Wie das leuchtet! Als sei alles Farbenspiel der Sonne in diese Kupferkessel gebannt. Himbeersud lässt Rhabarberwürfel erröten. Aprikosen tanzen im Zuckerschaum. Durch purpurnen Saft gleiten, winzig und rund, Johannis- und Blaubeeren. Und unter den drei Kesseln auf dem Ofen glühen Holzscheite, es riecht nach Süße und Frische und einem Hauch von Ruß.

"Ich liebe Marmeladekochen. Es erinnert mich an früher, als ich bei meiner Mutter über den Töpfen hing", sagt Barbara de Nicolay, Herrin eines Prachtschlosses im westfranzösischen Vallée du Loir: Das Château du Lude hat trutzige Türme, eine Renaissancefassade und einen Park, so riesig, dass die Comtesse darin stundenlang durch die Sommerwärme wandeln könnte.

Doch im Moment steht die Gräfin – eine agile Mittfünfzigerin im Blumenrock – in der alten Schlossküche und tupft sich mit einem Spitzentuch den Schweiß von der Stirn. Neben ihr werkeln zwei Damen aus dem Dorf, die sie zum Marmeladekochen hergebeten hat. "In unserem Park wachsen so viele Früchte, die bekäme ich alleine gar nicht verarbeitet." Rund 200 Gläser wollen die Frauen an diesem Wochenende füllen. Besucher dürfen heute Bereiche des Schlosses betreten, die ihnen sonst versperrt bleiben, den Obstgarten etwa oder eben die Küche. Und sie können den Dorfdamen in die Kessel schauen: wie sie braunen Sternanis in den Aprikosenschaum einrühren; ein paar Beeren hier, eine Prise Zucker da hinzufügen; mit dem Holzlöffel die Obststücke antippen, ob sie schon zerfallen.

Der Küchenboden ist schwarz-weiß gefliest, die Deckengewölbe stammen noch aus dem Mittelalter. In der Mitte des Raums steht, rund drei Meter lang, der Herd. An den Wänden hängen kupferne Kasserollen und Deckel, in die die Initialen einstiger Schlossherren geritzt sind. Aus Bilderrahmen blicken Bedienstete, ein Gärtner etwa, der 1905 mit Zigarette im Mundwinkel in die Sonne lachte. Und in einer Ecke steht ein Eisschrank von 1860, ein Tüftlerwerk, über das die Comtesse ins Schwärmen gerät. "Ich dachte früher, Kühlschränke seien eine moderne Erfindung. Aber damals waren die Leute auch schlau." Von außen wirkt das Gerät wie ein gewöhnlicher Holzschrank. Doch seine Türen sind dick wie Fichtenstämme und von innen mit Metall beschlagen, "das isoliert". Im Schrank hängen Haken fürs Fleisch, darüber eine Traufe fürs Eis, das man im Winter sammelte und in großen Erdlöchern im Wald lagerte. "So hielt es bis zum Sommer."

Zugegeben, sagt die Comtesse: Sie kühlt hier kein Rinderfilet mehr. Und ihr Frühstücksei kocht sie lieber auf dem modernen Herd in ihrer Wohnung oben im Turm. Wer will schon im Alltag einen Ofen verwenden, den man 24 Stunden vorher anheizen muss – und nach jedem Kochen die Haare waschen, weil sie nach Holzfeuer stinken. "Aber mir ist es wichtig, dass die alte Küche immer mal wieder benutzt wird." Besuchergruppen können hier nach Anmeldung mitkochen und -speisen. "Das Schloss soll kein Museum sein, sondern ein lebendiger Ort." Das mache das Château du Lude so besonders – dass es bewohnt sei. Zwar ist die Region rings um die Flüsse Loir und Loire reich an Schlössern; die Adligen reizte die Nähe zum Hof in Versailles. Aber in den meisten davon trifft man heute allenfalls Museumswärter an. Die alte Pracht, seufzt die Gräfin, werde nicht genutzt, sondern mit Kordeln abgesperrt. "Hier dagegen kann man ein Schloss in Aktion erleben."

Die Belgierin entstammt einer adligen Familie. Und dennoch, erzählt sie: Als sie das erste Mal mit dem Grafen das Anwesen betrat, stockte ihr der Atem. "Ich wusste schon, dass Louis nicht gerade in Armut lebt. Aber von seinem Schloss hatte er bei unseren Dates gar nichts erzählt." Dabei ist es eins der größten der Region, berühmt für seine Gärten. Bald habe sie beschlossen, nicht nur dasitzen und verzückt auf Park und Zinnen starren zu wollen. So ließ sie die alte Schlossküche, seit Jahrzehnten zugemauert, wieder öffnen und herrichten. Und weil sie aus einer Familie stammt, "in der alle einen Gartentick haben, ständig über Pflanzen geredet wird, viele beruflich was mit Gärten machen", hat sie sich des "potager" angenommen: des einstigen Obst- und Gemüsegartens, in dem nur noch Unkraut wucherte.