AutobahnRast zur Mast

Der beste und der schlechteste Rasthof Deutschlands liegen im Osten, sagt der ADAC. Unser Autor Stefan Locke war mal dort. von Stefan Locke

Normalerweise versuche ich, auf Reisen keine Pausen einzulegen. Pausen kosten Zeit und einen Haufen Geld. Außerdem: Alle, wirklich alle, die man überholt hat, fahren einem danach wieder vor der Nase herum. Lkw-Fahrer und Caravanurlauber. Oder SUV-Fritzen, die auf ihren Hochsitzen gaaanz viel Zeit haben, aber diese immer auf der Überholspur totschlagen müssen. Fahrt doch Bahn!

Aber: Ich brauche dringend Sprit, noch dringender ein Klo. Und auch etwas zu essen. Benzin, Toilette, Burger King – mehr muss eine Raststätte nicht bieten. Meiner Meinung nach. Ich bin auf der A 2 unterwegs, Hannover–Berlin, kurz vor Magdeburg. Gleich kommt die Raststätte Börde Süd. Sie wurde jüngst, vom ADAC, mit dem Prädikat "Testsieger" versehen. Die beste Raststätte der Republik – im Osten, in Sachsen-Anhalt!

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Die schlechteste Raststätte der Republik liegt übrigens ganz in der Nähe, in Brandenburg, südwestlich von Berlin. Dazu später mehr.

Erst: Börde Süd. Wollen mal sehen, was das Ritz-Carlton unter den Autohöfen zu bieten hat.

"Gepflegte Anlage, viele Picknicktische, attraktiver Kinderspielplatz", urteilt der Autoclub. Und "Sanitäranlagen, die nicht nur optisch sauber waren, sondern auch bei allen Abklatschproben sehr gute Hygienewerte aufwiesen". Abklatschproben! Erst einmal muss ich an der Tankstelle 70 Cent aus dem Portemonnaie fummeln, um den Sanitärpalast betreten zu dürfen. Ein Schild verheißt "Berührungsfreie Armaturen". Klar, was das bedeutet: Die funktionieren nie, führen aber immer zu unfreiwilligen Pantomime-Nummern.

Nach der Performance darf man einen 50-Cent-Coupon mitnehmen. Einlösbar etwa für eine Currywurst mit Pommes zu 6,19 Euro. 6,19 Euro! Oder Rinderhack mit Zaziki, Kartoffel- und Krautsalat für 7,77 Euro. Das nehme ich. "Sie sind also hier die beste Raststätte?", frage ich. "Nee", antwortet die Verkäuferin lachend. "Wir jehör’n zur Mineralöljesellschaft, die Raststätte sind die da drüben." Tatsache: 50 Meter weiter steht hinter Bäumen und Sträuchern ein Rundbau mit Spielplatz. Der ist akkurat eingezäunt und beschildert. Dafür gab’s Pluspunkte beim Test. Nicht, dass sich noch Trucker auf die Rutsche setzen. Die dösen auf Campingstühlen im Schatten ihrer Lkw. Aus zwei Reisebussen schwärmen lärmende Teenager in das kleine Rasthaus.

Was sie dort finden: Toilettenräume ohne Drehkreuz; frei zugänglich. Mit Wasserhähnen, Seifen-, Handtuchspendern. Zum Selbstbedienen! "Bin seit zwei Jahren in Rente", berichtet die Klofrau. "Aber findet sich ja keener mehr, der det hier machen will." Ihre Chefs, die WC-Pächter, sitzen draußen beim Kaffee. Wie viel vom Tellergeld bekommen sie? "Betriebsgeheimnis!"

Gehen wir in den Gastraum. Zehn Tische stehen da. Es gibt Salatbuffet, Kuchen, Käsethekenmusik. Currywurst mit Pommes: 7,95 Euro. "Pasta, soviel auf den Teller passt": 8,88 Euro. Ich nehme einen Kaffee. 3,90 Euro. "Noch ein Stück Kuchen dazu, der Herr?" Nein, sage ich, und frage: "Sie sind doch beste Raststätte?" – "Ja, aber dit beantwortet Ihnen die Chefin." Und wo finde ich die? "Börde Nord, jejenüber!"

Über die Autobahn kann man schlecht laufen. Also ein Anruf bei der Betriebsleiterin: "Naumann hier. Neu nicht mehr, nur nau." Seit sie Testsiegerin ist, buchstabiert Vera Naumann ihren Namen routiniert. Viele Presseanfragen. "Schnell bitte, wir haben Hochbetrieb", sagt Frau Naumann. Wegen des Tests? "Nein, wegen der Ferien." Außerdem seien Stammkunden da. Echt? "Viele offenbaren sich jetzt und erzählen, dass sie immer nur bei uns halten, weil’s so schön hier ist." Aber warum sind Raststätten so unverschämt teuer? "Da wird pauschalisiert", sagt Frau Naumann, es gebe eine "Negativlobby". Man habe auch Günstiges im Angebot. Und: "Wir verwöhnen hier 24 Stunden am Tag und 365 Tage im Jahr unsere Kunden, da zahlt man vielleicht gern ein bisschen mehr."

Früher waren Ost-Raststätten in der Hand von Minol und Mitropa. Der Liter Sprit kostete 1,50 Mark. Immer. Egal, was irgendein Scheich sagte. Heute gehören fast alle Rasthöfe zu Tank & Rast. Die Firma verpachtet sie an eine Firma, die sie an die nächste Firma verpachtet, und so weiter. Eine Raststätten-Currywurst muss viele Leute ernähren.

"Sehr günstige Preise" habe dagegen der Autohof Plötzin, heißt es im ADAC-Test. Das war das einzig Positive, das den Testern dort auffiel. Plötzin soll der schlechteste Rasthof Deutschlands sein. Er liegt 100 Kilometer östlich von Börde Süd, an der A 10, westlicher Berliner Ring. Also fahre ich hin. Katastrophentourismus?

Auf dem riesigen Plötziner Parkplatz gibt es nur Stellplätze für Lkw. Es gibt eine Truckwaschanlage und im Laden das "Truckerfrühstück" – Männer um die 50, Trucker, sitzen an Tischen oder stehen draußen auf der Raucherinsel.

"Kein Behindertenparkplatz, keine Picknicktische, kein Kinderspielplatz", kritisiert der Autoclub. Die Gäste hier sehen nicht so aus, als hätten sie Lust auf Picknicks. Dies ist ein Truckstopp. Es gibt Spielautomaten. Bockwurst mit Getränk – 3,49 Euro. Den Kaffee mit Croissant für 2,19 Euro. "Aktion, weil unsere Kaffeemaschine neu ist", sagt ein Verkäufer euphorisch.

Den Weg zum WC weist ein mit Kuli beschriebenes A 4-Blatt. Kein Automat, kein Drehkreuz, keine Aufpasser. Nur ein Teller: "Toilettenbenutzung 50 Cent". Das sei ein Problem, sagte Pächter Mike Wagner kurz nach dem ADAC-Test Journalisten. Seit umliegende Raststätten 70 Cent fürs Geschäft verlangten, steuerten Reisebusse Plötzin im Konvoi an. Da komme sein Team mit dem Putzen nicht nach. Heute sagt er: "Ich sage lieber nichts mehr." Auf die Medien ist er sauer. "Nicht anhalten, bitte weiterfahren!", haben sie im Radio über seinen Autohof gesendet. "Das ist doch Rufschädigung. Und dafür zahl ich auch noch Gebühren!" Den Test selbst findet Wagner in Ordnung, die Mängel nehme er ernst, er arbeite daran.

Die Vereinigung Deutscher Autohöfe arbeitet daran, mehr Klo-Kunden von der Autobahn zu locken. Für 50 Cent WC-Gebühr gibt’s an immer mehr Autohöfen einen 70-Cent-Wertbon zurück. Könnten Reisende so reich werden? Pinkel durchs pinkeln? Schön wär‘s. Je mehr Leute dafür rechts ranfahren, desto freier wird meine Fahrt.

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Leserkommentare
  1. In Amerika habe ich übrigens noch nie für eine Toilette bezahlt, an einer Tankstelle oder wo auch immer.

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  2. 2. Teuer

    Die Raststätten sind so teuer, weil sie der Staat teuer verkaufte. Der Kaufpreis muß halt bezahlt werden.
    Das sind doch Steuern. Steuern zahlen wir nicht nur mit Zigaretten und Sprit, sondern auch beim Pinkeln.

    Das meißtverkaufte ist da Red Bull für 3,99. jetzt kann sich jeder seinen Teil über das Publikum und das System denken.

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  3. In Skandinavien zahlt man auch nichts fürs Klobesuch.

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  4. 4. [...]

    Entfernt. Bitte beteiligen Sie sich nur, wenn Sie einen konstruktiven Beitrag zur Diskussion leisten möchten. Danke, die Redaktion/jk

  5. ... bei diesem "amüsanten Artikel" (Kommentar 1) der Informationsgehalt?

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    bedeutet "unterhaltsam, belustigend, erheiternd; vergnüglich, Vergnügen bereitend". Ein amüsanter Artikel kann deshalb auch nur amüsieren und muss nicht unbedingt informieren ;-)

  6. bedeutet "unterhaltsam, belustigend, erheiternd; vergnüglich, Vergnügen bereitend". Ein amüsanter Artikel kann deshalb auch nur amüsieren und muss nicht unbedingt informieren ;-)

    3 Leserempfehlungen
    Antwort auf "Und wo ist ..."
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    Entfernt Bitte bleiben Sie beim konkreten Thema des Artikels. Danke, die Redaktion/jk

  7. 7. Fuenf

    Nach dem ersten Absatz musste ich grinsen. Mir gehts genauso wie dem Autor.

    Wenn ich wirklich mal was essen möchte, fahre ich bei Burgerking ran. ADAC-Gutschrift 1€, Sanifair-Gutscheine zum Sammeln. Abgesehen davon, dass bei Burgerking das Essen nicht 3x so teuer ist als abseits der Autobahn.

  8. 8. [...]

    Entfernt Bitte bleiben Sie beim konkreten Thema des Artikels. Danke, die Redaktion/jk

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    Antwort auf "Amüsant"
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    [...] in BaWü gibt es an vielen Raststätten ordentlichen Wurstsalat.


    Gekürzt. Bitte bleiben Sie beim Thema des Artikels. Danke, die Redaktion/jk

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