Über das Verhältnis von Politik und Fußball ist schon viel philosophiert worden. Nicht ohne Grund, beide sind massenrelevant, beide sind die vielleicht letzten großen Spiegel, in denen die Gesellschaft sich ansieht, manchmal sogar erkennt. Doch das Intimste, was es im Verhältnis zwischen Politik und Fußball überhaupt gibt, wurde bislang nie untersucht: das Fan-Sein des deutschen Abgeordneten.

Wer ist Fan? Wer nicht? Und welcher Verein hat die meisten Anhänger im Parlament? Wir wollten es genau wissen und haben – pünktlich zum Saisonstart – alle Bundestagsabgeordneten gefragt: "Für welchen deutschen Verein schlägt Ihr Fußball-Herz?"

Die Reaktion war überwältigend. Von den 620 Abgeordneten beteiligten sich 536 an der ZEIT-Umfrage. "Tolle Idee!", antworteten viele, endlich einmal widmeten sich Journalisten den wirklich wichtigen Fragen. Aber es gab auch Skepsis, vor allem bei der Union: "Wollen Sie das wegen Hoeneß wissen?", erkundigten sich gleich mehrere Büroleiter. Fußball ist nie nur Fußball. Schon gar nicht im Wahljahr.

Auch die SPD war bisweilen dünnhäutig. Generalsekretärin Andrea Nahles werde sich nicht äußern, hieß es knapp. Unsere Ankündigung, auch Nichtinteresse fließe in die Statistik ein, gefiel erst recht nicht: "So stellen wir uns die Zusammenarbeit mit der Presse nicht vor. Wir beteiligen uns nicht. Punkt." Ein weiterer SPD-Abgeordneter wollte nicht veröffentlicht wissen, dass er Dortmund-Fan sei. Schon einmal habe ihm das ein CDU-naher Lokaljournalist zum Nachteil ausgelegt. Insgesamt 84 Parlamentarier schickten keine Antwort.

445 Abgeordnete gaben an, Anhänger eines Fußballvereins zu sein. Das ist ein noch höherer Fan-Anteil als in der Bevölkerung insgesamt: 72 Prozent der Abgeordneten fiebern für einen Club, hingegen nur 65 Prozent der Bundesbürger (laut einer Allensbach-Umfrage aus dem Jahr 2012) – Willkommen im Fußballbundestag.

Politisch mag Berlin dominieren, fußballerisch triumphiert in Deutschland die Provinz. Die große Mehrheit der Fußballanhänger im Bundestag brennt für den Heimatclub. "Selbstverständlich unterstütze ich den Verein meines Wahlkreises", bekundeten viele Politiker – sogar wenn die Lokalmannschaft zweit- oder drittklassig spielt. Siegmund Ehrmann, Abgeordneter der SPD, etwa lobte "seinen" MSV Duisburg mit den Worten: "Der Verein muss rackern, um klarzukommen, und steht nach meinem Empfinden für die Menschen in der Region." Der CDU-Abgeordnete Wolfgang Bosbach hingegen bekundete sein stetes Bangen um den 1. FC Köln: "Da ich Rheinländer nicht nur von Geburt, sondern auch aus Überzeugung bin, werden Sie die Antwort schon ahnen."

Gerade jetzt, im Wahlkampf, liegt die Heimatliebe nahe. Aber sie hat ihre Grenzen. Immerhin 129 Parlamentarier nannten einen Verein, der nicht in ihrem Wahlkreis, ja nicht einmal in dem Bundesland beheimatet ist, in dem sie gewählt wurden.

Jetzt aber: Wer liegt vorn im Parlament? Der Fußballbundestag ist noch weitaus bunter als das politische Parlament mit seinen fünf Fraktionen, in der Gesamtstatistik aller genannten Vereine, die Sie hier visualisiert finden, tauchen 75 Vereine auf, darunter hochpolitische Clubs wie Roter Stern Leipzig und Vorspiel (Sportverein für Schwule und Lesben e. V.).

Anders als im Reichstag gibt es im Fußballbundestag keine Mehrheit und keine Minderheit, sondern zwischen vielen Splittergruppen nur zwei starke Fraktionen, eine schwarz-gelbe und eine rote: Dortmund und Bayern. Auf den Plätzen drei, vier und fünf folgen (etwas anders als zuletzt in der Bundesligatabelle) der SV Werder Bremen, der Hamburger SV und Schalke 04.

Die politische Farbenlehre ist spiegelverkehrt zur sportlichen

Die politische Farbenlehre ist spiegelverkehrt zur sportlichen – die Schwarz-Gelben sind Bayern-Fans, die Roten (und die Grünen) hängen Dortmund an. Anders, in Zahlen gesagt: 53 Bundestagsabgeordnete sind Bayern-Fans, 47 von ihnen sitzen für Union oder FDP im Parlament, bei SPD und Grünen verstecken sich nur sechs weitere Bayern-Anhänger, bei den Linken kein einziger.

Bei Dortmund hingegen ist der Befund umgekehrt: 53 Parlamentarier sind BVB-Fans, 40 davon kommen von SPD, Grünen und Linken, in den Regierungsfraktionen hat Dortmund jedoch nur 13 Anhänger. Martin Lindner (FDP) sagt: "Am Samstag bin ich für die Roten, sonst immer für Schwarz-Gelb", Manfred Helmut Zöllmer (SPD) kontert: "Echte Liebe: Schwarz-Gelb. Aber nur im Sport!" Fußball lädt offenbar zum Kalauern ein, hier darf jeder mal unter sein Niveau, nicht zuletzt das macht einen Teil der Faszination aus.

Das Ergebnis unserer Untersuchung liefert indes auch eine ernste Erkenntnis: Die Parteien, für die das Regieren alles ist, fiebern für den Verein, dem Siegen über alles geht (also: Schwarz-Gelb für Bayern). Die politischen Kräfte der sympathischen Vergeblichkeit hingegen, diejenigen also, die das Wir besonders intensiv auch in der Niederlage spüren, hängen dem Ruhrpottfußball an (also: SPD und Grüne für Dortmund und Schalke). Ist das nicht merkwürdig? Und irgendwie rührend?

Übrigens: Auf unsere Frage nach dem Lieblingsclub gaben gerade einmal vier Parlamentarier einen Club aus der Frauen-Fußballbundesliga als erste Wahl an – je einer von SPD und CDU, zwei von den Linken. Grüne und FDP müssen da wohl gendermäßig noch ein wenig nacharbeiten.