Es ist ein deutsches Ritual: Die Bahn baut Mist, die Fahrgäste beschweren sich. Die Medien berichten über Fahrgäste, die sich beschweren, dass die Bahn schon wieder Mist gebaut hat. Dann schalten sich die Politiker ein und fordern, die Bahn müsse endlich aufhören, Mist zu bauen.

Das Ritual setzt sich reflexartig in Gang, nur der Auslöser kann variieren. Mal sind es vereiste Oberleitungen, mal ausgefallene Klimaanlagen. Mal verspätete Züge, mal überfüllte Waggons. Oder es ist die S-Bahn-Krise in Berlin, die sich zum größten Verkehrschaos nach dem Krieg auswuchs. Im jüngsten Fall sind es fehlende Fahrdienstleiter, die so etwas wie Fluglotsen des deutschen Schienennetzes sind. Ohne sie bewegt sich in Deutschland kaum ein Zug.

Weil sieben der 15 Fahrdienstleiter am Stellwerk in Mainz krank oder im Urlaub sind, läuft der Hauptbahnhof nur noch im Notbetrieb. Jede zweite Regionalbahn fällt aus, die meisten Fernzüge rauschen an der Landeshauptstadt vorbei, am Abend fahren nur Busse. Tausende Pendler sind betroffen. Und es könnten noch viel mehr werden. Die Situation sei überall im Land angespannt, räumt die Bahn ein.

Was läuft da eigentlich schief? Die erste Dampflokomotive fuhr 1835 von Nürnberg nach Fürth. Die Deutschen fahren schon viel länger Zug, als sie Auto fahren. Warum also häufen sich gerade in letzter Zeit die Vorfälle? Warum scheint die Zeit nach einem Bahn-Chaos nur die Vorbereitung auf das nächste zu sein?

Auf einen Schuldigen können sich am Ende eigentlich alle einigen: Hartmut Mehdorn. Der ehemalige Bahn-Chef habe die Bahn auf dem Weg an die Börse kaputtgespart. Ein jahrelanger Sparwahn sei verantwortlich dafür, dass es heute von allem zu wenig gebe: zu wenig Reservezüge, zu wenig Weichenheizungen, zu wenig Fahrdienstleiter. Und der heutige Bahn-Vorstand tue nicht genug, um die Not zu lindern. Der Konzern fahre auf Kante.

All das stimmt, trifft aber nicht den Kern.

Das Chaos gründet auf dem Dilemma zwischen Gewinn und Gemeinwohl

Das Problem der Bahn ist auch das Problem des Bundes. Der Bund ist der Eigentümer, doch er vernachlässigt seinen letzten großen Staatskonzern. Die Politiker im Aufsichtsrat interessieren sich nur dann für das Unternehmen, wenn das Volk zürnt (zugegeben: Es zürnt häufig). Sie wollen von der Bahn eigentlich nichts wissen. Sie wollen nur, dass die Bahn keinen Ärger macht. Doch Ärger ist im System, das der Bund der Bahn auferlegt hat, programmiert. Dieses System gründet auf dem Dilemma, auf das der Kölner ICE-Achsenbruch, die Berliner S-Bahn-Krise und jetzt das Mainzer Stellwerk-Desaster zurückzuführen sind: das Dilemma zwischen Gewinn und Gemeinwohl.

Dieses Dilemma ist nun knapp 20 Jahre alt. Davor war die Bahn eine Behörde, schwerfällig, marode und heruntergewirtschaftet. Anfang der neunziger Jahre schrieb sie Milliardenverluste, die Personalkosten lagen höher als der Gesamtumsatz, die Schulden waren gewaltig. Die Bundesbahn war ein Sanierungsfall.