Japans Verfassung : Der Kampf um Artikel 9

Nie wieder darf Japan Krieg führen: Das schrieb die Siegermacht USA 1947 in Japans Verfassung. Jetzt soll der Artikel weg.
2. September 1945 an Bord des Schlachtschiffs USS Missouri in der Bucht von Tokio: Die Generäle Arthur Percival (Großbritannien) und Jonathan Wainwright (USA) salutieren vor US-Feldmarschall General Douglas MacArthur, dem Oberbefehlshaber der alliierten Streitkräfte, kurz bevor dieser die Kapitulationsurkunde der Japaner annimmt. Außenminister Mamoru Shigemitsu (mit Zylinder) und Stabschef Yoshijiro Umezo führen Japans Delegation an. © Keystone/Getty Images

Japan steht vor einer entscheidenden Zäsur. Geht es nach Premier Shinzo Abe, der gerade bei der Wahl zum Oberhaus einen weiteren Sieg für seine Liberaldemokraten verbuchen konnte, dann gibt das Land seine pazifistische Grundhaltung auf. Dann kippt es den berühmten Artikel 9 der Verfassung, der Japan jede Militarisierung verbietet. Noch fehlt Abe die Zweidrittelmehrheit im Oberhaus (über die im Unterhaus verfügt er schon), um seine Absicht durchzusetzen. Aber sein Ziel ist klar: Angesichts der chinesischen Aufrüstung und des nordkoreanischen Nuklearpotenzials soll Japan keine Fesseln mehr tragen.

In der Tat ist der Artikel 9 unmissverständlich. Er schreibt Japan vor, für immer auf den Krieg als souveränes Recht der Nation zu verzichten: "Das Recht des Staates auf Kriegsführung", heißt es da, "wird nicht anerkannt."

Die Verfassung stammt aus dem Jahr 1947. Knapp zwei Jahre nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges verband sich damit die Hoffnung auf eine Zukunft ohne Krieg. Eine Weltgemeinschaft unter der Führung der UN sollte das imperialistische Zeitalter friedlich beenden.

Ein Zeitalter, in das Japan zunächst nur widerwillig eingetreten war. Lange hatte sich das Land gegen die Außenwelt abgeschlossen und so den Frieden bewahrt. Doch diese Isolationspolitik ließ sich im 19. Jahrhundert nicht mehr aufrechterhalten. 1853 tauchte die US-Kriegsmarine unter dem Kommando von Matthew Perry mit vier Dampfschiffen in der Bucht von Edo auf, dem heutigen Tokio. Perry forderte im Namen seiner Regierung die Öffnung Japans für den Handel. Unverhohlen drohten die Amerikaner mit ihren Kanonen. Japan gab nach und schloss mit den USA einen Handelsvertrag, einen jener "ungleichen Verträge", wie sie typisch waren für die imperialistische Politik.

Japan begriff die Lektion. Durch radikale gesellschaftliche Reformen und eine forcierte Industrialisierung holte das Land innerhalb weniger Jahrzehnte den Abstand zu den westlichen Mächten auf. Bald schon zeigte es auch nach außen, was es gelernt hatte. So erzwang es 1876 die diplomatische Öffnung des Kaiserreichs Korea und schloss nun seinerseits ungleiche Verträge ab. Nur wenige Jahre später, im Februar 1904, erklärte Japan Russland den Krieg und siegte an mehreren Fronten.

General MacArthur tut alles, um den Kaiser zu halten

Japan als asiatische Hegemonial- und Schutzmacht – dieser Vorstellung hingen nun immer mehr Angehörige der heimischen Eliten an. Schon 1894 griff man China an und annektierte Taiwan, 1910 wurde Korea endgültig zu einer japanischen Kolonie. 1933 trat Japan aus dem Völkerbund aus, drei Jahre später begann der zweite Krieg gegen China. 1934 kündigten die Japaner das Washingtoner Flottenabkommen, 1936 schlossen sie mit Hitler-Deutschland den Antikominternpakt. Die Spannungen im Verhältnis zu den USA stiegen gefährlich an. Versuche der Regierung in Tokio, den Konflikt diplomatisch zu lösen, scheiterten. Die Amerikaner lehnten alle Vorschläge ab – was wiederum ganz im Sinne der japanischen Militärs war, die seit Längerem den Krieg wollten.

Mit dem Angriff auf Hawaii, auf den US-Stützpunkt Pearl Harbor, am 7. Dezember 1941 und der nachgereichten Kriegserklärung an die USA begann eines der blutigsten Kapitel des Zweiten Weltkriegs. Japan wollte sich vor allem als asiatische Vormacht behaupten. Strategische Ziele wie die Rohstoffsicherung vermischten sich dabei mit einem antikolonialen Sendungsbewusstsein, das sich auch gegen Engländer, Franzosen und Niederländer richtete. Die westliche Herrschaft sollte zurückgedrängt werden, gleichzeitig begann man, einige der "befreiten" Völker und Länder in Südostasien – wie zuvor schon Korea – brutal zu unterdrücken und auszubeuten.

Die japanische Armee eroberte Vietnam, Singapur und Hongkong, Indonesien und die Philippinen. Doch bald stockte der Vormarsch. Es erwies sich als immer schwieriger, die eroberten Gebiete zu sichern. Die Überdehnung der eigenen Kräfte führte zu den ersten Niederlagen. Insel um Insel rückten die amerikanischen Truppen über den Pazifik näher. Im Juni 1945 stand die Eroberung der japanischen Hauptinseln kurz bevor. Doch die Alliierten zögerten, sie rechneten mit immensen Verlusten. Statt anzugreifen, wollten sie die Kapitulation mit einer neuen Waffe erzwingen. Anfang August 1945 warfen US-Piloten über den Städten Hiroshima und Nagasaki die ersten beiden Atombomben ab. Die Zerstörungen waren so verheerend, dass Japan jeden weiteren Widerstand aufgab.

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Kommentare

23 Kommentare Seite 1 von 3 Kommentieren

"Öffnung des Königreichs Korea"

"So erzwang es 1876 die diplomatische Öffnung des Kaiserreichs Korea", ist tatsächlich falsch. Zum Kaiserreich erhoben wurde Korea unter japanische Kontrolle 1897 zum 大韓帝國 Taehan Cheguk, oder Groß-Korea-Kaiser-Reich, um den chinesischen Kaiser zu provozieren.

Rechtlich ist das auch fraglich, denn eigentlich kann der japanische Kaiser nicht andere Kaiser ernennen. Sehr zum Ärger des chinesischen Kaisers verwendete er in diplomatischen Noten keine Bezeichnung, die ihn dem Herren des Himmels in Peking unterordneten, wie dort erwartet wurde.

Vielmehr war es immer üblich, dass die koreanischen Könige bei Thronwechsel ihre Investitur von Kaiser Chinas erhielten. Dass dies jetzt der japanische Kaiser übernahm und dazu noch den koreanischen König zum Kaiser erhob, war eine grobe Beleidigung Chinas. Den Koreanern brachte diese "Beförderung" allerdings keinen Gewinn an Einfluss und mit der Einverleibung 1910 zu Japan wurden dann Tatsachen geschaffen.

Wenn der Text auf "Öffnung des Königreichs Korea" korrigiert würde, wäre es historisch korrekt. Kaiserreich war Korea seinerzeit noch nicht und später letztendlich nur ein diplomatischer Spielball.

Unhaltbare Aussagen

Auch wenn der Beitrag als Polemik gegen einen anderen Beitrag verfasst wurde, die Aussagen zur Entwicklung des mittleren Ostens und dem Niedergang der Seidenstraße sind mit der historischen Faktenlage nicht vereinbar!

Als bereits in der Song-Dynastie (960 - 1279) Schiffahrt und Fernhandel in China einen beträchtlichen Aufschwung nahmen, setzte schon eine Rückentwicklung im Karawanenhandel ein. Die Intensivierung des Seehandels mit China durch portugisische und spanische Kaufleute ab dem frühen 16. Jahrhundert fand zu einer Zeit statt, als der innerasiatische Karawanenhandel bereits erheblich an Bedeutung eingebüßt hatte.

Die Zerstörung der Kulturzentren in Choresmien und im Abbasidenkalifat durch die mongolische Eroberung bedeutete eine Zäsur, welche Europa in dieser Form nicht einmal durch den Dreißigjährigen Krieg erlebt hat. Darin, und in der Verlagerung der Macht auf neue Zentren, ist eher eine Erklärung für die Entwicklung des nahen und mittleren Ostens zu finden.

Mit freundlichen Grüßen,
Akitar

Hallo bergischenjung20

Sehe ich auch so: Imperialismus mit anderen Mitteln
- ABER MIT DEN GLEICHEN ZIELEN!
Auf vielen Ebenen wurden die Weichen gestellt.
Steuern für Unternehmen runter, Stärkung der Großindustrie, Steuerfrei Veräusserung von Betriebsteilen, Fusionen, usw.
Die "Kriegskassen" waren gefüllt.
Die Schröder SPD lieferte die Soldaten (Arbeiter im Niedriglohnsektor)

Dann konnte es los gehen
Ab und den Weltmarkt erobern. Keine Gefangene machen. Abwickeln, platt machen.
Aufkaufen und schliessen. Die Übernahme der DDR war das Vorspiel für unsere Wirtschaftsmächtigen.

Es gilt, Monopole oder Oligopole zu erschaffen um in Ruhe Geld verdienen zu können.
Wenn nur die Konkurrenz aus China nicht wäre, die kämpfen mit den gleichen Waffen und haben sogar noch viel mehr davon.

Nun schliesst man ein Bündnis mit Amerika zur "größten Freihandelszone" soll es kommen.

Und, wie in jedem Kriegm verlieren die Bürger, die Arbieter, die Alten und die Kinder. Für die ist kein Geld mehr da. Die zahl der Tafeln steigt wie die Zahl derer, die im Niedriglohnsekotr gelandet sind. "Zwangsarbeiter" werden bestaft, wenn sie nicht für das Existenzminimum arbeiten wollen.

Und wieder rufen die Kapitalhalter:"Der Endsieg ist unser" durchhalten! Sein Arbeits-Leben geben für die deutschen Exportüberschüsse.