Selbstoptimierung : Das tollere Ich

Weniger schlafen, produktiver arbeiten, besser leben: Wie Menschen sich mithilfe der Technik selbst optimieren.
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Brian Fabian Crain, Programmierer und Doktorand der Psychologie, 27 Jahre alt, braucht nur Sekunden, um das schlechte Gewissen seines fehlbaren Gegenübers zu aktivieren. Er nippt am grünen Tee, Kaffee lehnt er ab. Sein blonder Fünftagebart ist perfekt gestutzt, das Gebiss strahlend weiß, der Körper schlank und durchtrainiert. Crains Ziel ist es, ein besserer Mensch zu sein. Wie, das beschreibt der Berliner so: "Mehr und besser arbeiten, gesünder sein und glücklicher, eine gute Beziehung führen und die Zeit besser verbringen. Kurz: Ich will mir bewusst sein, wie ich lebe."

Wie schön das klingt!

Wer möchte nicht gesünder, bewusster und glücklicher sein? Im Unterschied zur bräsigen Masse versucht Crain aber jeden Tag ernsthaft, sich an diese immer perfektere Version seiner selbst Zentimeter für Zentimeter heranzuarbeiten.

Crain ist ein Selbstoptimierer. Und damit ein Prototyp des modernen Individuums. Er weiß, dass die Gegenwart ihm tausend Möglichkeiten bietet. Und er ist entschlossen, aus seinem Dasein das Maximum herauszuholen. Damit er seinem Ziel nicht untreu wird und sich selbst entwischt, kontrolliert er sich rund um die Uhr mithilfe seines ganz persönlichen Überwachungstrupps, bestehend aus kleinen Maschinen: Sensoren, die er am Körper trägt, Programmen auf seinem Laptop, Apps auf dem Smartphone.

Dr. Max: Die Selbstüberwacher kommen Mit Kleingeräten und Smartphone-Apps lassen sich alle möglichen Körperdaten messen. Manch einer macht die permanente Selbstdiagnose zum Hobby. Ist das noch gesund?

Wenn Crain sich bewegt, zählt ein kleiner Stick am Bund seiner Jeans jeden Schritt: 5200 hat er heute schon getan. Zwischen 8000 und 18.000 Schritten liegt sein tägliches Soll. Immerhin an die 14 Kilometer. Dieser Stick, sagt er, motiviere ihn, mehr zu laufen.

Auch die Arbeit unterliegt der Quantitätskontrolle: Wenn er sich an den Schreibtisch setzt, öffnet Crain ein Programm, das er "Produktivitäts-Log" nennt. Jede halbe Stunde notiert er, was er gemacht hat, und bewertet die eigene Effizienz. Grafiken zeigen ihm, wie viel er in der letzten Woche geschafft hat. Wie viel im letzten Monat. Wie viel im ganzen Jahr. Das Programm, sagt er, bringe ihn dazu, konzentrierter zu arbeiten.

Selbst über die Freizeit legt Crain sich Rechenschaft ab, dazu nutzt er einen Internetdienst. Der kontrolliert, ob er einmal pro Woche fastet, ob er tatsächlich jeden Monat ein Buch liest und verlässlich jeden zweiten Tag Türkisch lernt, wie er sich das vorgenommen hat. Immer und überall kann er die Diagramme einsehen, die seine gesetzten Ziele mit dem Geleisteten abgleichen.

Wenn Crain am Abend ins Bett geht, ist immer noch nicht Ruhe: Er legt sich ein schwarzes Stirnband um. Dieses misst seine Gehirnaktivität und sendet die Daten auf sein Handy. Am Morgen begrüßt ihn eine Grafik seines Schlafmusters: Montag, steht dann da, 73 Minuten Traumphase, 120 Minuten Tiefschlaf, 156 Minuten Leichtschlaf, 5 Mal aufgewacht. Der Schlafmesser, erzählt er, habe ihm geholfen, seine Schlafdauer auf durchschnittlich fünfeinhalb Stunden pro Nacht zu senken. Er schläft jetzt offenbar schneller.

"Das alles hilft mir in meinem Leben extrem", sagt er. "Wenn ich sehe, dass ich meine Ziele erreiche, macht mich das glücklich. Früher hatte ich immer ein gewisses Schuldgefühl, weil ich dachte, ich arbeite nicht genug oder ich verschwende meine Zeit. Und jetzt, da es messbar ist, kann ich mich endlich kontrollieren."

Brian Fabian Crain ist nicht nur ein Selbstoptimierer. Er ist auch ein Selbstvermesser oder "Self-Tracker", wie er es nennen würde. Man könnte ihn obendrein als Trendsetter bezeichnen. Denn langsam, aber stetig erreicht eine Bewegung das alte Europa, die vor sechs Jahren im Silicon Valley, Kalifornien, ihren Ausgang nahm. "Quantified Self – Selbsterkenntnis durch Zahlen" nennt sie sich. Und sie vereint zwei große Trends unserer Zeit: den Wunsch nach menschlicher Perfektion mit dem Glauben an die Segnungen digitaler Technologie. Gary Wolf, einer der Gründer von Quantified Self, schreibt in der New York Times: "Normalerweise schlägt man einfach nur wild um sich beim Versuch, etwas in seinem Leben zu verändern. Beginnt man aber, verlässliche Daten über sich selbst zu sammeln, ändert sich alles."

Die Idee, sich selbst mithilfe von Protokollen zu kontrollieren, ist uralt: Auch Goethe hatte eine Art Zwang zur Tagesbilanz

Und auch der Berliner Crain hält sich für einen Pionier bei der Erfüllung des alten Menschheitstraums, die Kluft zwischen Wollen und Handeln zu überwinden. Gut vorstellbar, dass Crains Verhalten demnächst die Norm sein wird. Noch mag es vielen fremd erscheinen, den eigenen Körper, den Geist, ja den Schlaf obsessiv zu überwachen. Noch lauscht man einem wie Crain zwar voll Bewunderung, doch am Ende eher irritiert und verstört. Aber was, wenn Crain wirklich Avantgarde ist?

Die Optimierungspraxis sei an die Stelle der alten Glaubenslehren getreten, sagt der Philosoph Peter Sloterdijk. Er nennt dieses permanente Nach-oben-Streben "Vertikalspannung". Nachdem alle Ideologien ausgedient hätten, bleibe dem freien Menschen bloß mehr diese eine große Metaidee: Mach das Beste aus dem eigenen Leben. Manche lehnen dieses Prinzip als pure Leistungsideologie ab. Sie fürchten, der Mensch könnte sich den Gesetzen von Markt, Effizienz und Anpassung – kurz: einer totalitären Kontrolle – bedingungslos unterwerfen. Andere sehen in permanenter Selbstüberwachung und Selbstverbesserung eine letzte Bastion des Individuums: Die Hoheit über den eigenen Körper und das eigene Tun sei in einer unüberschaubaren Welt mit ihren unkontrollierten Dynamiken das letzte Feld persönlicher Autonomie. Wieder andere bejubeln die Chancen und Herausforderungen der Disziplinierung und beschwören ungeahnte Fähigkeiten, die der Mensch entwickeln könnte, stünde ihm nicht die eigene Willenlosigkeit und Trägheit im Wege.

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