Jesus-BiografieJesus auf allen Kanälen

Bei Youtube und Buzzfeed klickten vier Millionen Menschen Reza Aslan – dann schnellte sein Buch an die Spitze der Bestsellerlisten von 

Wenn ein Verlag für 320 Millionen Amerikaner nur 13.000 Exemplare eines neuen Jesus-Buches druckt, rechnet offenbar keiner damit, dass daraus, nun ja, ein Bestseller wird. Aber genau das ist geschehen. Zealot: The Life and Times of Jesus of Nazareth wird am kommenden Sonntag auf Platz eins der New York Times-Bestsellerliste stehen. Nur drei Wochen nachdem es erschienen ist.

Die geringen Erwartungen an das Buch könnten der Irrtum des Jahres im amerikanischen Literaturbetrieb sein. Auch einen deutschen Verleger hat es noch nicht gefunden. Wer ist schon Reza Aslan gegen papa emeritus Benedikt XVI., der in den vergangenen Jahren drei Bücher über Jesus schrieb und vom ersten Band gleich 500.000 Exemplare verkaufte? So könnte den deutschen Verlegern der Gedanke gekommen sein, die Jesus-Bücher-Leserschaft sei erst einmal erschöpft.

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Dass sich das Interesse an einem Buch schwer vorhersehen lässt, ist bekannt. Doch aus der kurzen, irren Erfolgsgeschichte dieses Buches lässt sich etwas lernen: was ein Autor heute braucht, um ganz nach oben zu gelangen. Reza Aslan hatte im Jahr 2005 ein recht erfolgreiches, in 13 Sprachen übersetztes Buch über Gott geschrieben: No God but God: The Origins, Evolution, and Future of Islam. Also nahm ihn ein Lektor von Random House, Will Murphy, gerne unter Vertrag. Und noch besser: Aslan ist nicht nur ein guter Autor, er kann sich in Interviews auch gut präsentieren, kann unterhalten, erklären – und sich wehren. Er ist, kurz gesagt, medientauglich, sogar telegen. Der Verlag Random House, der zum gleichnamigen Buchkonzern, dem mit Abstand größten der Welt, gehört, hatte deshalb für die erste Woche nach Erscheinen des Buches einige Interviews organisiert: mit dem Onlinemedium Huffington Post, mit dem öffentlich-rechtlichen Radio NPR und dem TV-Sender MSNBC.

Höhepunkt der Woche war jedoch ein Auftritt in der Daily Show des TV-Senders Comedy Central. In den USA ist das ungefähr so viel wert wie ein Auftritt bei Günther Jauch und Maybrit Illner zusammen, denn Comedy ist für Millionen Amerikaner die wichtigste Quelle für politische Informationen. Welchen Stellenwert Jon Stewart, der Moderator der Daily Show, hat, konnte man vor drei Jahren sehen, als dieser eine zwar satirische, aber nichtsdestoweniger politische Demonstration gegen die Regierenden in Washington organisierte, zu der mehr als 200.000 Menschen kamen.

Bereits am Ende der ersten Woche hatte Aslan dann statt der erhofften 13.000 Bücher mehr als 80.000 verkauft, ein Platz auf den Bestsellerlisten war ihm sicher, und dieser Erfolg stachelte den konservativen Pastor John Dickerson an, auf den Onlineseiten des nicht minder konservativen TV-Senders Fox News eine Polemik zu veröffentlichen, die sich im Wesentlichen darauf konzentrierte, dass Aslan Muslim sei und sein Buch eine durch den islamischen Blick belastete Schrift gegen das Bild von Jesus, das viele Millionen Christen teilen. Nun gab es in der Debatte auch noch den passenden Provokateur.

Von diesem Moment an, dem Mittwoch vor zwei Wochen, erhitzten sich die Gemüter auf dem Kurznachrichtendienst Twitter. Auch auf den Seiten des Onlinehändlers Amazon tobte ein Rezensionskrieg zwischen Lesern, die das Buch abgrundtief verabscheuten und es mit nur einem von fünf Sternen bewerteten – und einer Gegenfraktion, die genauso pauschal fünf Sterne vergab. Aber, wie Will Murphy von Random House sagt, den entscheidenden Anreiz, das Buch zu kaufen, hätten die Rezensionen nicht gegeben. Twitter schon eher.

Als Aslan zwei Tage später, am Freitagabend vorvergangener Woche, bei Fox News auftrat und von der Moderatorin hart angegangen wurde, erreichte die Debatte ihren Höhepunkt. Mitschnitte des Interviews erzielten auf dem Videoportal YouTube und dem Onlinemedium Buzzfeed nahezu vier Millionen Abrufe. Endgültig geschlossen hat sich der Erregungskreislauf dann, als die New York Times am darauffolgenden Montag einen Artikel über den Aslan-Hype veröffentlichte und Random House bekannt gab, nach dem Fox-Interview seien die Verkaufszahlen noch einmal um 35 Prozent gestiegen.

Inzwischen hat Random House acht Auflagen gedruckt und 280.000 Exemplare verkauft. Und die Debatte? Sie zieht ihren nächsten Kreis: Lektor Will Murphy sagt, man sei nun wieder im Gespräch mit deutschen Verlegern.

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Leserkommentare
  1. Ist Random-House bekannt für gute Bücher? Habe ich noch nichts gehört... haarsträubende Marketing-Strategien und Preisdumping, ja, davon schon.

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  • Schlagworte Jesus | Buch | Fox | Comedy | Show | TV-Sender
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