Selbst Jonathan Meese versteht die Welt nicht mehr. Da verkämpft er sich tagein, tagaus für seine Kunst, hält immerzu laute Reden, brüllt auch mal, jammert, jault, kreischt wie besessen und schont sich nicht, niemals, tanzt, trampelt, wirbelt herum, bis ihm die langen Haare wahnhaft vom Kopfe stehen, bis sein Leib dampft und bebt, bis wirklich alles, alles raus ist, denn so muss es sein, so hat sich einer wie er in Szene zu setzen, überbordend, ekstatisch und bedingungslos unbedingt, damit auch wirklich jeder sieht, was für eine ungeheure Kraft in der Kunst zu wirken vermag. Und was hat Meese nun davon? Sie stellen ihn vors Amtsgericht Kassel und verpassen dem wohl letzten wahren Künstleridealisten der Gegenwart ein profanes Aktenzeichen: Js 30173-12-240 Cs.

Das war höchste Zeit, sagen manche, die Meese für übergeschnappt halten, gar für eine braune Gefahr. Denn in seinem Drängen und Schäumen beschwört er nicht nur Isis und Osiris, schwärmt nicht allein von Kelten, Germanen und Altägyptern, sondern malt immer wieder auch ein paar Hakenkreuze auf seine farbwirren Gemälde. Und wenn er auf einer Bühne steht – und das tut er oft –, wenn er ausholt zur schnaufenden Performance, dann salutiert er wie ein obergehorsamer Soldat, und gelegentlich reckt sich, fast zwanghaft schon, sein rechter Arm zum strammen Hitlergruß. Für ihn sei das, sagt Meese, nur "Muskelbewegung". Manche Staatsanwälte sehen das anders, sie wollen nicht verstehen, was an diesem so eindeutigen Zeichen tiefrechter Gesinnung wohl Kunst sein könnte.

Die politische Provokation ist die Tradition der Avantgarde

Auch in Kassel, wo das Verfahren fortgesetzt und vermutlich abgeschlossen wird, wälzt man diese Frage um. Dort hatte der Angeklagte bei einer Diskussionsrunde im vorigen Sommer den Hitlergruß entboten, und man kann die ermittelnden Behörden verstehen, dass sie darin ein "Verwenden von Kennzeichen verfassungswidriger Organisationen" sahen – nach Paragraf 86a Strafgesetzbuch verboten.

Meeses Verteidiger halten das für ein lächerliches Missverständnis: Ihr Mandant sei doch als Künstler aufgetreten, habe die Diskussion in eine Performance verwandelt, folglich müsse der Hitlergruß als Kunst verstanden werden – und sei also gestattet. Die Richterin hat sich dieser Auffassung unterdessen angeschlossen, möchte aber noch prüfen, ob Meese mit seiner Aktion "der Kunst gedient" habe. Soll wohl heißen: ob seine Werke sinnvoll, erkenntnisstiftend, der Kunstentwicklung förderlich sind.

Solche Fragen stehen keinem Richter zu. Nach der Qualität, dem Wesen und Wollen eines Künstlers hat er nicht zu fragen. Die Kunst ist frei, und einzig in Diktaturen muss sie ihre Leistung für Staat und Gesellschaft nachweisen. Ansonsten gilt: Gerade Nichtleistung und Nichtnutzen begründen ihre Autonomie und damit für viele ihren Wesenskern.

Allerdings hat sich die Frage nach dem tieferen Sinn damit nicht erledigt. Gerade wenn die Kunst grell und lärmend wird, wenn sie obszön, blasphemisch, gewaltverherrlichend die Gefühle mancher Menschen verletzt, möchte man schon gerne wissen, was damit eigentlich gewonnen ist. Wem oder was dient solche Kunst?

In den Museen und Theatern ist dazu selten etwas zu hören. Man hat sich daran gewöhnt, den Skandal mit Süffisanz zu genießen. Es sind immer die anderen, die aus der Reserve gelockt, schockiert, geläutert werden sollen. Der Betrieb hat sich längst gegen alle blutigen Zumutungen immunisiert. Auch das mit dem Hitlergruß kennt man längst, Anselm Kiefer hat damit schon vor 40 Jahren die Kunstwelt provoziert, später zeigte Georg Baselitz eine Skulptur mit gerecktem Arm im deutschen Pavillon in Venedig. Skandal ist Routine, allenfalls noch als Karrieremittel tauglich.

Auch für Meese scheint das zu gelten, wie sonst wären seine enormen Erfolge zu erklären? Er wird von den Kunstsammlern ebenso geliebt wie von den Theatermachern, die ihn immer wieder für eine Performance oder ein Bühnenbild engagieren. In drei Jahren darf er gar den Parsifal in Bayreuth inszenieren. Offenbar kann man es mit Hitler-Getöse weit bringen. Die Kunstwelt: dekadent und heillos verkommen.

Vermutlich waren es solche Gedanken, die der Richterin durch den Kopf gingen. Die Provokation ist so billig, so dumpf, dass man sie schon deshalb gern unter Strafe stellen würde. Doch sollte man sich in Jonathan Meese nicht täuschen.