Man kann hoffen, dass die Krankheit eher harmlos verläuft. Dass die Patienten unabhängig bleiben, seelisch und körperlich. Oft aber führt Multiple Sklerose (MS) in den physischen und zuweilen auch in den psychischen Verfall. Dazwischen liegen viele Jahre der Ungewissheit. Eine Zeit, in der sich die Patienten an Medikamente klammern, die das Leiden oft nur mäßig lindern. Diese Hoffnung auf Besserung macht die MS zu einer Krankheit, die große Profite verspricht. Und nicht nur Biogen Idec mit seinem neuen Medikament Tecfidera bietet ein Beispiel dafür, wie Pharmaunternehmen agieren, um sie sich zu sichern.

Gefochten wird um Anteile an einem Milliardenmarkt. "Die Multiple Sklerose ist nicht nur sehr schwerwiegend, sie gehört auch zu den finanziell ertragreichsten Erkrankungen", sagt Roland Windt vom Zentrum für Sozialpolitik an der Universität Bremen. Im Durchschnitt kostet die Standardbehandlung eines Patienten 15.000 bis 25.000 Euro pro Jahr. Pharmahersteller lassen sich einiges einfallen, um mitverdienen zu können. Etwa, indem sie Arzneien, die schon lange bei anderen Erkrankungen eingesetzt werden, in neue Kleider stecken – um sie dann wesentlich teurer als neues MS-Mittel anzupreisen. Oft geht dieses Kalkül auf.

So dürfte in der Frankfurter Zentrale des Pharmakonzerns Sanofi Ende Juni ausgezeichnete Stimmung geherrscht haben. Da hatte die europäische Arzneimittelbehörde EMA den Weg frei gemacht für zwei neue MS-Medikamente des Unternehmens. Für Sanofi ist das ein echter Coup: Beide Wirkstoffe sind keine Neuentwicklungen, sondern altbekannt. Die Firma erspart sich damit etwa ein Drittel der Entwicklungskosten von durchschnittlich 1,2 Milliarden Dollar. Eines dieser neuen Medikamente hat dem Konzern in seinem ersten Leben schon als Mittel gegen rheumatische Erkrankungen zu guten Geschäften verholfen. Vor ein paar Jahren hat es seinen Patentschutz hierzulande verloren. Nun feiert es als MS-Mittel Teriflunomide eine Auferstehung.

Krebsmedikamente oder Rheumamittel werden plötzlich zu Arzneien gegen MS

Pikanter noch ist die Geschichte des zweiten neuen Präparates: Der Antikörper Alemtuzumab der Sanofi-Tochter Genzyme war ursprünglich zwar als MS-Medikament gedacht, scheiterte aber. Stattdessen wirkte er bei Patienten, die an einer bestimmten Form der Leukämie erkrankt sind, und wird daher seit Jahren in der Onkologie eingesetzt. Im August vergangenen Jahres aber nahm Genzyme ihn unvermittelt vom Markt. Kurze Zeit später sprach die Firma mit einem neuen Antrag bei der EMA vor – um das Mittel nun doch unter neuem Namen für die Behandlung der MS zuzulassen. Ein Vorgang, der auch in der Branche für Kopfschütteln sorgte. Denn mit dem alten Preis des Antikörpers hätte die MS-Therapie knapp 2.000 Euro für ein ganzes Jahr gekostet – und wäre somit "spottbillig" gewesen, sagt Windt.

Unter Medizinern ist die Empörung über das Unternehmen noch immer groß. Wolf-Dieter Ludwig, Vorsitzender der Arzneimittelkommission der deutschen Ärzteschaft, bezeichnet es als "ein typisches Beispiel für das Profitstreben der Pharmaindustrie". Und Torsten Hoppe-Tichy, Vorsitzender des Bundesverbands Deutscher Krankenhausapotheker, spricht offen von einem "Musterbeispiel ethisch fragwürdiger Preispolitik". Auch bei der EMA war man "nicht wirklich glücklich" über das Verhalten des Unternehmens. "Rechtlich waren uns die Hände gebunden", sagt eine Sprecherin. Aber man habe andere Mittel gefunden, auf den Hersteller einzuwirken.

Daraufhin initiierte Genzyme ein Patientenprogramm: Alle Krebspatienten, die auf Alemtuzumab angewiesen sind, werden nun kostenlos mit dem Mittel versorgt. Allerdings muss die Behandlung für jeden einzelnen Patienten von dessen Arzt beantragt werden. Das Unternehmen beteuert, man wolle nur Missbrauch vorbeugen und sicherstellen, dass das Krebsmittel nicht unkontrolliert gegen MS eingesetzt werde. Ob es da wirklich nur um die Sicherheit der Patienten geht, kann man getrost bezweifeln.

Nun auch in Pillenform

Ein Blick auf die Liste des Branchenanalysten IMS Health zeigt: Unter den zehn umsatzstärksten Präparaten finden sich gleich drei MS-Medikamente. Ein weiteres steht auf Platz 16. Nach Schätzungen von IMS werden MS-Präparate der Branche bis 2016 einen Jahresumsatz von 14 bis 16 Milliarden Dollar bescheren.

Das liegt auch an der Krankheit selbst: Die Patienten sind lebenslang auf eine Behandlung angewiesen. "Heilen kann man die MS nicht, die Erkrankung kontrollieren vielleicht", sagt Heinz Wiendl, Chefarzt der Neurologie am der Uni-Klinik Münster. Sogenannte Beta-Interferone sind seit 30 Jahren die Standardmedikamente gegen die MS, die meisten Patienten spritzen sich die Mittel mehrfach in der Woche unter die Haut oder in den Muskel. In Fachkreisen aber sind sie umstritten. Zwar reduzieren sie, so heißt es, bei einem Großteil der Patienten die Schübe um ein Drittel. "Das aber ist ein statistischer Wert. Er bedeutet bei dem einen eine hundertprozentige Wirkung und bei einem anderen gar keine", sagt Wiendl. Bereits im Jahr 2000 schrieb John Noseworthy, Leiter der Neurologie an der Mayo Clinic in Rochester: "Alle Beta-Interferone sind teuer und haben vielfache Nebenwirkungen." Ihre Langzeitwirkung sei nicht bewiesen. Dennoch gehören sie nach Untersuchungen des Wissenschaftlichen Instituts der AOK (WIdO) als Standardtherapie zu den meistverordneten Medikamenten bei MS.

Ein wichtiger Nachteil bisheriger Therapien ist, dass – mit einer Ausnahme – sämtliche Mittel gespritzt werden müssen. Das von Genzyme zur MS-Medizin umgewidmete Krebsmedikament lässt die Schübe zwar nach wenigen Anwendungen für drei bis vier Jahre verschwinden. Doch auch dieses Mittel wird per Infusion verabreicht – und hat seltene, aber gravierende Nebenwirkungen. "Gerade von den jungen Patienten werden Tabletten sehnlichst erwartet", sagt Peter Berlit, Chefarzt der Neurologie am Alfried Krupp Krankenhaus in Essen.

Die Pillen kann Sanofi nun anbieten: Mit dem modifizierten Rheumamittel könnte die Mehrheit der MS-Patienten erstmals durch Pillen versorgt werden. Obwohl Mediziner dem Medikament nicht mehr Effizienz bescheinigen als den derzeit üblichen Präparaten, soll man bei Sanofi mit einem Umsatz des Mittels von zwei Milliarden Dollar bis 2020 rechnen.

Ob dieses Ziel erreicht werden kann, ist indes ungewiss. Denn die Sanofi-Präparate sind nicht die einzigen Wirkstoffe gegen MS, die neu zur Vermarktung freigegeben wurden. Auch das Präparat des US-Herstellers Biogen Idec wird wohl bald in Europa zugelassen. MS-Mediziner Berlit ist entzückt: "Zulassungsempfehlungen für drei neue Mittel innerhalb von nur drei Monaten hat es seit 25 Jahren nicht gegeben."

Biogens Pille ist ein Segen. Für Kranke vielleicht, für die Firma bestimmt

Tecfidera, dem Medikament von Biogen Idec, das ebenfalls in Tablettenform vertrieben wird, attestieren Ärzte dabei ein erheblich höheres Potenzial als den Konkurrenten. Es könnte künftig das Interferon als Basistherapie verdrängen. "In den vorliegenden Studien konnte es die Schübe um mehr als die Hälfte reduzieren, und die fortschreitende Behinderung scheint es wenigstens zu verzögern", so Berlit. Eine beeindruckende Bilanz, vor allem weil die Patienten unter der Behandlung bis zu 90 Prozent weniger Entzündungsherde in Gehirn und Rückenmark entwickelten. Die üblichen Nebenwirkungen sind relativ harmlos – es können Hautrötungen, Magenprobleme und Verstopfungen auftreten. Allerdings wurde in seltenen Fällen die Reaktivierung einer Infektion mit einem speziellen Virus beobachtet, die das Gehirn befallen und lebensbedrohlich sein kann. Und natürlich können Folgestudien noch zu ganz anderen, weit weniger guten Ergebnissen kommen.

Doch trotz dieser Bedenken wird dem Stoff – und damit Biogen Idec – in Branchenkreisen eine glorreiche Zukunft prophezeit. Der israelische Hersteller Teva, der ebenfalls ein MS-Mittel zulassen möchte, fürchtet einen Erfolg von Biogen offenkundig so sehr, dass man Anfang des Jahres vor möglichen Nebenwirkungen des Konkurrenzmittels warnte. So etwas gilt in der Pharmabranche nun wirklich als schlechtes Benehmen.