Bis an die Schmerzgrenze trainieren, sich quälen – und gleichzeitig das Tabu akzeptieren, nicht über die verbotenen Mittel zu sprechen, die Höchstleistungen möglich machen. Wie ging das? Wie funktionierte das System, das vor Kurzem die Studie "Doping in Deutschland von 1950 bis heute" enthüllt hat? Wie konnten Sportmediziner mit staatlicher Förderung Menschenversuche durchführen? Und wie tickten Sportler, Forscher und Offizielle in diesem System? Wir haben fünf von ihnen gefragt.

Die Läuferin

Sie weiß noch ihre Zeit: 23,18 Sekunden, deutscher Juniorenrekord über 200 Meter am 2. August 1986. "Mein schönster Lauf", sagt Claudia Lepping. Das Rennen war ihr Einstieg in die Sprinter-Elite der Bundesrepublik. Bei der Europameisterschaft startete sie vier Wochen später trotz eines Ermüdungsbruchs im Schienbein. Wie viele Sportler trägt Lepping diese Härte in sich und den unbedingten Willen zum Sieg. Beides verführt Athleten dazu, mit ihrem eigenen Körper zu experimentieren. Aber den letzten Schritt ist Claudia Lepping nie gegangen. Doping hat sie verweigert. Doch das System hat sie sehr wohl kennengelernt. Bei der Vorbereitung zur EM warb ein Trainer des SC Eintracht Hamm um sie: "Wir zeigen dir, warum die DDR-Mädels so schnell sind."

Heute sitzt Claudia Lepping in einem Berliner Café und sieht aus, als trainiere sie noch immer jeden Tag. Sie ist 45, ihr Körper schlank und sehnig. In den achtziger Jahren hatten Ärzte ihr ideale Schrittlänge und Körpergröße bescheinigt und gesagt, ein Weltrekord über 400 Meter sei möglich.

1987 begann Claudia Lepping in Hamm zu trainieren, ihr Trainer wollte den Verein zu einer Sprinterhochburg ausbauen. Lepping merkte bald, dass Doping zum Alltag gehörte. Über eine Kollegin mit schwerem Leberschaden hörte sie, bei der habe man "falsch dosiert". Eine zweite litt an einem schwachen Herzen, das wurde mit den Worten kommentiert: "Denkst du, die läuft nur mit Wasser?" Mit einer dritten teilte sich Lepping oft ein Zimmer und beobachtete deren körperliche Veränderungen. Im Bad stand ein zweiter Kulturbeutel, darin lagen die Medikamente. Lepping notierte sich die Namen und zeigte sie ihrer Hausärztin. Stromba und Anavar, Anabolika. Lepping machte sich Sorgen um die Folgen. Die Kollegin sagte, sie vertraue ihren Trainern. Lepping verweigerte sich. "Ich dachte, ich bin auch ohne Hilfe sehr schnell."

Die damalige Dopingpraxis sieht die Sprinterin heute als großen Menschenversuch. Die Mittel waren nie ausgetestet worden, die Nebenwirkungen kannte keiner genau. Schwimmer hatten plötzlich Schuhgröße 50 und mussten eine Zahnspange tragen, weil sich der Kiefer von den Wachstumshormonen vergrößerte, Sprinterinnen bekamen männliche Körperformen.

Als nach dem Mauerfall Doping in der DDR ein großes Thema wurde, schrieb Lepping an den Deutschen Leichtathletik-Verband (DLV) und fragte, ob man wisse, in welchem Maße an der westdeutschen Basis gedopt werde. Die Antwort des "Leistungssportdirektors" war einen Satz lang: "Meines Erachtens liegt hier ein Mißverständnis vor."

Lepping suchte ihre Zukunft jenseits des Sports, studierte Politik, wurde Journalistin und erzählte 1990 ihre Geschichte dem Spiegel. Danach hörte sie nie wieder von ihren früheren Kolleginnen. Doping funktioniert nur in der Stille. "Du hältst den Mund, wenn du etwas nimmst, und du hältst auch den Mund, wenn du krank wirst. Denn wenn es herauskommt, bist du erledigt", sagt Lepping. Daran hat sich bis heute nichts geändert. (Jana Simon)