WahlkampfDie Klingelstrategie

Bis zur Wahl will die SPD fünf Millionen Unentschlossene überzeugen – an der Haustür. Ein Versuch am Niederrhein von 

Um der deutschen Sozialdemokratie aus ihrem Dauertief zu helfen, muss Karin Wietheger erst mal die Gegensprechanlage überwinden. Wietheger, rote Brille, kurzes Haar, steht vor einem grauen Wohnblock am Rande des Ruhrgebiets und guckt auf die Klingelschilder. Deutsche, polnische, türkische Namen. "Hauptsache, man wird reingelassen", sagt sie und klingelt. Die Tür geht auf. Ein alter Mann in kurzen Hosen lugt aus seiner Wohnung ins Treppenhaus.

"Hallo, wir kommen von der SPD", ruft Karin Wietheger und wedelt mit einer Infobroschüre. "Ich brauche keinen Besuch", schimpft der Mann. "Schon gar nicht von der SPD!" Er dreht sich um und knallt die Tür hinter sich zu. Wietheger zieht die Augenbrauen hoch. Am Kragen ihrer Sommerjacke steckt ein untertassengroßer Button: "Miteinander im Gespräch".

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Wietheger, 68 Jahre, seit 25 Jahren in der Partei, ist auf Wahlkampftour in Voerde, einer Kleinstadt am Niederrhein, 20 Kilometer nördlich von Duisburg. An ihrer Schulter baumelt eine rote Umhängetasche, gefüllt mit SPD-Kugelschreibern, SPD-Lutschern und SPD-Brausepulver. "Giveaways" sagen die Marketingexperten der Berliner Wahlkampfzentrale. "Geschenke", sagt Wietheger.

Ihre Hausbesuche sind Teil eines großen Plans. Bis zur Bundestagswahl am 22. September will die SPD fünf Millionen Menschen an ihren Wohnungstüren besuchen. "Wir müssen direkt auf die Wähler zugehen, wenn wir sie zurückgewinnen wollen", sagt die SPD-Generalsekretärin Andrea Nahles, die den Haustürwahlkampf organisiert.

Keine Partei hat in den letzten Jahren so viele Stimmen an das Lager der Nichtwähler verloren wie die SPD. Gelänge es ihr, die alten Sympathisanten zur Wahl zu bewegen, könnte sie von derzeit 25 auf über 30 Prozent der Stimmen kommen, schätzt das Meinungsforschungsinstitut INSA. Falls die Wahlbeteiligung nicht zu niedrig ausfällt.

An diese Menschen will Nahles heran. Leute wie Karin Wietheger sollen ihr dabei helfen. Wie ein Türöffner sollen sie der SPD Zugang verschaffen zu ihren enttäuschten Anhängern. In Genossenschaftswohnungen, Plattenbauten, Schrebergärten. Sie sollen die Sprache der Bürger sprechen, sie sollen zuhören und nicht nur Broschüren, sondern auch einen guten Eindruck hinterlassen. Sie sollen die SPD wieder zu dem machen, was sie in den Augen vieler ehemaliger Anhänger schon lange nicht mehr ist: eine Kümmererpartei.

Barack Obama hat 2012 mit dieser Strategie die Präsidentschaftswahlen gewonnen. Nahles war damals in den USA, auf dem Nominierungsparteitag der Demokraten in North Carolina. Sie glaubt, dass der Haustürwahlkampf auch den deutschen Sozialdemokraten helfen kann.

Aus den USA zurückgekehrt, schickte Nahles Wahlkampftrainer in die Ortsverbände. Sie ließ eine Onlineplattform einrichten, auf der die Hausbesuche organisiert werden sollen, und eine Broschüre drucken. Darin steht, was die Genossen an der Haustür tun und lassen sollen (zuhören statt reden), wie lange sie bleiben dürfen (maximal drei Minuten) und wann sie niemals klingeln sollten (während der Sportschau und nach der Dämmerung). Gesteuert wird der Haustürwahlkampf von Berlin aus. Auf dem SPD-Konvent im Juni sagte Parteichef Sigmar Gabriel: "Das wichtigste technische Hilfsmittel im Wahlkampf ist nicht das Internet, es ist der Klingelknopf."

Hausbesuche sind nicht neu, schon Willy Brandt klopfte an Türen. Neu ist die Dimension der Kampagne. Fünf Millionen Besuche – dafür müsste jedes SPD-Mitglied im Schnitt an zehn Türen klingeln. Dieses Mal reicht es nicht, wenn nur die Kandidaten selbst Hausbesuche machen.

Deshalb steht Karin Wietheger jetzt in einem stickigen Hausflur mit bunter Raufasertapete. Neben dem Eingang wartet ein Rollator, an der Wand hängt ein röhrender Hirsch in Öl. Wietheger will schlummerndes Potenzial wachklingeln. Davon gibt es hier genug. "Früher war das hier ein sicheres SPD-Revier", sagt sie. Heute gibt es in der Voerder Arbeitersiedlung vor allem Nichtwähler. Bei der Landtagswahl 2012 lag die Wahlbeteiligung bei 40 Prozent. Die Hälfte dieser 40 Prozent wählte SPD. Perfektes Wahlkampfterrain. Hätte es da nicht die Agenda 2010 gegeben, sagt Karin Wietheger. Die meisten Leute, die hier zu Hause sind, haben nicht gearbeitet, sie haben malocht. In Kohlezechen, Stahlwerken und Gießereien. Sie haben einen kaputten Rücken oder zerschundene Knie. Sie verstehen nicht, warum eine Arbeiterpartei die Rente mit 67 fordert. Bei der Bundestagswahl 2009 sackte die SPD in Voerde von 45 auf 32 Prozent. Das Direktmandat ging an die CDU, zum ersten Mal seit 1969. "Das war ein Schock", sagt Wietheger. Ihr Vater war Bergmann, die Mutter Hausfrau. Die halbe Familie hat ein Parteibuch von der SPD. "Ich bin da reingeboren", sagt Wietheger. Auch deshalb geht sie heute von Haus zu Haus.

Doch mehr als die Hälfte der Türen bleibt verschlossen. Das liegt am guten Wetter und an der deutschen Mentalität. In den USA sind Hausbesuche normal. Auf Deutsche wirken sie aufdringlich. Laut einer Emnid-Umfrage vom Juli 2013 würden zwei Drittel einem Wahlkämpfer nicht einmal die Tür öffnen. Wer für seine Partei an fremden Wohnungen klingelt, muss damit rechnen, für einen Zeugen Jehovas gehalten zu werden.

Manchmal redet Karin Wietheger bei ihrer Klingelpartie sogar über Politik. Mit der Frau aus dem zweiten Stock zum Beispiel, die erst ihre Wellensittiche zeigt und dann über ihre Rente klagt. 15 Jahre lang habe sie als Zimmermädchen, danach als Hausfrau gearbeitet. Hätte sie keine Witwenrente, müsste sie von 180 Euro im Monat leben. Karin Wietheger hört zu, sie redet von besserer Kinderbetreuung. Dann überreicht sie ihr Flugblatt und verlässt das Haus.

Draußen sitzen Männer auf Plastikstühlen und trinken Tuborg aus der Dose. Karin Wietheger drückt ihnen SPD-Werbung und einen roten Flaschenöffner in die Hand. "Das Wir entscheidet" steht auf den Flyern. "Das Bier entscheidet" steht auf dem Öffner. Die Jusos haben sich den Witz mit dem Flaschenöffner ausgedacht. Keiner der Tuborg-Trinker lacht. Ob sie für die SPD stimmen werden? Ob sie am 22. September überhaupt wählen gehen? Karin Wietheger weiß es nicht. Sie kann nur hoffen. Und genau das ist das Problem.

Leserkommentare
    • Ropo
    • 17. August 2013 9:49 Uhr

    Da hat Andrea Nahles mal wieder etwas durcheinandergebracht. Der Hausbesuch ist in der Regel eine störende Angelegenheit. Sich 3 Minuten solche Sätze anhören wie: "Hallo, ich bin von der SPD" und "Wir kümmern uns um Sie", um danach noch einen Kugelschreiber zu bekommen (früher gab es die berühmte "roten Rosei",) ist ein ziemlich infantiles-albernes "Miteinanderreden". Offensichtlich meinte Franz Müntefering mit seiner Aussage: Ich bin schockiert über den Wahlkampf", dass Andrea Nahles bis jetzt keine zündende Wahlkampfstrategie zustande gebracht hat.
    Wenn es bei mir klingelt, wird nur dem Postboten oder der Postbotin geöffnet.

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    Was hat denn Andrea Nahles überhaupt zustande gebracht, außer Ihr Arogantes Lächeln was auszeichnet zur SPD. passt. Vielleicht kann Mir irgend jemand erklären warum diese Gazprom EX.Kanzler Schröder Partei noch den Begriff SOZIAL im Namen führt. Also Ich bei diesem Verein nichts Soziales mehr entdecken.

  1. wie "den Leuten zuhören" und "maximal 3 Minuten" zusammenpassen sollen? (erklärt sich mir höchstens durch 14.000 Freiwillige, die an 5.000.000 Türen klingeln sollen?!)
    Ansonsten wäre es noch sicher nicht die schlechteste Idee

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    • sf2000
    • 19. August 2013 6:24 Uhr

    ... richtig verstanden. Der wußte genau, wo er klingeln muss. Der wußte sogar, wenn er in einem Mehrfamilienhaus klingelt, wessen Opa und wessen Schwiegermutter er mit Stickern versorgen muss, damit im richtigen Bezirk die richtigen Stimmen für den Staat zusammenkommen.

    Ok, Obama wußte es nicht, aber sein Team aus hochtechnisierten Spezialisten wußte das. Hierzulande könnte man eigentlich stattdessen nur wissen, dass die Demokratie in Deutschlands Haushalten nicht erwünscht ist, die soll entweder draussen vorm Supermarkt am Stand stehen oder abschaltbar und umschaltbar im Fernsehen warten. Am besten soll sie auf dem Marktplatz stehen und über Artischocken in Dosen reden, dann wird sie sogar Kanzlerin. Ich meine Merkel, so als Gipfel der Demokratie.

  2. Frau Nahles sollte wissen, dass der Wahlkampf nach amerikanischem Muster keinen Erfolg unter deutschen Waehlern verspricht.Mit Flugblaettern und Flaschenoeffnern allein ueberzeugt die SPD niemanden. So dumm sind die Menschen nicht. Wenn so viele Waehler nicht mehr zu den Urnen gehen wollen, dann stimmt etwas nicht im System. Es kommt ein Gefuehl auf als ob die Parteien sich von der Wirklichkeit des taeglichen Lebens losgeloest haetten.

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    wenn man "gelernter" Politiker ist und nie in einem richtigen Beruf gearbeitet hat. Diese ganzen "Experten", die sich Parlament die Hintern platt sitzen beweisen doch höchstens mal ihre "Kompetenz", wenn es darum geht wieder die Diäten und Pensionen zu erhöhen...

    Ich hoffe, bei mir klingelt mal so eine Pappnase - ich werde gerne mal meine meine Meinung kundtun! ^^

  3. Zitat: "Früher war das hier ein sicheres SPD-Revier"

    Kann sein, früher gab es ja auch eine SPD, die diesen namen auch verdient hat...
    Kann es auch sein, das die führenden Politiker es immer noch nicht kapiert haben, das die (potentiellen) Wähler eben doch eine Ahnung von der aktuellen Politik & der Parteilandschaft haben?
    Stimmen mit einem Lutscher kaufen?!?
    Na viel Erfolg mit dieser "Wahlkampfstrategie" - und das musste man sich auch noch in den USA "abschauen"???
    Beides spricht für wahre Kompetenz!!!

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    Das finden nicht nur Sie lächerlich.
    Da sollte sich die SPD mal ein Beispiel an Berlusconi nehmen.
    Da gab es richtig Euronen für jede Stimme an ihn!

  4. Aus meiner Sicht ist die Sache die: Das Leben ist ungerecht. Aber im allgemeinen propagieren die Parteien, dass das Leben nicht ungerecht ist, dass Leistung sich lohnt, dass das gegenwaertige Wirtschafts-System das einzig moegliche ist.
    Das deckt sich nicht mit der Lebenserfahrung sehr vieler Leute. Deshalb werden Politiker (zu Recht) als Wolkenkuckucksheimer gesehen, die das Leben nicht verstehen, oder eben auf der Sonnenseite des Lebens geboren wurden.

    Sobald Politiker sichtbar daran arbeiten bestehende Ungerechtigkeiten (die nur von einer kleinen Elite als Gerechtigkeit empfunden werden) zu beseitigen, werden sie auch wieder Gehoer finden.

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    • hgp123
    • 18. August 2013 10:38 Uhr

    Wenn es um die Stimmen geht dann wissen sie wo das Volk wohnt, ansonsten aber wenn Du ein Problem hast, komme ich mir zumindest vor wie eine lästige Schmeißfliege.
    Ich habe mir schon vor längerer Zeit bei verschiedenen Parteien den Spaß erlaubt, wenn mir etwas aufstieß die entsprechende Partei anzuschreiben.

    Resultat: In der Regel dauerte es entsprechend lange, mitunter habe ich schon gar nicht mehr damit gerechnet, doch was dann kam war eine offensichtlich schon vorgefertigte blabla Rundschrift, welche mein eigentliches Anliegen (sofern überhaupt) gerade noch so streifte. Eigenwerbung aber bis zum abwinken. Wir die usw.usw...
    Ich hatte den Eindruck, dass das nach dem Motto ablief, nun schickt schon was hin damit Ruhe ist und wir haben immerhin geantwortet.
    Es ist mir schon klar, dass man nicht jedem exclusiv eine Antwort schicken kann, doch diese oberflächlichen Flugblätter als Antwort zu verkaufen grenzt an Frechheit.

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    • peter.s
    • 18. August 2013 11:42 Uhr

    Naja, "wer hat uns verraten..."

    Ich sage hier nichts Neues, aber ganz früher einmal wurde der Kaskaden- oder Dominoeffekt bei den schulischen Abschlüssen diskutiert: Wenn man als "Pötteschwenkerin" (Krankenschwester) Abi brauchte, was passierte dann mit den Mittlere-Reifinnen, und wo blieben die Hauptschülerinnen ab? Dito mit den Jungs - ich erspare Ihnen detailliertes Durchdeklinieren, das Problem besteht so heute nicht mehr, da wir ja allg. Mangel an ausbildungswilligen jungen Leuten bekommen haben.

    Genau dasselbe Prinzip, umgekehrt (nicht Verdrängung top-down, sondern Angstgehorsam bottom-up) aber hat die Riege um Schröder, Clement, Wie-heisst-nochmal-das SPD-Urgestein-mit-der-jungen-Ehefrau usw. aber zynisch angewandt, um zumindest all die Arbeitnehmer, die kein abgeschlossenes Studium (Uni bitte, FH reicht nicht) aufweisen können, brutalstmöglich zu disziplinieren; man hätte dies in der Tat von einer rechts-neoliberalen Regierung erwarten können (die darum auch schön "Danke" gesagt und alles so belassen hat), aber von der Arbeiterpartei? Das war der Hammer des Jahrhunderts.

    Angeblich nötig? Wir hatten einmal die sog. soziale Marktwirtschaft, mit wunderbarem sozialen Frieden und dem Kernelement "Sozialpartnerschaft"; die einzigen "von unten", die hier ausbrachen und "zuviel bekamen", waren die von der IG Metall; mit denen wäre man auch anders fertig geworden, als durch generalisierte Leiharbeit zum Hungerlohn. Und jetzt ist eben für Millionen wieder Frühkapitalismus.

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  5. Die Methode "Canvassing" aus den USA für den deutschen Wahlkampf zu importieren halte ich für eine schlechte Idee. Unser Parteien- und Wahlsystem ist ein völlig anderes, und zu glauben, man könne in 3 Minuten das Herz eines Wählers gewinnen, halte ich für ziemlich abwegig.

    Auch ich konnte feststellen: Selbst im Wahlkampf sind viele Politiker nicht bereit, Bürgern auf konkrete Fragen eine zumindest kurze aber den Kern der Frage betreffende Antwort zu geben.

    Erstaunlich war für mich: Sehr konkrete Antworten bekam ich recht zeitnah von allen angeschriebenen CDU-Bewerbern, während kein einziger SPD-Bewerber antwortete. Ich hatte z. B. Herrn Lauterbach gefragt, ob denn nach einem Wahlsieg der SPD dieses Mal mit der Realisierung der Bürgerversicherung, die er ja propagiert, zu rechnen sei. Dass er nicht antwortete, ist für mich auch eine Antwort. Offenbar ist dieses Thema als Wahlkampf-Parole erneut ausgegraben worden, wird aber - wie zu Zeiten der rot-grünen Koalition - scheinbar nicht ernst genommen.

    Wir erinnern uns: Statt Bürgerversicherung kam Ulla Schmidt und fummelte ziemlich erfolglos in der "Gesundheitspolitik" herum.

    Quintessenz: Ich brauche keine Hausbesuche von sicher sehr engagierten Leuten, die mir zwar im besten Fall 3 Minuten lang zuhören, aber ganz sicher in ihrer Partei ohne jeden Einfluss sind.

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