Japan steht vor einer entscheidenden Zäsur. Geht es nach Premier Shinzo Abe, der gerade bei der Wahl zum Oberhaus einen weiteren Sieg für seine Liberaldemokraten verbuchen konnte, dann gibt das Land seine pazifistische Grundhaltung auf. Dann kippt es den berühmten Artikel 9 der Verfassung, der Japan jede Militarisierung verbietet. Noch fehlt Abe die Zweidrittelmehrheit im Oberhaus (über die im Unterhaus verfügt er schon), um seine Absicht durchzusetzen. Aber sein Ziel ist klar: Angesichts der chinesischen Aufrüstung und des nordkoreanischen Nuklearpotenzials soll Japan keine Fesseln mehr tragen.

In der Tat ist der Artikel 9 unmissverständlich. Er schreibt Japan vor, für immer auf den Krieg als souveränes Recht der Nation zu verzichten: "Das Recht des Staates auf Kriegsführung", heißt es da, "wird nicht anerkannt."

Die Verfassung stammt aus dem Jahr 1947. Knapp zwei Jahre nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges verband sich damit die Hoffnung auf eine Zukunft ohne Krieg. Eine Weltgemeinschaft unter der Führung der UN sollte das imperialistische Zeitalter friedlich beenden.

Ein Zeitalter, in das Japan zunächst nur widerwillig eingetreten war. Lange hatte sich das Land gegen die Außenwelt abgeschlossen und so den Frieden bewahrt. Doch diese Isolationspolitik ließ sich im 19. Jahrhundert nicht mehr aufrechterhalten. 1853 tauchte die US-Kriegsmarine unter dem Kommando von Matthew Perry mit vier Dampfschiffen in der Bucht von Edo auf, dem heutigen Tokio. Perry forderte im Namen seiner Regierung die Öffnung Japans für den Handel. Unverhohlen drohten die Amerikaner mit ihren Kanonen. Japan gab nach und schloss mit den USA einen Handelsvertrag, einen jener "ungleichen Verträge", wie sie typisch waren für die imperialistische Politik.

Japan begriff die Lektion. Durch radikale gesellschaftliche Reformen und eine forcierte Industrialisierung holte das Land innerhalb weniger Jahrzehnte den Abstand zu den westlichen Mächten auf. Bald schon zeigte es auch nach außen, was es gelernt hatte. So erzwang es 1876 die diplomatische Öffnung des Kaiserreichs Korea und schloss nun seinerseits ungleiche Verträge ab. Nur wenige Jahre später, im Februar 1904, erklärte Japan Russland den Krieg und siegte an mehreren Fronten.

General MacArthur tut alles, um den Kaiser zu halten

Japan als asiatische Hegemonial- und Schutzmacht – dieser Vorstellung hingen nun immer mehr Angehörige der heimischen Eliten an. Schon 1894 griff man China an und annektierte Taiwan, 1910 wurde Korea endgültig zu einer japanischen Kolonie. 1933 trat Japan aus dem Völkerbund aus, drei Jahre später begann der zweite Krieg gegen China. 1934 kündigten die Japaner das Washingtoner Flottenabkommen, 1936 schlossen sie mit Hitler-Deutschland den Antikominternpakt. Die Spannungen im Verhältnis zu den USA stiegen gefährlich an. Versuche der Regierung in Tokio, den Konflikt diplomatisch zu lösen, scheiterten. Die Amerikaner lehnten alle Vorschläge ab – was wiederum ganz im Sinne der japanischen Militärs war, die seit Längerem den Krieg wollten.

Mit dem Angriff auf Hawaii, auf den US-Stützpunkt Pearl Harbor, am 7. Dezember 1941 und der nachgereichten Kriegserklärung an die USA begann eines der blutigsten Kapitel des Zweiten Weltkriegs. Japan wollte sich vor allem als asiatische Vormacht behaupten. Strategische Ziele wie die Rohstoffsicherung vermischten sich dabei mit einem antikolonialen Sendungsbewusstsein, das sich auch gegen Engländer, Franzosen und Niederländer richtete. Die westliche Herrschaft sollte zurückgedrängt werden, gleichzeitig begann man, einige der "befreiten" Völker und Länder in Südostasien – wie zuvor schon Korea – brutal zu unterdrücken und auszubeuten.

Die japanische Armee eroberte Vietnam, Singapur und Hongkong, Indonesien und die Philippinen. Doch bald stockte der Vormarsch. Es erwies sich als immer schwieriger, die eroberten Gebiete zu sichern. Die Überdehnung der eigenen Kräfte führte zu den ersten Niederlagen. Insel um Insel rückten die amerikanischen Truppen über den Pazifik näher. Im Juni 1945 stand die Eroberung der japanischen Hauptinseln kurz bevor. Doch die Alliierten zögerten, sie rechneten mit immensen Verlusten. Statt anzugreifen, wollten sie die Kapitulation mit einer neuen Waffe erzwingen. Anfang August 1945 warfen US-Piloten über den Städten Hiroshima und Nagasaki die ersten beiden Atombomben ab. Die Zerstörungen waren so verheerend, dass Japan jeden weiteren Widerstand aufgab.