Serie Das war meine Rettung"Raus aufs Meer"

Als Günter Rohrbach "Das Boot" produzierte, drohten die Kosten ihn zu ruinieren. Doch dann wurde der Film ein Hit. von Louis Lewitan

ZEITmagazin: Herr Rohrbach, was hat sich an den menschlichen Beziehungen in unserer Gesellschaft geändert?

Günter Rohrbach: Ich spüre, wie sehr wir alle auf unsere persönlichen Interessen fokussiert sind. Es ist schwierig geworden, Gemeinschaft zu erleben, das liegt auch an den heutigen Kommunikationsformen. Wenn ich mich heute etwa mit einem Fernsehredakteur verabreden möchte und zu hören bekomme: "In den nächsten drei Wochen klappt das leider nicht", oder: "Können wir einen Telefontermin verabreden?" – dann stimmt doch etwas nicht. Der unmittelbare, menschliche Umgang scheint in einem System komplizierter Terminfixierungen verloren zu gehen. Das ist befremdlich für mich, geradezu absurd.

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ZEITmagazin: Sie haben einmal gesagt, dass Sie die Vergangenheit hinter sich gelassen haben und nach vorne schauen. Aber wenn man die lange Liste Ihrer Filme betrachtet, geht es um die Themen des Zweiten Weltkrieges.

Günter Rohrbach

85, leitete von 1965 an beim WDR die Abteilung Fernsehspiel. Von 1979 an produzierte er als Geschäftsführer der Bavaria Filme wie "Das Boot", "Die unendliche Geschichte" und "Schtonk!". Ihm zu Ehren vergibt seine Heimatstadt jährlich den Günter-Rohrbach-Filmpreis, zum nächsten Mal am 8. November

Rohrbach: Es geht ja nicht um meine persönliche Vergangenheit, sondern um die unseres Landes und auch die der Welt. Im Juni 1945 war ich 16 Jahre alt, da kamen die ersten Nachrichten über die schrecklichen Verbrechen, die die Deutschen begangen hatten. Das war für mich ein traumatisches Erlebnis, das mich für mein ganzes Leben geprägt hat. Nach den Bildern von Buchenwald, von Auschwitz, von den Leichenbergen und den Gaskammern war ich damals der festen Überzeugung, dass die Welt uns das nie verzeihen und ich immer Teil eines weltweit geächteten Volkes sein würde.

ZEITmagazin: Dennoch gingen Sie zum Studium nach Frankreich. Wie wurden Sie dort als Deutscher empfangen?

Rohrbach: Dort passierte das Wunder: Ich wurde in Paris von den französischen Studenten freundlich und interessiert aufgenommen. Wir Deutschen wurden wieder Teil der Weltgemeinschaft in einer Schnelligkeit und Unkompliziertheit, die für mich überraschend war. Dass ich Ende der siebziger Jahre gegen die enormen Einwände in der ARD und in weiten Teilen der Öffentlichkeit für den Kauf der Serie Holocaust gekämpft habe, hat mit meiner Erfahrung 1945 zu tun.

ZEITmagazin: Wie steht es um Ihr Heimatgefühl?

Das war meine Rettung
Alle Interviews aus der Serie des ZEITmagazins zum Nachlesen

Alle Interviews aus der Serie des ZEITmagazins zum Nachlesen   |  © qsus/photocase

Rohrbach: Ich stamme aus Neunkirchen im Saarland. Direkt nach dem Abitur habe ich, unter dem Gejohle meiner Kumpel, den gesamten Inhalt meiner Schultasche oben von der Brücke aus in die Saar gekippt. Das war mein Statement: Ich will hier weg.

ZEITmagazin: Wären Sie ohne diesen radikalen Bruch dort angekommen, wo Sie heute sind?

Rohrbach: Sicherlich nicht. Meine Flucht aus der Provinz, aus dem saarländischen Dialekt, war wohl meine Rettung. Heimat war für mich eine Fessel, etwas, das an mir klebte und mich in meiner Entwicklung hemmte. Ich bin also weg und habe den Kontakt zu allen Freunden, außer einem, abgebrochen. Das war sehr heftig! Als ich 2011 anlässlich der Verleihung des nach mir benannten Filmpreises wieder zurückkam, habe ich die alten Plätze wieder aufgesucht, und es kam doch ein nostalgisches Gefühl auf. Ich habe inzwischen meinen Frieden mit meiner Heimat gemacht.

ZEITmagazin: Als Filmproduzent trägt man das finanzielle Risiko. Gab es eine Situation, die Sie fast ruiniert hätte?

Rohrbach: Als ich als Geschäftsführer der Bavaria Das Boot produziert habe. Regisseur Wolfgang Petersen und ich wollten aus dem Stoff nicht nur den verlangten Fernsehmehrteiler, sondern auch einen Kinofilm machen. Dafür mussten wir aber raus aufs Meer. Wir wussten nicht, auf welche Dimension wir uns da eingelassen hatten, es war meine erste wirklich große Filmproduktion. Dann passierte etwas völlig Unvorhergesehenes: Das Boot, das vor La Rochelle lag und die Größe eines normalen U-Boots hatte, aber innen hohl war, brach nach dem vierten oder fünften Drehtag auseinander, in der Nacht bei einem gewaltigen Sturm.

ZEITmagazin: Wie haben Sie diese Katastrophe verkraftet?

Rohrbach: Nachts würgten mich die Dämonen, doch tagsüber arbeitete es in mir, wir mussten unbedingt eine Lösung finden, die Kosten stiegen und stiegen. Bei der Bavaria hat man schon damit gerechnet, na ja, das wird der Rohrbach nicht überleben. Ich konnte Wolfgang Petersen davon überzeugen, mit dem halben Boot weiterzuarbeiten. Einige Szenen hatten wir ja bereits mit dem großen Boot gedreht, für die fehlende Rückfahrt in den Hafen fuhr die Kamera dann so über die Köpfe der Mannschaft, dass der Eindruck entstand, sie stünde auf dem ganzen Boot. Allerdings hatten wir den Film auf 18,5 Millionen Mark kalkuliert, und am Schluss waren wir bei 30 Millionen. Ein Wahnsinn.

Louis Lewitan

gehört neben der Fotografin Herlinde Koelbl, Lara Fritzsche und Ijoma Mangold zu den Interviewern unserer Gesprächsreihe. Der Psychologe und Coach lebt und arbeitet in München

ZEITmagazin: Wie kamen Sie da raus?

Rohrbach: Dank eines amerikanischen Agenten, der den Weltvertrieb übernahm. Er konnte den Film, während wir noch drehten, für etwa fünf Millionen Dollar vorverkaufen. Das hat uns gerettet.

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Leserkommentare
    • hirmer
    • 10. August 2013 22:43 Uhr

    Nach Wikipedia hat Herr Rohrbach in Neunkirchen(Saar) das Abitur abgelegt.
    Sie schreiben "Direkt nach dem Abitur habe ich, unter dem Gejohle meiner Kumpel, den gesamten Inhalt meiner Schultasche oben von der Brücke aus in die Saar gekippt." Die Saar fliesst nicht durch Neunkirchen, sondern die Blies. Ist Herr Rohrbach mit seinen Kumpeln eigens die 20 km nach Saarbrücken mit der Bahn gefahren um die Schulsachen von der Luisenbrücke in die Saar zu werfen oder hat doch die heimatliche Blies gereicht?

    Von Herrn Rohrbach als Produzent schätze ich "Das Boot" und von seiner Zeit als Programmdirektor des WDR habe ich "Klimbim" in bester Erinnerung.

    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    ...sie haben einen für meine Begriffe, wirklichen, wenn nicht sogar den eindruckvollsten Anti-Kriegsfilm," Mit-erschaffen"!
    Obwohl dieser nur die Handlung des dt. Seekrieges wiedergibt, so ist dieser Film trotzdessen doch, "Stellvertretend" für alle Truppenteile, als Mahnung für alle Zeiten zu erkennen .

    Ich hab als kleiner Lausbub in den 80ern ihr Mit-Werk, mit meinem Vater anschauen dürfen und es hat mich sehr geprägt.

    Danke !

  1. ...sie haben einen für meine Begriffe, wirklichen, wenn nicht sogar den eindruckvollsten Anti-Kriegsfilm," Mit-erschaffen"!
    Obwohl dieser nur die Handlung des dt. Seekrieges wiedergibt, so ist dieser Film trotzdessen doch, "Stellvertretend" für alle Truppenteile, als Mahnung für alle Zeiten zu erkennen .

    Ich hab als kleiner Lausbub in den 80ern ihr Mit-Werk, mit meinem Vater anschauen dürfen und es hat mich sehr geprägt.

    Danke !

    Antwort auf "Eine kleine Nachfrage"
  2. dort lief es in mehreren Teilen mit englischen Untertiteln. Diese waren allerdings so schlecht übersetzt, dass ich bezweifle ob ein native speaker irgendetwas daraus entnehmen konnte - z.Bsp. meint der KaLeu mal nach einem Fast-Treffer durch ein englisches Torpedo anerkennend "Nicht schlecht, Herr Specht" und im Untertitel stand "Not bad, Mr. Woodpecker"... Da wird sich manch einer gefragt haben, woher der KaLeu den Namen des Torpedoschützen kennt!

    Eine Leserempfehlung

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