Dem mächtigsten Überwachungsapparat der Welt gehören nicht einmal die Telefone und Computer in seiner Zentrale. Amerikas Auslandsgeheimdienst National Security Agency (NSA), dessen weltweite Überwachungsprogramme jüngst aufgeflogen sind und nun Bürger und Politiker aus aller Herren Länder empören, verlässt sich voll und ganz auf private Dienstleister. Das Vertrauen in die Experten aus der Privatwirtschaft reicht dabei weit über die Haustechnik hinaus. Sie erledigen auch gleich das Kerngeschäft – sie schnüffeln und spionieren, was das Zeug hält, um dem Leitspruch der NSA Genüge zu tun: "Um unsere Nation zu verteidigen. Unsere Zukunft zu sichern."

Das schien bis zum Fall des Edward Snowden zu funktionieren. Doch dann wurde es ziemlich peinlich für die Verteidiger der Nation. Der IT-Spezialist Snowden hatte nämlich in deren Auftrag gearbeitet, bevor er vor wenigen Wochen aus den USA floh, erst nach Hongkong, schließlich nach Moskau – im Gepäck Datenträger, die nicht nur offenbarten, dass die USA die Kommunikation im Rest der Welt überwachen, ohne zwischen Freund und Feind zu unterscheiden. Die Daten zeigten auch: Eine seit dem 11. September gewaltig gewachsene Spionage-Industrie, bestehend aus privaten Unternehmen, erledigt einen großen Teil jener Arbeit, die man früher einmal für hoheitliche Aufgaben gehalten hat – und sie verdienen prächtig daran. Edward Snowden arbeitete für eines von ihnen, für die Unternehmensberatung Booz Allen Hamilton.

Die Profiteure der Privatisierung bilden einen eigenartigen Club. Dabei sind Unternehmen des PayPal-Gründers Peter Thiel und die ehemaliger Facebook-Manager ebenso wie der gute alte Boeing-Konzern. Zu ihnen gesellen sich allerlei obskure unternehmerische Gewächse mit Namen wie Endgame Systems und CACI, die im Halbschatten des Geschäfts mit Überwachungstechnologie und Datensammlung für NSA, CIA, Heimatschutzbehörde und Pentagon zu Tausenden prächtig gedeihen. Rund 70 Prozent des staatlichen Sicherheitsetats gehen schon an Subunternehmer. Wie viel es genau ist, ist angesichts der ganzen Geheimniskrämerei kaum herauszubekommen. Experten schätzen aber, dass sich der gesamte Etat um die 75 Milliarden Dollar bewegt.

Die privaten Unternehmen stellen vom Hausmeister über den Übersetzer, den Programmierer und den Informationsanalytiker bis hin zum Strategieberater für Generäle Personal auf allen Ebenen. Eine halbe Million ihrer Mitarbeiter haben schon eine Top Secret Clearance, also eine Zulassung als Geheimnisträger. Nicht alle beteiligten Unternehmen haben sich bei ihrem bisherigen Kampf um die Sicherheit der Nation mit Ruhm bekleckert.

Etwa die Firma CACI, die unter dem Slogan ever vigilant – "stets wachsam" – Kunden aus "Aufklärung, Verteidigung und zivilen Bundeseinrichtungen" Informationsdienstleistungen und Lösungen anbietet, "die die Erfüllung der nationalen Sicherheitsaufgaben unterstützen". CACI wurde einer breiteren Öffentlichkeit bekannt, weil es im irakischen Gefängnis Abu Ghraib im Auftrag der US-Armee Spezialisten für Verhöre einsetzte. Das Gefängnis sorgte weltweit für Schlagzeilen, weil Fotos zeigten, wie Insassen dort von Aufsehern misshandelt wurden. Eine interne Untersuchung der US-Armee kritisierte auch CACI-Angestellte, aber das Unternehmen weist energisch zurück, dass sein Personal in die Übergriffe verwickelt gewesen sei. Heute hat es andere Probleme. Gerade sucht es einen Gabelstaplerfahrer, der nicht nur Erfahrung "im Verpacken und Verschicken von Generatoren, Booten und Kraftfahrzeugen" hat, sondern auch eine Top Secret Clearance und einen bestandenen Lügendetektortest. Schließlich gibt es viel zu tun: Im vergangenen Jahr erwirtschaftete das Unternehmen mit seinen 12.000 Mitarbeitern einen Umsatz von 3,7 Milliarden Dollar.

Private Dienstleister liefern auch die Technik, die Prism, das nun aufgeflogene Überwachungsnetz der NSA, ermöglicht. Eine Schlüsselposition hat die Firma Narus. Das Unternehmen war ursprünglich ein israelisches Start-up (dessen Gründer Ori Cohen und Stas Khirman heute bei der Deutschen Telekom arbeiten). Vor drei Jahren hat Boeing das Unternehmen übernommen. Narus-Programme helfen, enorme Datenmengen zu erfassen und zu analysieren. Erstmals kam das Unternehmen durch das geheime Telefonüberwachungsprogramm unter Präsident Bush in die Schlagzeilen. Auch dieses Programm hatte ein Whistleblower bekannt gemacht. Daraufhin wurde es beendet. 2011 berichtete dann das Wall Street Journal, Narus sei im Gespräch mit Libyens Diktator Muammar al-Gaddafi gewesen. Der habe sich für die Überwachungstechnologie interessiert. Nur der Bürgerkrieg habe die Verhandlungen unterbrochen. Narus erklärte zu dem Bericht, keine Auskunft über potenzielle Projekte zu geben. Narus-Technologie sei weder nach Libyen geliefert noch dort installiert worden.

Ein anderes Start-up, das ein wichtiges Teil zu dem IT-Puzzle der Geheimdienste beiträgt, ist Palantir. Der Name stammt aus Tolkiens Herr der Ringe-Saga, er bezeichnet einen Orakelstein. Palantirs Software ermöglicht, Telefon- und Internetdaten so zu sieben, dass sie das soziale Umfeld einer Person abbilden. Einer von Palantirs Gründern ist Peter Thiel. Der in Deutschland geborene Investor zählt zu den VIPs des Silicon Valley. Er gründete den Bezahldienst PayPal und war einer der ersten Investoren bei Facebook.