Medikament TecfideraGoldene Formel

Als Mittel gegen Multiple Sklerose wird ein altbekannter Wirkstoff entdeckt – und kostet nun das Zwanzigfache. Die Geschichte des Medikaments Tecfidera von  und

Die Pharmafirma Biogen Idec hat ihren Sitz im US-amerikanischen Cambridge.

Die Pharmafirma Biogen Idec hat ihren Sitz im US-amerikanischen Cambridge.  |  © Brian Snyder/Reuters

Das Labor ist eng. Silvio Ballinari muss sich behutsam drehen, um die Schublade zu öffnen. Der Pharmazeut greift nach einem metallenen Lochbrett, einer Gummiwanne und dem Plastiksack voller Gelatinekapseln. Er streift sich blaue Handschuhe über, zupft seinen Mundschutz zurecht. Er ist bereit für die Kunst des Pillendrehens. Nur den Wirkstoff braucht er noch. Dimethylfumarat, ein weißes Pulver.

Die Pillen, die Silvio Ballinari hier im Hinterzimmer seiner Zähringer Apotheke im schweizerischen Bern herstellt, gelten als neue Hoffnung für Menschen, die an multipler Sklerose (MS) leiden. Ballinari darf nur an Schweizer abgeben; ein Dutzend Patienten beziehen die handgefertigten Präparate. Sie schwärmen von wiedergewonnener Lebensqualität. Doch es ist ungewiss, wie lange der Apotheker die Pillen noch verkaufen darf.

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Multiple Sklerose ist ein komplexes Leiden. Wie es genau entsteht, weiß niemand – nur dass das Immunsystem beteiligt ist: Es greift die Nervenhüllen in Gehirn und Rückenmark an. Bei den meisten Betroffenen tritt die Krankheit zuerst in Schüben auf und kann in eine chronisch fortschreitende Form übergehen, oft mit bleibenden Behinderungen. In einem von zehn Fällen allerdings verläuft das Leiden von Beginn an chronisch.

Die MS ist nicht heilbar, ihr Verlauf unberechenbar – und sie ist schwer zu behandeln. Die Patienten, in Deutschland sind es etwa 130.000, müssen sich ihre Medikamente meist spritzen, Nebenwirkungen sind häufig. Präparate zum Schlucken sind zwar erhältlich, aber auch sie können unerwünschte Wirkungen haben.

Mit Dimethylfumarat könnte sich die Situation nun verbessern. Es soll wirksamer und viel verträglicher sein als die gängigen Medikamente. Und auch wenn man die Wirksamkeit von Präparaten gegen MS generell besonders vorsichtig beurteilen muss, weil nicht jede Besserung dauerhaft ist und oft nur auf einen Placeboeffekt zurückgeht: Für die Patienten ist Dimethylfumarat eine große Hoffnung. Zudem ist es billig, im Großhandel kostet ein Gramm knapp zwei Euro. Der Apotheker Ballinari verkauft seine Pillen für 2,80 Franken das Stück, also etwa 2,20 Euro. Im Jahr würde sich das auf rund 1.600 Euro für jeden Patienten summieren.

Doch so preiswert wird es nicht bleiben. Voraussichtlich in diesem Herbst bringt das Pharmaunternehmen Biogen Idec sein MS-Medikament Tecfidera in Europa auf den Markt. In den USA ist es schon seit einigen Monaten erhältlich. Der Wirkstoff: Dimethylfumarat – das Mittel, das Ballinari in seinem Labor zu Pillen verarbeitet. Zwar fehlt noch die Zustimmung der Europäischen Kommission, doch der Ausschuss für Humanarzneimittel bei der Europäischen Arzneimittelbehörde EMA hat das Medikament schon zur Zulassung empfohlen. Sobald die Europäische Kommission die Entscheidung absegnet, wird es teuer. Die Kosten für eine Jahrestherapie dürften dann wohl zwischen 25.000 und 35.000 Euro liegen. "Das ist unverschämt", sagt Silvio Ballinari. "Dass Biogen etwas für die Forschung kriegt, ist zwar richtig, sonst forscht niemand mehr. Aber so teuer darf ein Medikament einfach nicht sein." Biogen-Chef George Scangos sagte bei der Markteinführung des Medikaments in den USA gegenüber Bloomberg TV: "Wir bieten eine Leistung für diesen Preis – aber wir wollen maßvoll sein."

MS-Therapie: Tecfidera

Das MS-Medikament mit dem neuen Wirkstoff Dimethylfumarat soll von Herbst an in Europa verkauft werden. Angeblich ist es verträglich und effektiv.

Der Arzt

Mit seiner klinischen Studie hatte der Bochumer Dermatologe Peter Altmeyer gezeigt: Dimethylfumarat hilft gegen Schuppenflechte. Als sich dann aber zeigte, dass derselbe Stoff auch bei multipler Sklerose sehr wirksam ist, machten andere das große Geschäft.

Es ist nicht ganz einfach, zu erklären, warum ein Medikament plötzlich etwa 30.000 Euro im Jahr kosten soll, das ein Apotheker im Hinterzimmer für 1.600 Euro herstellen kann. Doch gerade in der MS-Therapie verdienen viele Pharmafirmen auf ähnliche Weise ihr Geld. Die Geschichte des Dimethylfumarats zeigt das besonders anschaulich. Sie beginnt vor 30 Jahren.

Muri, ein Dorf im Schweizer Mittelland, im Jahr 1982. Ein älterer Herr betritt die Klosterapotheke von Hans-Peter Strebel. Der Mann leidet an Schuppenflechte, einer Krankheit, die vor allem die Haut betrifft. Er legt dem Apotheker ein Döschen mit einem weißen Pulver auf die Theke. Ein Naturheiler habe ihm diese Mixtur verschrieben, ob er sie bitte für ihn testen würde? Seit er das Mittel schlucke, gehe es zwar seiner Haut besser, es plagten ihn aber Magenbeschwerden. Strebel bringt das Pulver zwei ehemaligen Kommilitonen, mit denen er an der Eidgenössischen Technischen Hochschule (ETH) Zürich Pharmakologie studiert hat. In der Mischung finden sie einen Stoff, der sie stutzen lässt: Fumarsäure. Eine simple Verbindung, die in jeder Zelle vorkommt und in der Nahrungsmittelindustrie als Säuerungsmittel E297 dient. Nach Wochen des Analysierens sind sich der Apotheker und die ETH-Forscher sicher: Es ist das Dimethylfumarat, ein Fumarsäure-Ester, das dem Kunden des Apothekers gegen die Schuppenflechte hilft.

Leserkommentare
  1. Das ist halt das Kreuz mit den klinischen Studien. Sie sind extrem teuer und Firmen werden sie nur dann durchfuehren, wenn die Kosten durch das Medikament wieder hereinkommen. Aber Gesetzgeber in allen westlichen Demokratien haben diese klinischen Pruefungen vorgeschrieben (meines Erachtens zu Recht). In Afrika und Suedostasien ist das oft anders.
    Aber deshalb gibt es fuer Patienten mit seltenen Erkrankungen auch oft keine Hoffnung auf Medikamente. Die Medikamente rechnen sich fuer die Firmen nicht. Auch wenn der Wirkstoff an sich trivial ist.
    Aber ich dachte das es fuer Aerzte moeglich ist, wenn der Wirkstoff schon fuer ein anderes Leiden zugelassen ist diese Medikament auch fuer eine andere Erkrankung zu "empfehlen".

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  2. geben doppelt so viel Geld für Marketing wie für die Entwicklung neuer Medikamente aus.
    In der Gesundheitsindustrie stimmt also schon mal grundsätzlich etwas nicht.
    So ein Skandal wie jetzt bei Biogen Idec ist nur die Spitze eines Eisbergs aus Profitgier.

    7 Leserempfehlungen
  3. sind ein Segen für die Gesundheitsbranche. Deshalb ist es ein Trugschluss zu glauben, man wolle diese Krankheiten endgültig besiegen.

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    • ismus
    • 16. August 2013 19:58 Uhr

    mal mit einem alten forscher auf dem campus berlin-buch gesprochen. der sagte damals, dass er sich überhaupt nicht wundern würde, wenn gerade bei krebs - seinem forschungsschwerpunkt - die eine oder andere therapie in dem einen oder anderen tresor schlummert.

    • Lyaran
    • 16. August 2013 17:22 Uhr

    Wenn der Konzern selbst ausrichten lässt: "Apotheker können kein Tecfidera herstellen."
    Dann kann den Apothekern doch auch nichts passieren, oder?

    Und die Anwendung des Wirkstoffs Dimethylfumarat auf MS Patienten ist doch in Bochum durch Herrn Altmeyer erstmals erfolgt. Wie kann man darauf dann ein Patent anmelden? Aber scheinbar gibt es ein Patent ja nur auf die Dosis.

    Ich habe noch Hofnung dass die Geschichte vernünftig ausgeht.

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  4. "Das Medikament Tecfidera wurde spezifisch für MS entwickelt, die molekulare Verbindung wurde verbessert, es ist nun für den Magen besser verträglich", sagt Thomas Mayer von Biogen Deutschland. "Apotheker können kein Tecfidera herstellen."

    Die Aussage von Thomas Mayer ist nicht verwunderlich, er ist BWLer. Kein Chemiker, kein Pharmazeut (Apotheker), kein Biologe und kein Arzt.

    Natürlich kann ein Pharmazeut (Apotheker) nicht nur Bestandteile zusammenrühren, sondern auch chemische Verbindungen aus einfacheren Grundstoffen herstellen, so wie ein Chemiker das auch kann.

  5. Unsere Halbgötter wissen ja nicht einmal die Ursache für MS.
    Wenn ich die Ursache nicht kenne, wie kann man dann eine Krankheit heilen.
    Da MS im Gegensatz zu Krebs nicht tödlich verläuft, müssen die Patienten ein Leben lang teuere Drogen schlucken.
    Jeder dieser Patienten ist eine absolute Goldgrube für die Pharma und die Ärzte.
    Warum also heilen und die Goldgrube zuschütten.
    Es gibt keinen einzigen vernünftigen betriebswirtschaftlichen Grund für die Beteiligten aus dem Medizinsystem sich einen Schritt Richtung Heilung zu bewegen.
    Ärzte, die Praxen betreiben, sind genauso Unternehmen, wie andere Kaufleute auch.
    Früher konnte man noch mit der Hölle drohen, wenn die Menschen die Moralspur verlassen haben. Was heute zählt ist Bildung und Einkommen.
    Ich kann die Ärzte und die Pharma-Firmen verstehen, wenn sie Geld verdienen möchten.
    So ist nun mal unsere Welt. Ob uns das passt oder nicht.
    Der Kranke hat das Nachsehen.

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    [Es gibt keinen einzigen vernünftigen betriebswirtschaftlichen Grund für die Beteiligten aus dem Medizinsystem sich einen Schritt Richtung Heilung zu bewegen.]

    Natürlich gibt es diesen vernünftigen betreibswirtschaftlichen Grund. Die "Beteiligten aus dem Medizinsystem" sind nämlich kein homogener Block. Auch zwischen ihnen herrscht Wettbewerb und nicht jeder verdient an jeder Krankheit. Einem Unternehmen, das über kein umsatzträchtiges MS-Medikament verfügt, kann nichts besseres passieren als ein Heilmittel für MS zu finden. Dann würde es innerhalb kürzester Zeit den gesamten Markt für sich vereinnahmen und die Konkurrenz aus dem Weg räumen.

    • Antigen
    • 16. August 2013 18:24 Uhr

    "Unsere Halbgötter wissen ja nicht einmal die Ursache für MS"

    Die Ursache von MS ist höchstwahrscheinlich eine autoimmune Reaktion gegen bestimmte Bestandteile des Zentralnervensystems.

    "Da MS im Gegensatz zu Krebs nicht tödlich verläuft,..."

    Da liegen Sie im Irrtum. Der Verlauf ist von Patient zu Patient verschieden, es gibt sehr moderate und gutartige Verläufe, aber auch rasch fortschreitende. Darüber hinaus gibt es heute einige Krebserkrankungen, die eine deutlich bessere Prognose haben als z.B. MS und bei weitem nicht jeder Krebs verläuft tödlich.

    "Jeder Patient ist eine absolute Goldgrube für die Pharma und Ärzte. Warum also heilen [...]"

    Also, ich glaube, dass wenn ein "Allheilmittel" gegen Krebs oder MS gefunden werden würde, so würde damit jede Pharmafirma einen Riesengewinn machen, nicht nur kurzfristig. Denn Krebspatienten würde es ja weiterhin geben. Einfach immer Ärzte und "Pharmalobby" beschimpfen, dass diese kein Interesse an Heilung hätten, ist Unsinn.

  6. Die Geschichte dieses Medikaments ist für mich ein eindrückliches Beispiel dafür, warum das Patent- und Urheberrecht unser heutigen, vernetzten Zeit nicht mehr angemessen ist. Die Belohnung für alle Entwicklungsarbeit wird allein dem zugesprochen, der das Patent anmeldet und das nötige Kleingeld dafür hat. Wer der oder die zahlreichen tatsächlichen Erfinder sind, interessiert überhaupt nicht! Ergo: ohne Grundkapital ist eigentlich gerade keine Idee etwas wert, Erfinder sind von Investoren abhängig.
    Wenn man wirklich Fortschritt fördern möchte, sollte man, denke ich, dafür sorgen, dass jeder, der sinnvolle Lösungsansätze für irgendwelche Probleme anbietet und sie der Öffentlichkeit zur Verfügung stellt, dafür belohnt wird. Wer zu Entwicklungsprozessen beiträgt, ließe sich zum Beispiel transparent im Internet feststellen, wenn denn Forschungsergebnisse - und die Diskussionen, die dorthin führen, grundsätzlich dort veröffentlicht würden.

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  7. 8. Mythos

    [Es gibt keinen einzigen vernünftigen betriebswirtschaftlichen Grund für die Beteiligten aus dem Medizinsystem sich einen Schritt Richtung Heilung zu bewegen.]

    Natürlich gibt es diesen vernünftigen betreibswirtschaftlichen Grund. Die "Beteiligten aus dem Medizinsystem" sind nämlich kein homogener Block. Auch zwischen ihnen herrscht Wettbewerb und nicht jeder verdient an jeder Krankheit. Einem Unternehmen, das über kein umsatzträchtiges MS-Medikament verfügt, kann nichts besseres passieren als ein Heilmittel für MS zu finden. Dann würde es innerhalb kürzester Zeit den gesamten Markt für sich vereinnahmen und die Konkurrenz aus dem Weg räumen.

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    Es ist wie bei den Aktien: nicht der tatsächliche Wert ist entscheidend, sondern der Glaube daran. Wenn wir uns ansehen, welcher Müll an Nahrungsergänzungsmitteln angepriesen und auch gekauft wird, ohne Belege für die Wirksamkeit, ist vieles klar. Es werden Tonnen von Globuli verzehrt, Kügelchen aus Milchzucker, mit einem nicht nennenswerten Anteil an "Wirkstoff" und die Gläubigen sind begeistert.

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