Betritt man das Hauptquartier der National Security Agency (NSA) in Fort Meade, Maryland, dann begleitet einen die Mission des Geheimdienstes vom ersten Schritt an: "Defend the Nation, Secure the Future" – in endloser Wiederholung laufen diese Worte als Wanddekoration beim Gang durch die Büroflure im Erdgeschoss mit. "Verteidige die Nation und sichere die Zukunft."

Das tut die NSA seit den Enthüllungen ihres ehemaligen Mitarbeiters Edward Snowden mit eher gemischtem Erfolg. Jedenfalls ist es der Nation zunehmend unbehaglich, mit welchen Methoden der geheimste ihrer Geheimdienste sie verteidigt. Umfragen zufolge sehen immer mehr Amerikaner ihre Privatsphäre durch das Sammeln von Telefon- und Internetdaten bedroht. Vor Kurzem scheiterte ein Antrag im Repräsentantenhaus nur knapp, der die maßlosen Daten-Fischzüge der NSA begrenzen sollte. Einige Senatoren planen jetzt Gesetzesvorlagen, nach denen der Dienst offenlegen soll, wie viele amerikanische Telefonanschlüsse denn nun von ihm angezapft werden, was das alles kostet und wann es begonnen hat.

Die NSA, dieser scheinbar allmächtige Riesenkrake, ist spürbar verunsichert – und versucht nun etwas, was eigentlich nicht geht: sich der Öffentlichkeit zu zeigen, ohne öffentlich zu werden. Unlängst hielt NSA-Direktor Keith Alexander beim "Black Hat"-Kongress in Las Vegas, einem der größten Hacker-Treffen in den USA, eine Rede und ließ sich dort von Teilnehmern beschimpfen. Jetzt hat sie ausnahmsweise für einen deutschen Reporter die Tür zu diesem streng abgeschirmten Reich geöffnet. Jedenfalls einen Spalt breit.

Sicherheitsbereich! Kein Mobiltelefon ist gestattet, kein Gerät, mit dem man irgendetwas aufzeichnen könnte; auch die Mitarbeiter der NSA dürfen ihre Handys nicht mit in ihre Büros nehmen. Selbst der Notizblock des Reporters wird sorgfältig durchgeblättert. Dann wird man hereingelassen.

Von nun an schwebt ein Begriff über allen Gesprächen: classified . Geheim, vertraulich, nicht für die Öffentlichkeit bestimmt. Wie viele Mitarbeiter hat die NSA? – "Mehr als 35.000." – Wie viele genau? – "Classified." – Die Washington Post schrieb von 33.000. – "Falsch, es sind mehr als 35.000." – Wie viele also? "Classified." Bei aller freundlichen Unnachgiebigkeit merkt man den Gesprächspartnern an, wie ungewohnt ihnen diese Situation vorkommt. Da ist einer aus ihren Reihen mit vier Laptops voller Geheimdokumente geflüchtet, hat unter anderem Unterlagen über das systematische Abfischen von Telefonaten beim Telekommunikationsriesen Verizon an die Presse weitergegeben und ein mittleres innen- wie außenpolitisches Erdbeben ausgelöst. Die NSA könnte jetzt ihrerseits ganze Ordner von Vorschriften vorlegen, die sehr präzise definieren, unter welchen Voraussetzungen sie zum Beispiel Telefondaten in Amerika sammeln darf. Diese Dokumente gibt sie jedoch nicht heraus. Die konkreten Anfragen bezüglich Genehmigungen, die einzelnen Erfassungen, die gespeicherten Daten – all das bleibt geheim.

Man würde als Journalist ja gern vergleichen können: Was stimmt denn nun? Sind die Snowden-Dokumente aus dem Zusammenhang gerissen? Wie sieht das Gesamtbild aus, von dem seine Enthüllungen ja nur einen winzigen Ausschnitt zeigen? Keine Antwort. Auch zu der in Deutschland heiß diskutierten Frage nach der Zusammenarbeit mit den deutschen Nachrichtendiensten ist nichts zu erfahren.

Dem Kongress muss die NSA allerdings Auskunft geben. In immer schnellerer Abfolge werden ihre Chefs derzeit zu geheimen und manchmal auch öffentlichen Ausschusssitzungen geladen. Erst vor wenigen Tagen nahmen Senatoren und Abgeordnete Keith Alexander wieder vier Stunden ins Verhör. Am Mittwoch voriger Woche musste sein Stellvertreter, John C. Inglis, vor dem Rechtsausschuss des Senats antreten. Er rechtfertigte die heimischen Abhörmaßnahmen damit, dass sie in dreizehn Fällen einen "Beitrag" zur Aufklärung terroristischer Bedrohungen geliefert hätten. Der altgediente Vorsitzende des Ausschusses, Patrick J. Leahy, ein Demokrat aus dem Bundesstaat Vermont, zeigte sich nicht beeindruckt. "Wenn dieses Programm nicht wirksam ist, muss es beendet werden. Bisher bin ich von dem, was ich gesehen habe, nicht überzeugt."

"Wir spüren sie auf, ihr schlagt zu"

Wer von der NSA hört, denkt an Militärs wie Alexander, einen Viersternegeneral. Doch die Mehrheit der Mitarbeiter sind Zivilisten wie der Computerwissenschaftler Inglis – Ingenieure, Physiker, Informationsanalytiker, Übersetzer. An keiner Universität, in keinem Hightechunternehmen der USA sind mehr Mathematiker versammelt als hier in Fort Meade. Sie entwickeln jene Systeme, mit denen der Geheimdienst die vertrauliche Kommunikation Amerikas verschlüsselt und die seiner Gegner entschlüsselt.

Aus den Geheimdiensten, die im Zweiten Weltkrieg die Codes der Deutschen und der Japaner knackten, ging 1952 die NSA hervor, um im Kalten Krieg die Sowjetunion auszuhorchen. Was damals eingebettet war in ein Wettrüsten mit gegenseitigem Abschreckungseffekt, ist heute ein Wettlauf gegen Gegner ohne feste Konturen oder festes Territorium. "Wir sind nicht dann am glücklichsten, wenn wir wissen, warum etwas geschehen ist und wer es war. Wir wollen verhindern, dass überhaupt etwas passiert", heißt es in der NSA. "We track ’em, you whack ’em" – "Wir spüren sie auf, ihr schlagt zu." So lautet der interne Spruch über die Arbeitsteilung zwischen der NSA und ihren Auftraggebern: FBI, CIA, Pentagon oder das Heimatschutzministerium.

Dank Edward Snowden wird die NSA derzeit nur mit dem Krieg gegen den Terrorismus in Verbindung gebracht – so wie jetzt wieder, da die USA aufgrund geheimdienstlicher Erkenntnisse mehrere Botschaften in arabischen Ländern geschlossen haben. Sie ist aber auch für die Abwehr von Cyberangriffen oder das Aufspüren von internationalen Drogenhändlern da. Und sie rüstet die eigene Regierung technisch auf. Das abhörsichere Mobiltelefon des Präsidenten wie auch die Handys seiner Leibwächter vom Secret Service kommen von der NSA. "Und wenn Ihre Kanzlerin in Washington ist, sorgen wir dafür, dass ihre Gespräche mit dem Präsidenten vertraulich bleiben."

Wirklich? Bei der EU in Brüssel hat die NSA eher das Gegenteil getan. Es ist eben tatsächlich so: "Wir machen Codes, und wir brechen Codes." Beim Feind, und manchmal auch beim Freund. Das ist der Job, und der wird erledigt.

"Information Assurance", also der Schutz von Informationen, heißt die defensive Variante der Arbeit der NSA. Die offensive Variante, das Eindringen in die geheime Kommunikation des Gegners, läuft unter dem Namen "Signal Intelligence" (SIGINT). Für SIGINT sind nicht nur die Lauscher daheim zuständig, sondern auch Militärs im Auslandseinsatz, in Afghanistan etwa. "They Served in Silence" steht über dem NSA-Wappen auf der Marmortafel hinter dem Haupteingang. Darauf sind die Namen der im Einsatz getöteten NSA-Mitarbeiter eingraviert. 172 sind es bis heute.