Die Bratschistin Tabea Zimmermann © Marco Borggreve

Im Vorwort zu seiner Partitur für das Bratschenkonzert Der Schwanendreher von 1935 schreibt Paul Hindemith (1895 bis 1963) aus Hanau, der – bitte, überhaupt kein Vorwurf! – vielleicht pragmatischste unter den großen Komponisten: "Ein Spielmann kommt in frohe Gesellschaft und breitet aus, was er aus der Ferne mitgebracht hat: ernste und heitere Lieder, zum Schluss ein Tanzstück. Nach Einfall und Vermögen erweitert er als rechter Musikant die Weisen, präludiert und phantasiert." Das war eine Selbstbeschreibung, Hindemiths Ästhetik in der Nussschale und zugleich auch eine Absage an frühere Kompositionen, mit denen er zur musikalischen Avantgarde in Europa gezählt hatte. Auf der ersten CD ihrer Reihe der Hindemithschen Complete Works for Viola spielt die außerordentliche Bratschistin Tabea Zimmermann Hindemiths Schwanendreher als große Analytikerin, aber auch mit enorm viel Wärme. Mit dieser Komposition war Hindemith nun – der Schwanendreher ist nicht nur deswegen ein Schlüsselstück – schon länger kein halber Expressionist mehr. Aber auch kein Dreiviertel-Revolutionär wie zu Beginn der zwanziger Jahre, als er mit der Kammermusik Nr. 1 den tollsten Krach machte, U- und E-Musik kräftig durchmischte und das Festival Donaueschingen als Nabelort der Neutöner mitbegründete.

Hindemith war nun Hindemith: ganz er selbst, ein Kleinbürgerskind, das es mit 20 Jahren und viel Fleiß bereits zum ersten Konzertmeister im Frankfurter Opernorchester gebracht hatte und – bei aller früheren Begeisterung für Schönbergs und Weberns Werke – sich sicher zeigte, dass die Atonalität in die Irre führen würde. Verkürzt gesagt. In seinem Lehrbuch Unterweisung im Tonsatz wird es 1938 – gerade ist seine Oper Mathis der Maler in Zürich uraufgeführt worden – wie folgt heißen: "Keine umstürzlerische Ablehnung früherer Satzweisen – dagegen Erweiterung des engen früheren Tonsatzsystems bis zur regelrechten Erfassung auch der entlegensten Klangverbindungen." Auf diese Weise hat Hindemith für fast jedes Instrument mindestens eine Sonate geschrieben. Wer im Vorraum einer Musikschule fünf Minuten wartet, hört immer eines seiner Stücke, wenn nicht zwei.

Leider ist gerade der Bratschenspezialist Hindemith im Konzertanten dennoch in Vergessenheit geraten. Und das, obwohl er das Repertoire enorm erweiterte; wenn es sein musste, auch in ein paar Stunden nur: Etwa in der Trauermusik für Streichorchester und Solobratsche, die Hindemith, 1936 in London für Konzerte mit dem Orchester der BBC eingeladen, gewissermaßen über Nacht komponierte, als Georg V. starb. Hindemith war so handwerklich geschickt wie höflich. In der Sekunde begriff er, was nottat – und integrierte den in England sehr geschätzten Bach-Choral Vor deinen Thron tret ich hiermit ("in der Schnelligkeit konnte ich nicht noch auf Entdeckungsfahrten gehen ...").


Über Bach wiederum begreift Tabea Zimmermann klug die Kammermusik Nr. 5, die für ihren Geschmack klingt wie ein Brandenburgisches Konzert Nr. 7. Der enorm fordernden Partitur spielt sie mit dem Deutschen Symphonie-Orchester Berlin unter Hans Graf einen aufgekratzten barocken Schwung zu, der Hindemith nur recht sein könnte. Die Konzertmusik für Solobratsche und größeres Kammerorchester, op 48a restituieren Zimmermann und Graf in der frühen Fassung und geben uns so den innig langsamen Satz (mit der verwobenen Oboenstimme) zurück – ein schönes Geschenk.

Hindemiths Pragmatismus hatte laut Tabea Zimmermann im Übrigen manchmal einen einfachen Grund. Meistens spielte er seine eigenen Uraufführungen selbst. Offensichtlich selbst verantworteter Komplexitäten gerade müde, schreibt er einmal an seine Frau, er komponiere sich einfach eine neue Solosonate – "für die alte bräuchte ich abnorme Lust zu üben".

Paul Hindemith: Complete Viola Works Vol. 1: Viola & Orchestra, Tabea Zimmermann, Viola (Myrios Classics/Deutschlandradio Kultur)