Der NSA-Skandal ist diesem jüngsten Buch über die Bundeskanzlerin noch unbekannt. Dennoch muss der Autor sich nicht grämen. Durch die NSA verliert sein Buch keineswegs an Haltbarkeit. Von einem politischen Gezeitenwechsel wird Ralph Bollmanns Analyse so wenig bedroht wie Angela Merkels Kanzlerschaft. Schon kurz nach Beginn der Schnüffelaffäre karikierte die Berliner Zeitung die Kanzlerin als Teflonpfanne (BLZ, 17.07.2013, Karikaturgalerie, Bild 23 von Heiko Sakurai; Anm. ZON-Redaktion). Was immer darin brutzelt – nichts bleibt an ihr haften. Positiv gesprochen: Da brennt nichts an. Sofern die Umfragen stimmen.

Die Deutsche heißt Bollmanns markig betiteltes Werk, Angela Merkel und wir. Der Buchumschlag dekretiert: "Die Deutschen haben in der Welt wieder ein Gesicht, es ist das von Angela Merkel." Der Rezensent befürchtet also nationaldiagnostische Krawallprosa, wird aber angenehm enttäuscht. Wahljahre gebären ja Stapel starkleibiger Politikprosa, doch dieser schmale Band ist wirklich lesenswert. Ralph Bollmann war Parlamentskorrespondent der taz und berichtet seit 2011 in der FAS über Wirtschaftspolitik. Sein ruhig und schlank geschriebener Text bilanziert in elf Themenkapiteln den Weg der Regierungschefin, deren Aufstieg, so das begründete Klischee, nur dank allseitiger Unterschätzung möglich wurde. Ihre Überschätzung befördert Bollmann bereits einführend: "Ob wir es wollen oder nicht, wir werden mit Angela Merkel identifiziert und identifizieren uns mit ihr."

Letzteres entscheidet jeder selbst, Ersteres das Ausland. Um dessen geneigtes Urteil über uns Deutsche hat sich die Kanzlerin jenseits von Griechenland verdient gemacht. Nüchternheit und Sparsamkeit erklärt Bollmann zu merkeldeutschen Eigenschaften, Effizienz und – notabene! – Prinzipientreue, "aber auch eine kühle Arroganz, die sich auf eigentümliche Weise mit einem ungelenken, bisweilen fast schüchternen Auftreten paart". Bekanntlich trat Deutschland schon sehr anders auf. Sein heutiges Ansehen in der Welt bedeutet eine wunderbare Begnadigung.

Aber das größte Merkel-Mirakel bleibt innerdeutsch. Wie gelang es dieser Berlin-brandenburgischen Wendeprofiteurin, die urwestlich-maskuline CDU erstens zu erobern, zweitens deren Inbegriff zu werden? Und dies nicht als Festungskommandeuse christdemokratischer Zitadellen, sondern durchaus als programmatischer Wendehals. Mehrheitsträchtige Konzepte der Konkurrenz werden entschlossen kopiert. Bollmann findet, Merkel habe die CDU stärker umgewälzt als das Land. "Anders als die modische Rede der Werbetexter von einem konservativen ›Markenkern‹ suggeriert, liegt die wahre Identität der CDU wohl in ihrem ehernen Machtpragmatismus." Angela Merkel erspürt Volkes Willen und etikettiert ihn als CDU-Politik – vorbehaltlich der "alternativlosen" Realität. Bollmann nennt Merkel eine "Deutschlandtherapeutin (...). Ihre hohen Sympathiewerte sind nicht zuletzt dem Umstand geschuldet, dass sie den Deutschen alle Zumutungen vom Leib hält." Jedenfalls bis zur Wahl. "Merkel wäre die letzte, die sich Parteibeschlüssen auf alle Zeiten verpflichtet fühlt."

Angela Merkels typischste DDR-Eigenschaft ist ihr Opportunismus. Der Rücken muss immer an eine Wand. Man mag dies als ideologiefern preisen, als Lebensklugheit und pragmatischen Sinn. Oder man sucht, zunehmend ratlos, nach dem Merkelschen Wesenskern. War die Umweltministerin Merkel echt? Oder dann die Kernkraft-Lobbyistin? Oder die AKW-Aussteigerin, nach Fukushima? Diente die wirkliche Angela Merkel sich 2003 dem Irakkriegstreiber George W. Bush als Freiheitsheroine an? Widerstand 2011 nunmehr eine Pazifistin allem Druck nach deutscher Beteiligung am Libyen-"Einsatz"? Entfernte Angela Merkel aus Taktik oder Überzeugung 2003 den antisemitelnden NS-Relativierer Martin Hohmann aus der CDU und 2007 den Filbinger-Lobredner Oettinger gen Brüssel? Und mit welchem Wertmaßstab missbrauchte sie 2010 Schloss Bellevue als Deponie für Christian Wulff und sabotierte die Bundespräsidentschaft ihres "Freundes" Joachim Gauck?

Ralph Bollmann beschreibt Angela Merkel als rapide lernenden Charakter. Fehler mache sie immer nur einmal. Die wahre Merkel aber gebe es nur situationsbedingt. Dann wird der Autor vorsichtig: "Manche halten Merkels Bekenntnis zum deutschen Judentum und zum Staat Israel vor allem für einen Lerneffekt aus ihren Fehlern in der Affäre Hohmann, andere sehen darin eine ihrer wenigen politischen Überzeugungen. Wenn es einen solchen Kernbestand ihres politischen Denkens gibt, dann zählt dazu auch das Bekenntnis zu Kapitalismus und Marktwirtschaft." 2011 gelang ihr das Unwort des Jahres: marktkonforme Demokratie.

Angela Merkels öffentlichstes Handicap ist ihre limitierte Rhetorik. In ihren Reden fliegt kein hochgemuter Geist. Viele schätzen ebendiese Nüchternheit, wobei man rätseln mag, was Merkel möchte und was sie nicht kann. Dies betrifft auch den verdrucksten Umgang mit ihrer ostdeutschen Biografie; Bollmann streift das en passant. Die Erzählung unserer doppeldeutschen Geschichte ist nicht nur Politikern aufgetragen. Dennoch hat die Kanzlerin aller Deutschen aus Mehrheitskalkül dieses Mandat verworfen – anders als Wolfgang Thierse, Matthias Platzeck, Gregor Gysi, Joachim Gauck, Christine Bergmann, Hans Misselwitz, Richard Schröder, Jens Reich...