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