Wer vormittags um elf eine deutsche Kita betritt, begibt sich in eine gesundheitliche Gefahrenzone: Es herrscht ein Lärm, als stünde man neben einer Kreissäge. Lachende, quietschende, schreiende Kinder rennen, stolpern, schubsen sich, suchen die Bastelsachen, den Bagger, die Verkleidungskiste. Und die Erzieherin sitzt mittendrin, zusammengekauert auf einem Stuhl mit 26 Zentimeter kurzen Beinen. Tapfer antwortet, erklärt und tröstet sie.

Krippen und Kindergärten gehört in diesen Tagen die Aufmerksamkeit der Politik. Seit einer Woche haben alle Kinder von ihrem ersten Geburtstag an ein Recht auf Betreuung. Die Einrichtungen sind voll besetzt, jeder Winkel wird genutzt, um neue Plätze zu schaffen und den Ausbauplan zu erfüllen. Nichts ist in einem solchen Moment unpassender als diese schlechte Nachricht: Kitas machen krank! Nicht die Kinder, aber die Erzieherinnen. Die arbeiten nach einer Untersuchung der Berliner Alice-Salomon-Hochschule am Rande der Erschöpfung. Von 3.000 befragten Erzieherinnen berichtete jede zehnte von einem Burn-out in den letzten zwölf Monaten. Im Vergleich zu anderen Berufsgruppen leiden Erzieherinnen zudem viel häufiger an Muskel-, Skelett- sowie Atemwegserkrankungen.

Überraschen können diese Ergebnisse nicht. Die Ansprüche an Erzieherinnen sind enorm gewachsen. Sie sollen Experten sein in Pädagogik und Psychologie, die Entwicklung jedes Kindes dokumentieren, Sprachtests durchführen, kreativ sein, einfühlsam, liebevoll. Und dabei bitte allen Kindern individuell gerecht werden. Da fragt sich so manch eine Erzieherin: Und wer wird eigentlich mir gerecht? Das lächerlich geringe Gehalt am Monatsende wird es mit Sicherheit nicht. Gleichzeitig fehlt es an Respekt und gesellschaftlicher Anerkennung. Die zuständige Familienpolitikerin verkündet stolz die Planerfüllung. Doch um welchen Preis? Wer setzt sich für höhere Löhne, kleinere Gruppen oder ein gesundes Arbeitsklima ein? Wenn es uns wirklich egal ist, wie sich die Erzieherinnen in diesem Land fühlen, dann dürfen wir uns in Zukunft nicht wundern, wenn es auch den Kindern in der Kita nicht mehr gut geht.