OrkneyinselnSchottische Avantgarde

Die Orkadier der Jungsteinzeit errichteten gewaltige Tempelanlagen, Dörfer und Steinkreise, als andere Kulturen noch kaum sesshaft waren. Auf den Orkneyinseln gibt es die beeindruckenden Reste ihrer Kultur zu sehen. von Angelika Franz

Der Ring von Brodgar

Der Ring von Brodgar   |  CC BY 2.0:Shadowgate/Flickr

So in etwa muss sich fühlen, wer in einem Dorf aufgewachsen ist und zum ersten Mal nach New York kommt. Bisher kannte ich an jungsteinzeitlichen Megalithkreisen nur Stonehenge. Jetzt stehe ich in der Mitte des Ring of Brodgar und bin überwältigt. Gewöhnlich gilt Stonehenge in Südengland als Symbol für das technische Know-how und die Tiefe des religiösen Lebens in der Jungsteinzeit. Aber die Steinkreise in der Ebene von Salisbury wirken wie ein Lego-Modell gegen das, was hier auf den Orkneys steht. Der Ring of Brodgar bringt es locker auf die doppelte Größe. Und dahinten, in Sichtweite, stehen schon die nächsten Steine: die Standing Stones of Stennesse. Die hatten schon lange Moos angesetzt, als Stonehenge noch ein Ring aus Holzpfählen war. Vier von zwölf der Standing Stones sind heute übrig, der höchste davon ragt fast sechs Meter in den orkadischen Himmel.

Hier oben im Norden Schottlands lag vor rund 5.000 Jahren das Zentrum einer neuen Kultur. Während anderswo in Nordeuropa die Menschen gerade aufgehört hatten, den Herden hinterherzulaufen, um es stattdessen einmal mit Ackerbau und Viehzucht zu probieren, tobte auf den Orkneys bereits das urbane Leben. Während die ersten nordeuropäischen Bauern mit Flechtwerk und Lehm experimentierten, bauten die Orkadier Dörfer aus Stein, monumentale Tempelanlagen und riesige Steinkreise.

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In den Wochen des kurzen orkadischen Sommers, in denen die Sonne nie so weit unter den Horizont taucht, dass es völlig dunkel wird, scheinen ebenso viele Archäologen wie Touristen auf den Inseln zu sein. Ich bin selbst als Archäologietouristin gekommen, zur besten Grabungszeit, um mir die gewaltigen Reste aus der Jungsteinzeit anzusehen. Als Basislager dient mir Kirkwall, die 6.000-Seelen-Hauptstadt an der Nordküste der 40 Kilometer langen und 26 Kilometer breiten Hauptinsel Mainland.

Die neolithische Hauptattraktion der Insel ist die Ausgrabung am Ness of Brodgar. Seit ein Bauer dort vor zehn Jahren Ruinen entdeckte, weil sein Pflug an einem riesigen bearbeiteten Steinblock hängen geblieben war, herrscht Aufruhr in der britischen Archäologie. "Zuerst haben wir Besuchern gesagt, dies sei eine wichtige jungsteinzeitliche Grabung", erzählt Roy Towers vom Orkney College. "Dann fingen wir an, Besuchern zu sagen, dies sei die wichtigste jungsteinzeitliche Grabung Großbritanniens. Heute sagen wir – und zwar ohne rot zu werden –, dies ist die wichtigste jungsteinzeitliche Grabung Europas."

Wir stehen auf einem wackligen Gerüst am Rand der Grabungsfläche und vergleichen die Zeichnungen auf Towers’ Karten mit den Mauern, die unter uns die Archäologen Stein für Stein mit der Maurerkelle freilegen. Die Karten sind laminiert – zum Schutz vor Regenschauern. Auch heute sprüht der Nieselregen alles mit gleichmäßigem Wassernebel ein, unterstützt von einem kalten Wind, dem man auf dem Aussichtsgerüst schutzlos ausgeliefert ist. Die Archäologen in den Grabungsschnitten haben es da etwas leichter: Die Vergangenheit ist windgeschützt.

Towers hat heute die "Vormittagsschicht" mit den Besuchern übernommen; später wird er wieder hinabsteigen zur eigenen Grabungsarbeit. Wir sind etwa 15 Besucher, Archäologen auf Reisen, archäologiebegeisterte Laien und zufällig in die Führung hineingestolperte Gäste. Damit die Linien auf Towers’ Karten und die Steinmauern unten in der Grabung für alle gleich viel Sinn ergeben, erzählt der Archäologe, worauf wir da schauen: "Unter dem Feld des Bauern fanden wir eine Ansammlung von Gebäuden. Eines davon, das sogenannte Structure Ten, ist ein wahrhaft monumentales Bauwerk: 25 Meter lang und 20 Meter breit." Die fünf Meter dicken Mauern stehen noch heute bis zu einer Höhe von einem Meter. Zu einer Zeit, als Häuser in Europa eine relativ junge Erfindung waren, stellten Menschen hier ein Bauwerk gewaltigen Ausmaßes hin. Es muss in einem neolithischen Orkadier eine ähnliche Ehrfurcht erweckt haben wie eine Kathedrale in einem Bürger des Mittelalters. Vermutlich diente die Structure Ten als Tempel – und zwar für ebenjene Götter, für die auch die großen Steinkreise Britanniens errichtet wurden.

Die Steinkreise. Towers zeigt unter den tief hängenden Wolken gen Nordwesten. "Dort hinten sehen wir den Ring of Brodgar", sagt er. Tatsächlich greifen am nordwestlichen Ende des Ness of Brodgar die Megalithen des riesigen Steinkreises nach den Wolken. Towers dreht sich um und zeigt nach Südosten: "Und da sind die Standing Stones of Stenness." So eng liegt hier alles beisammen: zwei der bedeutendsten Megalithanlagen Nordeuropas und dazwischen die mysteriöse "Kathedrale".

Leserkommentare
  1. 1. Steine

    Ich weiss nicht, warum alte Steine manche Frauen so faszinieren, aber ich habe mir etliche davon anschauen dürfen. War ganz gut so :-) aj

  2. habe zufällig die Tage eine interessante Webseite mit Panoramen entdeckt

    http://worldwidepanorama....

    dort hat's schöne Luftbilder von etlichen der Kultstätten.
    (aber schnell den Ton abdrehen - was hat er sich dabei gedacht??)

    überhaupt - Schottland, Irland, Wales - weg vom Tourismus und in der Geschichte stöbern - das ist Urlaub.

    • uboot
    • 22. August 2013 17:04 Uhr

    Wir hatten vor Jahren auf einem Segeltörn die Möglichkeit fast alle genannten Sehenswürdigkeiten zu bewundern. Ein befreundeter pensionierter norwegischer Schulleiter führte uns durch
    Standing Stones und in dunkle Gräber. (Danke Kjell+ Jorunn!). Auch die "Calanish Stones" auf Lewis sind einen Besuch wert.

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