Doch, doch, man kann diesem bereits mehrfach preisgekrönten Roman, den die Leserinnen und Leser in Frankreich, Italien, Spanien, Rumänien und Südkorea zu Hunderttausenden feiern, auch Vorhaltungen machen. Man kann monieren, dass einige Figuren zu wenig ausgearbeitet sind, dass sie zu wenig Innenleben entwickeln, dass die Sprache wenig elaboriert ist. Man kann bemängeln, dass die Liebesgeschichte, um die sich alles dreht, eine seltsam oberflächliche bleibt, weil sie über Floskeln der gegenseitigen Zuneigung nicht hinauskommt. Und man kann die Auflösung des Kriminalfalls als ein bisschen zu konstruiert bezeichnen. Doch, doch, das alles kann man tun.

Aber all diese Einwände erscheinen beckmesserisch angesichts dieses erstaunlichen Romans, den der 28-jährige Genfer Joël Dicker in die Welt geworfen hat. Die Wahrheit über den Fall Harry Quebert ist eine bodenlose Frechheit. Da erdreistet sich ein Jungspund, es den Großen seines Fachs, also etwa Philip Roth oder John Irving, nicht nur gleichzutun, sondern sie streckenweise an Raffinesse auch noch zu überbieten. Es zeugt schon von einem großen Selbstvertrauen, wenn man in einem so bescheidenen Alter einen so ausgeklügelt konstruierten Roman schreibt, der mit allen Gesetzmäßigkeiten des Genres spielerisch leicht umgeht.

Da hat sich einer also vor drei Jahren einfach hingesetzt, um, wie er sagt, einen "amerikanischen Roman" zu schreiben. Er hat die Kritiken an seinen früheren Büchern (und das waren bei diesem Wunderkind, das schon im Alter von zehn Jahren eine Zeitschrift über Tiere gegründet hat, auch schon zwei) genau analysiert und seine Schlüsse daraus gezogen. Er hat seine Schreibe amerikanisiert, ist also schneller geworden, zupackender – und hat vor allem einen Stoff, einen Plot, gesucht, der die Leserinnen und Leser über 700 Seiten fesselt. Gefunden hat er ihn im berühmten Schriftsteller Harry Quebert, dessen Leben auf der Sonnenseite im Jahre 2008 ins Dunkle gewendet wird, weil in seinem Garten die Leiche einer seit über 30 Jahren vermissten Teenagerin gefunden wird. Dies trägt sich zu in Aurora, New Hampshire, Neuengland, einer Gegend, die Joël Dicker aus den Sommerferien seiner Jugend vertraut ist. Bei der Toten wird ein Manuskript des Romans Der Ursprung des Übels gefunden, der den Ruhm von Quebert begründete. Der Text erzählt die Geschichte einer unmöglichen Leidenschaft zwischen einem älteren Mann und einer viel jüngeren Frau.

Der 28-Jährige hat auf Französisch einen amerikanischen Roman verfasst

Und nun wird das Buch von der Realität übertroffen und aufgefressen. Denn Harry Quebert hatte mit der getöteten Kindfrau, die auf den bedeutungsschwangeren Namen Nola hörte, damals eine (mehr oder weniger platonische) Liebesbeziehung, die er auch sofort eingesteht. Die moralinsaure amerikanische Öffentlichkeit, ohnehin aufgepeitscht durch die Kandidatur Barack Obamas für die US-Präsidentschaft, nimmt sich den Intellektuellen, der die minderjährige Nola Kellergan vernascht und dann im eigenen Vorgarten entsorgt haben soll, zum Fraß vor, der alternde Schriftsteller kommt in Untersuchungshaft, um mangels Beweisen bald wieder freigelassen zu werden.

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Diese unerhörte Geschichte wird wiederum erzählt von einem anderen Schriftsteller, Marcus Goldman, einem Schüler von Quebert. Der Adlatus macht sich daran, aufzuklären, was wirklich geschehen ist, ob also sein Lehrmeister seine Angebetete wirklich umgebracht hat – und bringt mit seinen zutage geförderten "Wahrheiten" das verschlafene Städtchen in Aufregung. Auch das Denkmal, das er sich von Harry Quebert gemeißelt hat, wird bröcklig.

Wir erleben, wie ein neues Manuskript ein altes überwuchert, wie hinter einer angenommenen Wahrheit eine andere steckt, die auch nicht unbedingt wahr sein muss. Wir erleben, wie es mehrere Sichtweisen geben, wie man sich die Welt zurechtzimmern kann. Wir erleben also, wie ein Autor arbeitet. Die Wahrheit über den Fall Harry Quebert, das sich in Frankreich schon fast eine Million Mal verkauft hat, ist nicht zuletzt ein Buch übers Schreiben. (Die Einschübe, in denen Quebert seinem Schützling Goldman sentenzenhaft erfolgreiches Schreiben einhämmert, hätte sich der Autor allerdings sparen können.)

Mit der Grundstruktur des Romans schafft Dicker mehrere Dinge gleichzeitig. Einerseits kann er viele ewig aktuelle Themen wie Öffentlichkeit, Lebenslügen und den Preis des Erfolges diskutieren. Andererseits hat er eine Erzählstruktur aufgespannt, die es erlaubt, in Rück- und Vorblenden den Kriminalfall langsam aufzudröseln – um dann wiederum den Leser, der sich des Täters schon sicher zu sein scheint, in seiner Gewissheit wieder zu enttäuschen. Es ist ein sorgsam geordnetes Buch, das, trotz seiner komplizierten Unterstruktur, den Leser nie allein lässt. Der Kriminalfall wird geschickt dazu genutzt, das Eigentliche wie nebenbei zu erzählen: Was Menschen alles machen, um so zu scheinen, wie sie am liebsten von den anderen wahrgenommen werden würden. Auch in diesem Sinne hat der Westschweizer Dicker auf Französisch ein sehr amerikanisches Buch geschrieben. Einen Roman, der die Ingredienzien für einen Weltbestseller hat.

Schreibt Dicker über die Buchbranche, zeigt er satirische Schärfe

Und – auch das noch! – das Buch ist lustig. Gerade der Erzählstrang, der sich mit den Vermarktungsmechanismen der Buchbranche befasst, ist von satirischer Schärfe. Wie Marcus Goldman von seinem New Yorker Verleger gezwungen wird, in Windeseile einen möglichst knalligen Bestseller über seine Recherchen in Aurora zu schreiben, das tut weh, weil es wahr ist. Tröstlich für uns Romantiker, dass Goldman (und mit ihm Dicker) das Buch zwar schreibt, sich aber vom Verleger nicht zum Boulevard verführen lässt.

Kurz: Joël Dicker aus Genf hat einen Roman geschrieben, der einem zeigt, was möglich ist, wenn ein junger Mensch den Mut hat, schreibend aufs Ganze zu gehen.