Sharleen Spiteri"Mein Weg in die Freiheit war die Musik"

Sharleen Spiteri, Sängerin der Band Texas, hat noch immer Alpträume von ihrer Klassenlehrerin. Auch eine Auseinandersetzung mit Paris Hilton verdankt sie ihr. von Christoph Dallach

Seit meiner Kindheit träume ich immer wieder davon, dass ich in einer riesigen Teetasse aufwache. Die Tasse ist leer, und ich komme nicht heraus, weil das Porzellan so glitschig ist, dass ich immer wieder abrutsche. Mit viel Mühe schaffe ich es dann doch immer wieder an den Rand, aber kurz bevor ich rausklettern kann, kommt eine alte Frau, die mitleidig lächelt und die Tasse so lange schüttelt, bis ich wieder abrutsche und es von Neuem versuche.

Sharleen Spiteri

45, geboren in Bellshill, Schottland, ist die Sängerin der Gitarrenpop-Band Texas. Die war seit 1986 mit Hits wie "I Don’t Want a Lover" und "Summer Son" erfolgreich und verkaufte bislang mehr als 30 Millionen Alben. Nach achtjähriger Auszeit erschien dieses Jahr ihr Comeback-Album "The Conversation"

Diese bösartige Dame ist eine ehemalige Klassenlehrerin von mir, die mich nie ausstehen konnte. In der Grundschule habe ich lange unter ihr gelitten. Sie machte mir klar, dass ich es nicht weit bringen würde. Diese Botschaft verfolgte mich bis in meine Träume. Vermutlich als Reaktion darauf kam bei mir in der Schule das Gefühl auf, dass ich mich niemals unterkriegen lassen darf.

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Mein Weg in die Freiheit war die Musik. Aber auch der Start mit unserer Band Texas war holprig. Wir bekamen zwar schnell einen Plattenvertrag, und wir durften nach Los Angeles reisen, um dort mit Bernard Edwards, dem berühmten Musiker von der Band Chic, unser Debütalbum zu produzieren, was ein Traum für mich war. Leider ließ sich Bernard Edwards nie blicken, weil er erst mal irgendeine persönliche Krise überwinden musste. Wir warteten eine Woche lang, dann flogen wir zurück nach Glasgow. Die Kosten für das gebuchte, aber ungenutzte Studio mussten natürlich wir tragen. Es war ein Albtraum. Das Gute daran war, dass wir so gleich am Anfang auf alle Enttäuschungen und Desillusionierungen des Musikgeschäfts eingestimmt wurden.

Ich konnte immer ziemlich gut meinen Willen durchsetzen, vielleicht weil ich mich schon von früh auf durchbeißen musste. Insbesondere für Frauen war und ist die Musikbranche sehr hart, oft demütigend. Für Musikerinnen gilt, dass sie zehnmal so gut wie Männer sein müssen, zehnmal so viel arbeiten müssen, um überhaupt wahrgenommen zu werden. Tausende Male habe ich Nein gesagt zu erotischen Fotos und ähnlichem Quatsch. Man muss nur konsequent sein, dann wird man irgendwann ernst genommen.

Ich habe einen Traum
Alle bisherigen Träume zum Nachlesen

Alle bisherigen Träume zum Nachlesen  |  © Miss Jones/Photocase

Auf einer Party in London geriet ich vor einigen Jahren einmal mit Paris Hilton aneinander, die wohl der Gegenentwurf zu allem ist, was mir wichtig ist im Leben. Die tanzte plötzlich mit ihren High Heels auf einem Stuhl, auf dem der Mantel einer Freundin lag. Ich bat sie sehr nett, das zu lassen, sie ignorierte das. Also pustete ich ihr mit einem Strohhalm ein wenig Eis in den Ausschnitt. Da hatte ich ihre Aufmerksamkeit und die ihrer Bodyguards. Ich machte denen klar, dass sie richtig Ärger mit mir und vielen meiner Freunde bekommen würden, wenn sie nicht schnell abzischten. Einer ihrer Bodyguards erkannte mich, nahm mich ernst und zog dann mit der schimpfenden Paris Hilton ab. Dafür muss ich mich wohl bei meiner Grundschullehrerin bedanken, die mir indirekt beigebracht hat, mich durchzusetzen.

Diesen Artikel finden Sie als Audiodatei im Premiumbereich unter www.zeit.de/audio

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Leserkommentare
  1. 1. Danke

    Bisher mochte ich die Musik von Texas und ihre Stimme.
    Nach diesem Interview sind sie mir äußerst sympathisch und mich freut es für sie, wenn ich für ihre Musik Geld auszugeben habe.

    2 Leserempfehlungen
    • drhwenk
    • 18. August 2013 23:42 Uhr

    die internalisierung des leistungsprinzipes ist bei inelligenten menschen schwer ohne durschauung zu bewerkstelligen. da musik und medienberieb sehr viel mitpsycholgie zu tun hat, dort noch schwieriger. hier haben wir es mit eine fast buchstäblichen. "traumatiserungsvariante" zu tun. die "ichbildung" als schutz vor ängsten, hier werden die inder mit ihre rückführung aller ängste auf todesängste schon recht haben. japanische grüner teetrinker haben die meisten gesunden lebrensjahre und höchste lebenserwartung (anti-krebs?). das hat die junge frau irgendwo, vielleicht verdrängt, mal mitbekommen und der tee symbolisiert auch sonst östliche überlebenstechnik. sicher, auch ein wenig "klassenkampf" in der popmusik. um ihre klassenlehrerin endgültig zu besiegen, kann sich die junge frau, und der leser, die "popanalytische 68er" philosophie deleuze/guattaris aneignen. da steht auch sowas. könnte selbst frau hilton interessieren.

    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    Es ist erheblich schwieriger, sich mit Kunst, auch Musik, zu "befreien", als Tätigkeit, alsihr Ruf. Da sehr stark mit den sinnen umgegangen wird, hat man es immer mit den "Üblichen", "normalisierten", Assoziationen zu tun, in denen die Autoritätsverhältnise und überkommene Traditionen immer mitsprechen und mitklingen.
    Die kritischer Funktion, dies dann in Songs beispielsweise zu kritisieren, geht meist auch nur für ein oder zwei "Ketten".
    Wirkliche Freiheit liegt nur in den voll durctarget="_blank" hreflektierten selbstgemachten Ideen und Tätigkeiten - (Rationalismus)). Der Konventionalismus, Normalismus, ist auch in der Musikpraxis extrem schwierig in seine Myriaden von Details zu überwinden. Daher bleibt fast nur der soziologische Gewinn.

    Das Setting von Träumen ist da zum Teil am schlimmsten, weil das Selbstgemachte eben fast völlig unter den "normalisierten", noch-nicht-sprachliche Assoziationsketten verschwindet. Alpträume sind "Traumatisierungen" mit großer Aufschrift drauf. Nur die rationale bewusste "Ordnung des Verstandes" bringt "Befreiung"", das Phantasieleben bleibt sehr oft in vertiefter und verfestigten Intensität der Übermacht der Welt und der anderen und deren Zeichen stecken. Die "reaktionäre" Romantik.... .

    Popmusik ist ja schon wichtig.

  2. Es ist erheblich schwieriger, sich mit Kunst, auch Musik, zu "befreien", als Tätigkeit, alsihr Ruf. Da sehr stark mit den sinnen umgegangen wird, hat man es immer mit den "Üblichen", "normalisierten", Assoziationen zu tun, in denen die Autoritätsverhältnise und überkommene Traditionen immer mitsprechen und mitklingen.
    Die kritischer Funktion, dies dann in Songs beispielsweise zu kritisieren, geht meist auch nur für ein oder zwei "Ketten".
    Wirkliche Freiheit liegt nur in den voll durctarget="_blank" hreflektierten selbstgemachten Ideen und Tätigkeiten - (Rationalismus)). Der Konventionalismus, Normalismus, ist auch in der Musikpraxis extrem schwierig in seine Myriaden von Details zu überwinden. Daher bleibt fast nur der soziologische Gewinn.

    Das Setting von Träumen ist da zum Teil am schlimmsten, weil das Selbstgemachte eben fast völlig unter den "normalisierten", noch-nicht-sprachliche Assoziationsketten verschwindet. Alpträume sind "Traumatisierungen" mit großer Aufschrift drauf. Nur die rationale bewusste "Ordnung des Verstandes" bringt "Befreiung"", das Phantasieleben bleibt sehr oft in vertiefter und verfestigten Intensität der Übermacht der Welt und der anderen und deren Zeichen stecken. Die "reaktionäre" Romantik.... .

    Popmusik ist ja schon wichtig.

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    • Narses
    • 19. August 2013 4:18 Uhr

    Hä.........??????

    • Narses
    • 19. August 2013 4:18 Uhr

    Hä.........??????

  3. 5. Toll!

    Sharleen Spiteri ist großartig! Die Band ebenfalls!
    Leider finde ich das jüngste Album ein wenig zu dahinplätschernd, in einer Liga mit Musikern, die schon sehr lange Musik machen und am Ende entstehen dabei die langweiligsten Alben. Allerdings sind sie live unschlagbar! Ich werde in Köln dabei sein.

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  • Serie Ich habe einen Traum
  • Schlagworte Paris Hilton | Band | Botschaft | Grundschule | Schule | Traum
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