Hegemann in BayreuthEin ziemlich revolutionärer Vorgang

Einschlafen, kotzen, heulen: Zwei Tage bei den Festspielen in Bayreuth zwischen Hummerwürsten, Rattenkindern und ewiger Todessehnsucht von Helene Hegemann

Der Ort, der sie in den Nervenzusammenbruch treibt: Helene Hegemann, 21, im Park des Festspielhauses

Der Ort, der sie in den Nervenzusammenbruch treibt: Helene Hegemann, 21, im Park des Festspielhauses  |  © Michael Herdlein für DIE ZEIT

Am 1. August 2013 stehe ich auf dem Autohof Münchberg, nach vier Stunden Busfahrt erfolgt hier 20 Kilometer vor unserem Ziel die erste Raucherpause. Zwei Hippieeltern in gebatikten Festivalhosen lassen ihre beiden Kinder auf den Parkplatz kacken, direkt hinter McDonald’s. Danach fordern sie mich, anstatt die Kacke wegzumachen, wutentbrannt dazu auf, meine auf dem Boden ausgedrückte Zigarette in den Mülleimer zu schmeißen. Brutale Hysterie, es ist unglaublich. Ich würde gerne "Gründet doch ’ne Bürgerwehr" schreien, bin aber zu feige.

Eine Stunde später, es ist inzwischen 15 Uhr, stehe ich zusammen mit 60 bis 70 in Festtagsgarderobe gepferchten Festspielbesuchern vor meinem Hotel in Bayreuth. Wir warten auf den Shuttle zum Hügel. 2006 war ich zum ersten Mal hier, mit 14, ich habe damals von einem Statisten aus Uganda beigebracht gekriegt, wie man Joints rollt, ich habe Opernsänger in Slayer-T-Shirts Apfelsaft mit lauwarmem Wasser bestellen sehen und bitterlich geheult, als Christoph Schlingensief nach der Premiere seiner ins dritte Jahr gehenden Parsifal-Inszenierung trotz brutalstem Buh-Orkan mit geballter Siegerfaust auf der Bühne stehen geblieben ist. Grinsend.

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Ich will hier niemanden mit Intim-Referenzen aus meiner Jugend belästigen, aber mein Verhältnis zu diesem Ort wird noch zu einem Nervenzusammenbruch führen, der mir einiges über die Festspiele als solche klarmacht. Erst mal die Frage, was ich hier so alleingelassen soll, in einer Mischung aus "I don’t give a fuck" und der Aufforderung, so zu tun, als sei ich abgeklärt. Bin ich nicht, eher ängstlich. Bayreuth gilt als neobürgerliches Auffangbecken für stillose Arschlöcher, und diese etwas brutale Kategorisierung wird damit begründet, dass die Besucher schlecht angezogen, reich und rechts seien. Das ist dummer Quatsch. Stelle ich schon im besagten Shuttle fest. Man fährt nach Bayreuth mit dem Impuls, den Ort als Prollveranstaltung zu dekonstruieren, und noch bevor man am Festspielhaus angekommen ist, schämt man sich zu Tode für die kompromisslose Blödheit, mit der man ein zweitausendköpfiges Publikum als Masse unsympathischer Idioten verallgemeinert hat.

Im Shuttle rollen Schweißperlen die Hälse runter, alle sind aufgeregt, die vermeintlichen Wagnerianer, die Sparkassenfilialleiter, Ehefrauen und ich haben uns hier innerhalb kürzester Zeit zu einer Oberstufenklasse entwickelt, die zu ihrer ersten Vor-Abi-Party fährt, und das ist, ich sage das gänzlich ironiefrei: ziemlich angenehm. Heute wird Lohengrin aufgeführt, in der Inszenierung von Hans Neuenfels. Ich bin zwei Köpfe kleiner als alle anderen, und außer mir gibt es nur zwei Personen unter 40, die beiden scheinen liiert zu sein. Sie versuchen gerade auf Biegen und Brechen herauszufinden, worum es im Lohengrin geht, und sind offenbar nur hier, weil Bayreuth als die bürgerliche Alternative zu "Rock am Ring" gilt.

Irgendjemand stellt die exakt so gemeinte Frage "Waren Hitler und Wagner nicht sogar befreundet?", und auf dem Viersitzer neben mir lassen sich drei Frauen Anfang 70 nieder, die wie russische Oligarchenwitwen aussehen, die sich über Maniküre oder Jachten unterhalten. Tun sie aber nicht, und damit sind schon mal einige Vorurteile entkräftet: Sie fachsimpeln ziemlich abgeklärt, in einer cool cat-Manier, die ich nur aus amerikanischen Qualitätsserien kenne, über die Frage, woran Nietzsches Verhältnis zu Wagner gescheitert ist und warum die öffentliche Kritik an Frank Castorfs Ring-Inszenierung so fundamental an dem vorbeigeht, was die Inszenierung eigentlich ausgemacht hat. Diese Frauen, die Prototypen derer, denen man fehlendes Interesse an Kulturrevolutionen unterstellt, fanden Castorfs Ring geil. Und zwar nicht als von Tarantino-Elementen durchzogenen, respektlosen Trash, sondern als einzige Möglichkeit, diesen Opernzyklus heutzutage auf würdige Weise ernst zu nehmen. Ich fühle mich ihnen augenblicklich sehr verbunden.

Der Ring wurde ähnlich exzessiv ausgebuht wie einst Schlingensief, das ist ziemlich lustig, wenn eine Ansammlung Großindustrieller plötzlich durchdreht und vom Zuschauerraum aus, vulgär bis zum Exzess, das Personal auf der Bühne beschimpft. 2006 hörte das nicht mal auf, nachdem der eiserne Vorhang unten und Schlingensiefs Team längst im Bett war. Ein Großteil des Publikums blieb sitzen, es folgte eine Extremform von Polarisierung, die eine Hälfte buhte, die andere schrie "Bravo", allerdings nicht mehr zur Bühne hin, sondern in den Zuschauerraum. Menschen stellten sich auf ihre Sitze und schrien sich die Seele aus dem Leib. Ein Wunder, dass wir da alle lebend rausgekommen sind.

Bayreuth ist eine zutiefst widersprüchliche Farce – kein Mensch weiß, was er hier tut

Vor dem Festspielhaus stehen Hunderte kleine, bunt angemalte Skulpturen, meistens im Telekom-Magenta, das die Logofarbe der Festspiele zu sein scheint. Wagner in Gartenzwerggröße mit in die Luft gerissenen Armen, er dirigiert scheinbar. Das ist ganz klar ironisch gemeint – und die Offenlegung der Haltung, mit der die Leute, die dieses Gartenzwergschlamassel zu verantworten haben, Wagner auffassen: nämlich als Gartenzwerg. Das Festspielhaus ist mit potemkinschen Stofffassaden abgehängt, weil der Putz bröckelt, es sieht an einigen Stellen wie die Pappkulisse einer in höheren Kreisen angesiedelten Vorabendserie aus. Viele Menschen lassen sich mit einem der Gartenzwerge fotografieren. Einige tragen weinrote Seidenkleider und werfen sich in dramatische Posen. Das erinnert an David-Lynch-Filme, ist jedenfalls zu bizarr und zu geil für linientreue Biederkeit.

Leserkommentare
  1. Dada-Text. Meine Prognose: In zehn Jahren ist Hegemann Regisseurin und macht aus Lohengrin ein Treffen in einem Dark Room.

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    hiermit melde ich Copyright für diese Idee an. Nicht dass Sie auf komische Ideen kommen.

    • tb
    • 14. August 2013 17:26 Uhr

    da kann man den Hügel schon einmal mit dem Berghain verwechseln.

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  2. hiermit melde ich Copyright für diese Idee an. Nicht dass Sie auf komische Ideen kommen.

    3 Leserempfehlungen
  3. Hat sie diesen Text wirklich selbst geschrieben, so mit eigenen, ausformulierten Überlegungen, oder war man sich wieder einmal fürs Selberdenken zu fein und hat sich woanders >bedient<?

    Zudem: Was soll der prätentiöse Stil mit wiederholten Einstreuungen von Worten wie >krass<, >geil< und >total<? Dem Leser die eigene, vermeintliche Unprätentiosität suggerieren?

    Was soll die wiederholte Erzählung von ihrem plötzlichen Rumgeheule? Uns angesichts ihrer zartbeseiteten Künstlerseele das Herz erwärmen?

    Ist der versteckte Hinweis auf die bürgerliche Herkunft (Vater "Dramaturg von Christoph Schlingensief") Hegemanns gewollt, instrumentalisiert um sich von dem Bildungsprekariat abzugrenzen, dass die Hügel Bayreuths säumt?

    Fragen über Fragen, und dass auch ganz ohne Copy & Paste...

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    • dacapo
    • 16. August 2013 22:03 Uhr

    ........ bleibt Frau Hegemann nicht uns schuldig, sondern offensichtlich Ihnen. Und diese Fragen sollten Sie ihr persönlich stellen. Oder - fehlt die Courage?

  4. Dieser Artikel ist komplett ichverseucht!

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  5. hallo, ich will da auch mal hin mit meinen freund. das hört sich einfach genial an!!
    bitte erklärt mir jemand wie ich an Karten komme. ich bin 25, mein freund 29. wo muss ich mich registrieren, was kostet das und wie lange muss ich warten??

    plz helft mir, liebe zeitkommentatoren :)

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    Schnell einen unglaublich kontroversen Szeneroman raushauen (wichtig: viele schiefe Metaphern: "in Festtagsgarderobe gepferchten", kann ruhig auch extensive Zitate enthalten), dann sich von einer ueberregionalen Zeitung hinschicken lassen...

    Die Standardmethode (8-10 Jahre lang jedes Jahr ans Bayreuther Kartenbuero schreiben) ist eindeutig nur etwas fuer Leute, die mit 14 noch keine Joints rollen konnten...

  6. gibt es eine möglichkeit seine inszenierung in bayreuth zu sehen?? weil ich bin ein fan von ihm, hab ihn mal auf einer ausstellung gesehen <3 <3 so ein schnuckel er ist der wahnsinn wenn er da sein zeug brüllt. kann man sich die vorstellung raussuchen?

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    2016 kann man angeblich seinen Parsifal sehen, vorausgesetzt, die Aerzte haben bis dahin seine chronische Armversteifung in den Griff bekommen...

  7. Schnell einen unglaublich kontroversen Szeneroman raushauen (wichtig: viele schiefe Metaphern: "in Festtagsgarderobe gepferchten", kann ruhig auch extensive Zitate enthalten), dann sich von einer ueberregionalen Zeitung hinschicken lassen...

    Die Standardmethode (8-10 Jahre lang jedes Jahr ans Bayreuther Kartenbuero schreiben) ist eindeutig nur etwas fuer Leute, die mit 14 noch keine Joints rollen konnten...

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    Antwort auf "ich. will. da. hin."

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