Seit meiner Kindheit träume ich immer wieder davon, dass ich in einer riesigen Teetasse aufwache. Die Tasse ist leer, und ich komme nicht heraus, weil das Porzellan so glitschig ist, dass ich immer wieder abrutsche. Mit viel Mühe schaffe ich es dann doch immer wieder an den Rand, aber kurz bevor ich rausklettern kann, kommt eine alte Frau, die mitleidig lächelt und die Tasse so lange schüttelt, bis ich wieder abrutsche und es von Neuem versuche.

Diese bösartige Dame ist eine ehemalige Klassenlehrerin von mir, die mich nie ausstehen konnte. In der Grundschule habe ich lange unter ihr gelitten. Sie machte mir klar, dass ich es nicht weit bringen würde. Diese Botschaft verfolgte mich bis in meine Träume. Vermutlich als Reaktion darauf kam bei mir in der Schule das Gefühl auf, dass ich mich niemals unterkriegen lassen darf.

Mein Weg in die Freiheit war die Musik. Aber auch der Start mit unserer Band Texas war holprig. Wir bekamen zwar schnell einen Plattenvertrag, und wir durften nach Los Angeles reisen, um dort mit Bernard Edwards, dem berühmten Musiker von der Band Chic, unser Debütalbum zu produzieren, was ein Traum für mich war. Leider ließ sich Bernard Edwards nie blicken, weil er erst mal irgendeine persönliche Krise überwinden musste. Wir warteten eine Woche lang, dann flogen wir zurück nach Glasgow. Die Kosten für das gebuchte, aber ungenutzte Studio mussten natürlich wir tragen. Es war ein Albtraum. Das Gute daran war, dass wir so gleich am Anfang auf alle Enttäuschungen und Desillusionierungen des Musikgeschäfts eingestimmt wurden.

Ich konnte immer ziemlich gut meinen Willen durchsetzen, vielleicht weil ich mich schon von früh auf durchbeißen musste. Insbesondere für Frauen war und ist die Musikbranche sehr hart, oft demütigend. Für Musikerinnen gilt, dass sie zehnmal so gut wie Männer sein müssen, zehnmal so viel arbeiten müssen, um überhaupt wahrgenommen zu werden. Tausende Male habe ich Nein gesagt zu erotischen Fotos und ähnlichem Quatsch. Man muss nur konsequent sein, dann wird man irgendwann ernst genommen.

Auf einer Party in London geriet ich vor einigen Jahren einmal mit Paris Hilton aneinander, die wohl der Gegenentwurf zu allem ist, was mir wichtig ist im Leben. Die tanzte plötzlich mit ihren High Heels auf einem Stuhl, auf dem der Mantel einer Freundin lag. Ich bat sie sehr nett, das zu lassen, sie ignorierte das. Also pustete ich ihr mit einem Strohhalm ein wenig Eis in den Ausschnitt. Da hatte ich ihre Aufmerksamkeit und die ihrer Bodyguards. Ich machte denen klar, dass sie richtig Ärger mit mir und vielen meiner Freunde bekommen würden, wenn sie nicht schnell abzischten. Einer ihrer Bodyguards erkannte mich, nahm mich ernst und zog dann mit der schimpfenden Paris Hilton ab. Dafür muss ich mich wohl bei meiner Grundschullehrerin bedanken, die mir indirekt beigebracht hat, mich durchzusetzen.

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