Das Labor ist eng. Silvio Ballinari muss sich behutsam drehen, um die Schublade zu öffnen. Der Pharmazeut greift nach einem metallenen Lochbrett, einer Gummiwanne und dem Plastiksack voller Gelatinekapseln. Er streift sich blaue Handschuhe über, zupft seinen Mundschutz zurecht. Er ist bereit für die Kunst des Pillendrehens. Nur den Wirkstoff braucht er noch. Dimethylfumarat, ein weißes Pulver.

Die Pillen, die Silvio Ballinari hier im Hinterzimmer seiner Zähringer Apotheke im schweizerischen Bern herstellt, gelten als neue Hoffnung für Menschen, die an multipler Sklerose (MS) leiden. Ballinari darf nur an Schweizer abgeben; ein Dutzend Patienten beziehen die handgefertigten Präparate. Sie schwärmen von wiedergewonnener Lebensqualität. Doch es ist ungewiss, wie lange der Apotheker die Pillen noch verkaufen darf.

Multiple Sklerose ist ein komplexes Leiden. Wie es genau entsteht, weiß niemand – nur dass das Immunsystem beteiligt ist: Es greift die Nervenhüllen in Gehirn und Rückenmark an. Bei den meisten Betroffenen tritt die Krankheit zuerst in Schüben auf und kann in eine chronisch fortschreitende Form übergehen, oft mit bleibenden Behinderungen. In einem von zehn Fällen allerdings verläuft das Leiden von Beginn an chronisch.

Die MS ist nicht heilbar, ihr Verlauf unberechenbar – und sie ist schwer zu behandeln. Die Patienten, in Deutschland sind es etwa 130.000, müssen sich ihre Medikamente meist spritzen, Nebenwirkungen sind häufig. Präparate zum Schlucken sind zwar erhältlich, aber auch sie können unerwünschte Wirkungen haben.

Mit Dimethylfumarat könnte sich die Situation nun verbessern. Es soll wirksamer und viel verträglicher sein als die gängigen Medikamente. Und auch wenn man die Wirksamkeit von Präparaten gegen MS generell besonders vorsichtig beurteilen muss, weil nicht jede Besserung dauerhaft ist und oft nur auf einen Placeboeffekt zurückgeht: Für die Patienten ist Dimethylfumarat eine große Hoffnung. Zudem ist es billig, im Großhandel kostet ein Gramm knapp zwei Euro. Der Apotheker Ballinari verkauft seine Pillen für 2,80 Franken das Stück, also etwa 2,20 Euro. Im Jahr würde sich das auf rund 1.600 Euro für jeden Patienten summieren.

Doch so preiswert wird es nicht bleiben. Voraussichtlich in diesem Herbst bringt das Pharmaunternehmen Biogen Idec sein MS-Medikament Tecfidera in Europa auf den Markt. In den USA ist es schon seit einigen Monaten erhältlich. Der Wirkstoff: Dimethylfumarat – das Mittel, das Ballinari in seinem Labor zu Pillen verarbeitet. Zwar fehlt noch die Zustimmung der Europäischen Kommission, doch der Ausschuss für Humanarzneimittel bei der Europäischen Arzneimittelbehörde EMA hat das Medikament schon zur Zulassung empfohlen. Sobald die Europäische Kommission die Entscheidung absegnet, wird es teuer. Die Kosten für eine Jahrestherapie dürften dann wohl zwischen 25.000 und 35.000 Euro liegen. "Das ist unverschämt", sagt Silvio Ballinari. "Dass Biogen etwas für die Forschung kriegt, ist zwar richtig, sonst forscht niemand mehr. Aber so teuer darf ein Medikament einfach nicht sein." Biogen-Chef George Scangos sagte bei der Markteinführung des Medikaments in den USA gegenüber Bloomberg TV: "Wir bieten eine Leistung für diesen Preis – aber wir wollen maßvoll sein."

Es ist nicht ganz einfach, zu erklären, warum ein Medikament plötzlich etwa 30.000 Euro im Jahr kosten soll, das ein Apotheker im Hinterzimmer für 1.600 Euro herstellen kann. Doch gerade in der MS-Therapie verdienen viele Pharmafirmen auf ähnliche Weise ihr Geld. Die Geschichte des Dimethylfumarats zeigt das besonders anschaulich. Sie beginnt vor 30 Jahren.

Muri, ein Dorf im Schweizer Mittelland, im Jahr 1982. Ein älterer Herr betritt die Klosterapotheke von Hans-Peter Strebel. Der Mann leidet an Schuppenflechte, einer Krankheit, die vor allem die Haut betrifft. Er legt dem Apotheker ein Döschen mit einem weißen Pulver auf die Theke. Ein Naturheiler habe ihm diese Mixtur verschrieben, ob er sie bitte für ihn testen würde? Seit er das Mittel schlucke, gehe es zwar seiner Haut besser, es plagten ihn aber Magenbeschwerden. Strebel bringt das Pulver zwei ehemaligen Kommilitonen, mit denen er an der Eidgenössischen Technischen Hochschule (ETH) Zürich Pharmakologie studiert hat. In der Mischung finden sie einen Stoff, der sie stutzen lässt: Fumarsäure. Eine simple Verbindung, die in jeder Zelle vorkommt und in der Nahrungsmittelindustrie als Säuerungsmittel E297 dient. Nach Wochen des Analysierens sind sich der Apotheker und die ETH-Forscher sicher: Es ist das Dimethylfumarat, ein Fumarsäure-Ester, das dem Kunden des Apothekers gegen die Schuppenflechte hilft.