Pro: Ich bin für Selbstdisziplin, weil sie glücklich macht

Vor Jahren stand ich an einem Skihang und sah einem Jungen dabei zu, wie er eine extrem steile Riesenslalompiste hinunterfuhr, wie er einen Abhang, der mir alle Knochen gebrochen hätte, geradezu hinunterflog. An den Armen hatte er Plastikteile befestigt, die ihn wohl vor dem Kontakt mit den Stangen schützen sollten und die von der tief stehenden Sonne erleuchtet wurden wie transparente Flügel. Es war ein erhebender Moment, in dem mir klar wurde, wie großartig es ist, irgendetwas richtig gut zu können. Als ich eine halbe Stunde später in der Talstation eintraf, stand er schon in einem Partyzelt am Billardtisch, er war keine zwölf, der Latz seiner Rennhose hing herunter, sein Kopf glühte, um ihn herum ein paar Fünfjährige, die ihn anhimmelten. Er war die Verkörperung von cool, und er musste Hunderte von Stunden geübt haben, um so gut zu werden.

Selbstdisziplin ist kein schönes Wort, es klingt zwanghaft und nach Selbstkasteiung. Doch wenn etwas gut werden soll, braucht man sie einfach, man braucht sie beim Schreinern, beim Motorradreparieren, beim Kochen einer Carbonara – eingeübte Handgriffe sind nötig, damit diese Dinge gelingen. Um genialische Leistungen zu erbringen, muss ein Mensch angeblich 10.000 Stunden üben. Die Reihen eines Weinbergs, ein exakt geschichteter Holzstoß: brought to you by people with Selbstdisziplin. Glücksforscher sagen, dass Menschen, die sich etwas vornehmen und es bewältigen, in einen Zustand von Selbstvergessenheit geraten, und wenn Apps dabei helfen, besser zu leben, glücklicher zu sein, von seinen Wünschen nicht nur zu labern – warum denn nicht?

von Heike Faller

Contra: Ich wäre lieber ein feiner Mensch als ein besserer

Auf meinem iPhone befinden sich mehrere Apps, die mein Leben leichter machen sollen – Apps, die angeblich dabei helfen, seine Tage zu strukturieren, Abläufe zu verbessern und die einen an unangenehme, aber notwendige Dinge erinnern (21 Uhr: Sport!). Ich habe mir diese Apps heruntergeladen, weil ich die Idee, die dahintersteckt, im Prinzip gut finde: Dinge geregelt zu kriegen beziehungsweise sie besser geregelt zu kriegen, auf eine bestimmte Art moderner. Denn ein moderner Mensch möchte man ja schon auch sein, und dazu gehört, dass man mit den Anforderungen der Moderne auch zurechtkommt. Das heißt: effektiv im Beruf sein, ein erfülltes Privatleben haben, dazu gesund sein und sportlich, weil sich das besser anfühlt und attraktiver macht.

Keine von diesen Apps habe ich je benutzt – vielleicht bin ich zu blöd, vielleicht zu faul, vielleicht glaube ich aber auch, dass ein vermeintliches Mehr an Kontrolle des Alltags tatsächlich eher ein Kontrollverlust ist. Ich delegiere die Verantwortung für ein Leben an eine Maschine – und für welches Ziel? Um ein besserer Mensch zu werden, so wie es die Philosophen dieser Quantified-Self-Bewegung behaupten? Aber vielleicht geht es auch gar nicht darum, ein besserer Mensch zu werden, vielleicht ist das eine falsche Kategorie.

In dem autobiografisch gefärbten Roman Sommer des Lebens schreibt der südafrikanische Literaturnobelpreisträger J. M. Coetzee, dass er immer versucht habe, ein feiner Mensch zu werden – und wahrscheinlich ist das ein Unterschied. Wahrscheinlich wäre es sogar wichtiger, ein feiner Mensch werden zu wollen als ein besserer Mensch, aber dafür gibt es keine Apps, keine Programme.

von Matthias Kalle